Kampf um die Social-Video-Vorherrschaft: Diese Konkurrenten jagen Tiktok

Kann Triller Tiktok die Show stehlen? Zumindest befinden sich die Betreiber der US-App aktuell im Angriffsmodus

Diverse Mitbewerber verzeichnen stark steigende Download-Zahlen

Was passiert, wenn die Kurz-Video-App Tiktok in den USA verboten wird? Wird der bisherige Social-Media-Marktführer Facebook davon profitieren, oder öffnet sich die Lücke für einen neuen, starken Konkurrenten? In den vergangenen Wochen haben diverse Tiktok-ähnliche Apps stark steigende Nutzerzahlen verzeichnen können. OMR fasst die jüngsten Ereignisse zusammen, zeigt, welche Tiktok-Konkurrenten jetzt Morgenluft wittern und analysiert deren Potenzial.

Es dürften äußerst unruhige Tage bei Tiktok-Betreiber Bytedance sein. Vor wenigen Tagen hat US-Präsident Trump eine „Executive Order“ unterzeichnet, die zur Folge haben könnte, dass Bytedance für Tiktok entweder innerhalb von 45 Tagen (bis zum 15. September) einen neuen Inhaber finden oder den Betrieb in den USA einstellen muss. Tiktok stelle eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA dar, weil die App eine Vielzahl von Daten von US-Bürgern sammele und somit die Kommunistische Partei Chinas potenziell auf diese Zugriff erhalte, heißt es in der Verfügung. Zwar ist es unter US-Rechtsexperten umstritten, ob und auf welcher rechtlichen Grundlage Trump Tiktok in den USA vollständig verbieten könnte. Trotzdem steht Bytedance enorm unter Druck.

Trump fordert eine „Schutzgeldzahlung“

Bereits kurz vor Trumps Verbotsandrohung war bekannt geworden, dass Microsoft mit Bytedance über eine Übernahme des US-Geschäftes von Tiktok verhandelt. Der US-Konzern bestätigte die Gespräche in einer Pressemitteilung. Wenige Tage später berichtete die Financial Times, dass Microsoft mit Bytedance auch über eine Komplettübernahme von Tiktok diskutiere. Einem Bericht des Wall Street Journal zufolge (Paywall) soll auch Twitter mit Bytedance Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss in den USA geführt haben.

Besonders kurios: Bei einem Aufeinandertreffen von Trump mit Vertretern der US-Tech-Branche äußerte der US-Präsident die Erwartung, dass bei einem Verkauf von Tiktok an ein US-Unternehmen „ein beträchtlicher Anteil des Verkaufspreises in der US-Schatzkammer landen muss“, da die US-Regierung den Verkauf überhaupt erst ermögliche. Eine US-Bürgerrechtlerin verglich gegenüber der New York Times eine solches Prozedere mit Schutzgeldzahlungen. In einem chinesischen Staatsmedium soll laut Bloomberg eine mögliche Übernahme Tiktoks durch Microsoft bereits als „Diebstahl“ bezeichnet worden sein, den China auf keinen Fall akzeptieren werde.

Wird Bytedance gegen die „Executive Order“ klagen?

Bytedance selbst kritisiert in einem offiziellen Statement Trumps Executive Order, u.a. weil dies ohne ordnungsgemäßes Verfahren erlassen worden sei, und kündigt an: „Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden Rechtsmittel nutzen, um sicherzustellen, dass die Rechtsstaatlichkeit weiterhin respektiert und unser Unternehmen und unsere Nutzer*innen fair behandelt werden.“ Einem Bericht des National Public Radio (NPR) der USA zufolge, erwägt Bytedance ebenfalls eine Klage.

Die USA sind jedoch nicht der einzige Markt, in dem Tiktok politisch im Kreuzfeuer steht. Ende Juni hatte bereits die indische Regierung Tiktok sowie 58 weitere chinesische Apps verboten – mit einer ähnlichen Begründung wie später Donald Trump. Medienberichten zufolge soll Tiktok wenig später sowohl aus dem indischen App Store von Apple und dem indischen Google Play Store verschwunden sein. Ein harter Schlag für Tiktok, denn mit kolportierten 200 Millionen Tiktok-Nutzern soll der indische Markt einer der größten für die Social-Video-App gewesen sein. Die aus Indien stammenden, mit Tiktok vergleichbaren Apps Chingari, Mitron und Roposo schossen nach dem Tiktok-Verbot in den indischen App Store Rankings in die Höhe.

Auch das deutsche BSI hat Tiktok geprüft

Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat einem Bericht des Spiegel zufolge Tiktok bereits im Februar dieses Jahres auf Sicherheitsrisiken prüfen lassen. Es sei zwar festgestellt worden, dass ein Teil von Tiktoks Datenverkehr unverschlüsselt übertragen werde (auf HTTP basierend statt auf der sichereren HTTPS-Variante, die mittlerweile fast Standard ist). Tiktok solle dies mittlerweile geändert haben, heißt es beim Spiegel. Eine „tiefergehende Analyse“ der App sei derzeit nicht geplant, so ein BSI-Sprecher gegenüber dem Standard.

Noch nicht bekannt sind die Ergebnisse einer Untersuchung des Europäischen Datenschutzausschusses. Das EU-Gremium hatte im Juni nach einem entsprechenden Antrag des FDP-Abgeordneten Moritz Körner angekündigt, eine Task Force einzurichten, die ein potenzielles Vorgehen koordinieren und einen umfangreicheren Überblick über die Datenverarbeitungspraktiken von Tiktok erarbeiten soll. Tiktok hat unterdes vor wenigen Tagen angekündigt, in Irland ein europäisches Datenzentrum errichten zu wollen.

Downloads der Konkurrenten wachsen um 361 Prozent

Nach den jüngsten Ereignissen im indischen und US-amerikanischen Markt haben diverse andere Apps Aufwind erfahren und deutlich gestiegene Download-Zahlen verbuchen können. Laut dem App-Analytics-Tool-Anbieter Sensor Tower sollen in der Woche ab dem 27. Juli, kurz nach Trumps Ankündigung, Tiktok in den USA sperren zu wollen, die Zahl der US-Downloads der vier Tiktok-Mitbewerber Triller, Zynn, Dubsmash und Byte um 361 Prozent auf insgesamt 1,5 Millionen Downloads gestiegen sein.

Die Entwicklung dürfte zum einen darauf zurückzuführen sein, dass einige der Betreiber dieser Apps ihre Marketing- und PR-Maßnahmen verstärkt haben – wohl mit dem Hintergedanken, im Falle eines Verbots einen Großteil von Tiktoks Nutzerschaft kostengünstig abwerben zu können. Zum anderen haben einige Tiktok Creator mit vielen Followern Accounts auf einigen dieser anderen Plattformen angelegt und für diese neuen Accounts auf Tiktok und Instagram geworben – vermutlich um ihre Reichweite nicht ganz von vorne aufbauen zu müssen, sollte Tiktok wirklich verboten werden.

Doch wer sind nun im einzelnen die Tiktok-Herausforderer? Ex-Techcrunch-Journalist Josh Constine (mittlerweile für ein Venture-Capital-Unternehmen tätig) hat in seinem Newsletter eine lesenswerte Analyse aller Konkurrenten veröffentlicht. Wir greifen diese in Folge auf und ergänzen sie um eigene Beobachtungen und einige weitere Player.

Instagram Reels – Wird auch Facebooks zweite Copycat erfolgreich sein?

Bereits im November 2019 hatte Facebook mit Reels ein sehr stark an Tiktok erinnerndes Feature in Brasilien gelauncht. Ende Juni folgte die Markteinführung von Reels in Deutschland und Frankreich. Kurz nach US-Präsident Trumps Ankündigung, Tiktok in den USA verbieten zu wollen, erfolgte der Launch in mehr als 50 Ländern, darunter Schlüsselmärkte wie die USA, Indien, Großbritannien, Australien und Japan.

So sieht die Reels-Funktion in der Instagram-App aus (Quelle: Facebook)

Schon einmal hat Facebook das zentrale Feature eines Mitbewerbers kopiert: Die Story-Funktion von Instagram wurde innerhalb kürzester Zeit weitaus erfolgreicher als das Originalformat Snapchat Stories. Hat nun Instagram Reels das Zeug dazu, Tiktok das Wasser abzugraben? Dieser Frage sind wir bereits in einem gesonderten Artikel nachgegangen.

Kurze Zusammenfassung: Tiktok ist deutlich größer, erfolgreicher und finanzstärker als Snapchat es war, als es durch Facebook kopiert worden ist. Der Vorteil von Instagram gegenüber Tiktok dürfte sein, dass große Creator auf der Plattform mit Reels verlässlicher Reichweite erzielen können, während sie auf Tiktok immer wieder von neuem versuchen müssen, auf die rein algorithmisch erstellte „Für Dich“-Seite zu gelangen.

Der Kampf um die Top Creator ist entbrannt

Einem Bericht des Wall Street Journal (Paywall) zufolge soll Instagram auch mehrere reichweitenstarke Tiktok Creator angesprochen und diesen angeboten haben, die Produktion von Videos zu finanzieren, wenn sie Inhalte exklusiv oder zumindest zuerst über Reels veröffentlichen. Einigen der größten Creator sollen sogar mehrere Hunderttausend US-Dollar angeboten worden sein, wenn sie alleine über Reels veröffentlichen.

Tiktok hatte zuvor angekündigt, einen „Creator Fund“ einrichten zu wollen, um reichweitenstarke Tiktok-Nutzer mit „zusätzlichem Einkommen“ zu unterstützen. Innerhalb der nächsten drei Jahre wolle das Unternehmen weltweit mehr als zwei Milliarden US-Dollar in die Top Creator investieren – eine Milliarde davon in den USA und 300 Millionen US-Dollar in Europa.

Triller: Mit Star-Power zur erfolgreichen „Erwachsenen-Alternative“?

Triller ist offenbar die App, die bislang am stärksten von Tiktoks Problemen profitieren konnte – in den USA und international. Nach den Ereignissen der vergangenen Wochen soll Triller in mehr als 85 Ländern auf Platz 1 im App Store geschossen sein, darunter USA, Großbritannien und Deutschland. In Indien kletterte die App in Apples App Store Anfang Juli bis auf Platz 3. Seit wenigen Tagen sinkt Triller jedoch in den Rankings deutlich nach unten.

(Zeitraum: 30. Juni bis 11. August | Quelle: App Annie)

35 Millionen Downloads habe Triller alleine „in den letzen Tagen“ verzeichnet, so die Betreiber am 5. August gegenüber Techcrunch. Wenige Tage zuvor hatten sie bereits in einer Pressemitteilung vermeldet, dass Triller insgesamt 250 Millionen Mal heruntergeladen worden sei. Anfang Juli soll die Zahl der Downloads noch bei knapp 100 Millionen gelegen haben. Zu diesem Zeitpunkt bezifferte das Unternehmen die Zahl der monatlich aktiven Nutzer auf 50 Millionen und die der täglich aktiven auf acht Millionen. Auffällig ist, dass gängige App-Analytics-Tools wie Appfigures, Priori Data und Sensor Tower die Zahl der Gesamt-Downloads von Triller deutlich niedriger einschätzen: auf eine niedrige bis mittlere achtstellige Summe.

Vom Editing-Tool zur Social Platform

Die Nutzeroberfläche von Triller erinnert stark an die von Twitter. Den Nutzer erwarten nach der Registrierung beim Öffnen der App drei Feeds: „Abonniert“, „Musik“ und „Social“. Standard-mäßig startet die App im „Musik“-Feed. In allen drei Feeds erwarten den Nutzer Kurzvideos im Tiktok-Stil. Ein Unterschied: Die Kurz-Clips laufen bei Triller anders als bei Tiktok nicht in Schleife, sondern nach einmaliger Wiedergabe wird automatisch das nächste Video abgespielt.

Ein Einblick in die Nutzeroberfläche von Triller: Links ein Video im „Musik“-Feed der App, in der Mitte die Ansicht eines einzelnen Accounts und rechts der Suchen-und-Entdecken-Bereich der App, den die Nutzer mittels antippen des Lupensymbols erreichen (Screenshots & Collage: OMR)

Triller ist 2015 von David Leiberman und Sammy Rubin gegründet worden, die zuvor Musik-Apps für Kinder entwickelt hatten.  Triller war zunächst als Produktions-Tool für Musik-Videos gedacht gewesen; inklusive „Auto-Editing“-Feature, das mehrere Videoschnipsel automatisiert zusammenschneidet. 2016, im Jahr des Aufstiegs von Tiktok-Vorgänger musical.ly, wurde Triller dann zum Social Network erweitert.

Stars wie The Weeknd und die Musikindustrie pushen Triller

Im Rahmen einer Finanzierungsrunde in Höhe von 28 Millionen US-Dollar wurde im Herbst 2019 Proxima Media Mehrheitseigner von Triller. Das Unternehmen investierte zuvor vor allen in Filmproduktionen wie „The Fast and the Furious“; hinter Proxima steht Ryan Kavanaugh, eine schillernde Figur aus Hollywoods Entertainment-Branche. Seinen Kontakten dürfte es zu verdanken sein, dass Triller im Oktober 2019 vermelden konnte, Musikstars wie The Weeknd, Snoop Dogg, Kendrick Lamar und den DJ Marshmello sowie Branchenpromis wie Troy Carter (Ex-Manager von Lady Gaga) und Ash Pournouri (Ex-Manager von Avicii) als Mitinvestoren gewonnen zu haben.

Darüber hinaus soll Triller Lizensierungsverträge mit Warner, Sony und Universal, also den drei großen Plattenfirmen der Musikbranche abgeschlossen haben – das ist wichtig, um den Triller-Nutzern einen entsprechenden Katalog von Songs anbieten zu können, mit denen sie ihre Videos unterlegen können. Laut Music Business Worldwide sind alle drei Musikkonzerne auch Minderheitsanteilseigner Triller.

18-jähriger Top-Tiktok-Creator wird Trillers Strategiechef

Dementsprechend sind viele Musikstars auf Triller aktiv, vor allem aus dem Hip-Hop-Bereich sowie aus anderen, eher „urbanen“ Genres. Damit wolle Triller im Vergleich zum prominenten Mitbewerber eine etwas ältere Zielgruppe ansprechen, so Ryan Kavanaugh vor Kurzem gegenüber CNBC: „Wir sehen uns eher als Erwachsenen-Version von Tiktok.“

Dieses Selbstverständnis hat das Unternehmen nicht davon abgehalten, vor Kurzem die drei reichweitenstarken nordamerikanischen Tiktok Creator Josh Richards, Griffin Johnson und Noah Beck für Triller abzuwerben. Der 18-jährige Richards soll sogar ebenfalls als Investor in Triller eingestiegen sein und agiert nun als „Chief Strategy Officer“ des Unternehmens. Der Vorgang ist ebenso ein Indiz dafür, wie ernst es Triller offenbar damit ist, Tiktok den Schneid abzukaufen, wie der Umstand, dass Triller Ende Juli in den USA gegen Tiktok Klage eingereicht haben soll – wegen angeblicher Patentrechtsverletzungen.

Wird Triller jetzt zum Unicorn?

Aktuell sammelt Triller einem Bericht von Techcrunch zufolge erneut Kapital ein. Hatte das Betreiberunternehmen im Oktober 2019 28 Millionen US-Dollar (laut Wall Street Journal auf Basis einer Bewertung von 130 Millionen US-Dollar) eingesammelt, sollen es in der kommenden Runde 250 Millionen US-Dollar werden – bei einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar.

Likee: Wird ein anderes chinesisches Unternehmen zum Tiktok-Erben?

Laut dem US-amerikanischen App-Analytics-Tool Apptopia soll in den USA jedoch nicht Triller, sondern Likee die Social-Video-App sein, die am stärksten von der Unruhe rund um Tiktok profitiert. Die Zahl der Daily Active User von Likee sei in innerhalb der vergangenen sechs Monaten in den USA deutlich stärker gestiegen als die aller Konkurrenten, so Apptopia-Gründer Adam Blacker im Firmenblog. Während Triller knapp drei Millionen Downloads habe generieren können, seien es im Fall von Likee rund 7,5 Millionen gewesen. Die Vermutung liegt nahe, dass Likee-Betreiber Bigo Technology beträchtliche Summen in Marketing und Nutzergewinnung investiert.

Eine Grafik, die zeigt, dass die Zahl der Daily Active User von Likee in den USA weitaus deutlicher gestiegen ist als die von Triller, Byte und Dubsmash

Die Entwicklung der Daily-Active-User-Zahlen von Likee, Triller, Byte und Dubsmash in den USA im Vergleich (Quelle: Apptopia)

Auch die Nutzeroberfläche von Likee unterscheidet sich nicht übermäßig von der Tiktoks. Auch hier dreht es sich um Kurzvideos im Hochkantformat. Beim Öffnen der App wird den Nutzer*innen (anders als bei Tiktok und Triller) nicht direkt ein Video auf der gesamten Bildschirmgröße angezeigt, sie müssen erst aus einem von mehreren beliebten Videos wählen. Tippen sie dann ein Video an, wird ihnen dieses in Schleife abgespielt. Mit einem Wisch nach oben kommen sie zu weiteren Videos. Neben dem „Beliebt“-Feed gibt es auch einen „Folgen“- sowie einen „Live“-Feed, in dem aktuelle Streams zu finden sind.

Ein Einblick in das User Interface von Likee: Links die Standard-Ansicht nach Öffnen der App, in der Mitte ein Video im Feed und rechts der Kameramodus mit diversen Editier-Möglichkeiten (Screenshots & Montage: OMR)

Wird die direkte Verbindung nach China zu Likees Verhängnis?

Betreiber Bigo Technology bezeichnet sich in einer Pressemitteilung bereits selbst als „größten Rivale von Tiktok“. Das Unternehmen sitzt in Singapur, ist aber im März 2019 vom chinesischen Unternehmen Joyy (unter dem Kürzel „YY“ an der US-Tech-Börse Nasdaq gelistet) aufgekauft worden. Joyy ist ein Mitbewerber von Bytedance und betreibt u.a. die ebenfalls global erfolgreiche Streaming-Plattform Bigo Live.

In Indien ist Likee Ende Juni gemeinsam mit Tiktok und den 58 weiteren chinesischen Apps verboten worden. Sollte Tiktok in den USA wirklich verboten werden, ist es kaum vorstellbar, dass die aktuelle US-Regierung es langfristig erlaubt, dass eine andere Plattform mit deutlicher Verbindung nach China an die Stelle von Tiktok tritt. Doch sollte Tiktok einem Verbot entgehen können, etwa durch einen kompletten oder teilweisen Verkauf an ein US-amerikanisches Unternehmen, ist es zumindest denkbar, dass Likee ebenfalls am US-Markt verbleiben kann.

Das Anschlussfeld: Zynn, Byte und Dubsmash

Im Mai hatte in den USA bereits der Tiktok-Klon Zynn für Aufsehen gesorgt, als er quasi über Nacht den ersten Platz im App Store erklomm. Das „Erfolgsrezept“: Die Betreiber lockten Nutzer mit dem Versprechen an, sie für das Schauen von Videos zu bezahlen. Wie „The Information“ recherchierte, steht hinter Zynn der ebenfalls aus China stammende Bytedance-Mitbewerber Kuaishou, der im Dezember 2019 zwei Milliarden US-Dollar Funding vom chinesischen Tech-Giganten Tencent eingesammelt haben soll.

Wegen dieser Verbindung zu China forderte ein US-Senator im Juni die US-Handelsbehörde FTC dazu auf, Zynn einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Wenige Tage später entfernten Apple und Google Zynn aus dem App bzw. dem Play Store – offenbar weil sich Creator darüber beschwert hatten, dass ihre Videos in Zynn ohne ihr Einverständnis hochgeladen worden waren. Mittlerweile ist sowohl im Google Play Store und im US-App-Store wieder eine App namens Zynn verfügbar. In den App Store Rankings sind diese jedoch weit abgeschlagen.

Byte: Spätstarter in der Digital-Hipster-Szene

Kurzzeitig konnte auch die US-App Byte von der Unruhe rund um Tiktok profitieren: Anfang August stieg diese bis auf Platz 2 des Gesamt-Rankings im US-App-Store (Platz eins nahm Triller ein). Hinter Byte steht der US-Tech-Unternehmer Dominik Hofmann, Mitgründer von Vine, der ersten großen digitalen Kurzvideoplattform. Vine war 2012 für 30 Millionen US-Dollar von Twitter übernommen und 2016 eingestellt worden – sehr zum Ärger Hofmanns.

Mit Byte greift Hofmann nun erneut im Kurzvideosegment an. Das Unternehmen soll angeblich in bislang drei Finanzierungsrunden knapp 17 Millionen US-Dollar eingesammelt haben – deutlich weniger als Tiktok, aber auch als Triller. Byte biete eines der umfangreichsten „Creation Tools“ aller Tiktok-Mitbewerber, schreibt Josh Constine. Doch die App sei spät am Markt gewesen, habe bislang kaum Stars anziehen können und biete keine Augmented-Reality-Filter. Wir ergänzen: Byte scheint ebenfalls keine Lizenzverbeinbarungen mit Musik-Labels abgeschlossen zu haben, weswegen die App über keinen eigenen Musik-Katalog verfügt.

Dubsmash? Ja, die gibt es noch!

Lange ist es her, dass Dubsmash in Deutschland ein Thema war: 2015 erlebt die Lipsyncing-App (die Nutzer können zu Tonschnipseln neue Videos produzieren) hierzulande ihren viralen Höhepunkt, verschwand danach aber recht schnell aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Kaum beachtet wurde dementsprechend in Deutschland, dass die drei deutschen Dubsmash-Gründer kurz vor der Einstellung des Unternehmens im Jahr 2017 in den USA neu gestartet haben und die App dort zeitweise als  Nummer zwei hinter Tiktok etablieren konnten.

Mittlerweile ist Dubsmash ähnlich wie Tiktok zu Anfang eher für „Tanz Memes“ bekannt. Renegade, einer der populärsten Tänze auf Tiktok im vergangenen Jahr, soll von einer Creatorin auf Dubsmash erfunden worden sein. Vor allen Dingen unter afro-amerikanischen Creatorn soll Dubsmash laut Techcrunch besonders populär sein. Doch auch die App verfügt weder über Deals mit Plattenfirmen noch über Augmented-Reality-Filter, wie sie beispielsweise auf Tiktok die Nutzung antreiben. Zudem zahle das Unternehmen den Top Creatorn kein Geld. Die App Store Rankings (aktuell Platz 767 in den USA) lassen zudem darauf schließen, dass Dubsmash aktuell offenbar weit entfernt davon ist, eine größere Masse an Nutzern zu erreichen.

Wer gewinnt die Schlacht?

Das Fazit: Die beste Chance, auch langfristig von Tiktoks Problemen zu profitieren, dürften Social-Riese Facebook mit Instagram Reels sowie Herausforderer und Musikindustrie-Protegé Triller haben. Wie groß diese Chance wirklich ist, wird sich wohl spätestens am 15. September zeigen.

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