Youtube-Überflieger Ost Boys: Deutschlands asozialste Webserie ist ein Wachstums-Wunder

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Die Ost Boys Slavik (links) und Wadik vor einem Mix Markt in Berlin-Marzahn (Foto: Facebook)

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Slavik und Wadik kommen inzwischen auf über 670.000 Youtube- und 920.000 Instagram-Abonnenten

Sie fluchen, spucken und jonglieren mit Ressentiments eigentlich allem und jedem gegenüber – man kann nicht behaupten, dass am Namen „die asozialste Webserie Deutschlands“, wie sich die Ost Boys selber bezeichnen, so gar nichts dran ist. Dank derbem, aber intelligentem Humor und clever gewählten Video-Gästen wächst der Youtube-Kanal von Slavik und Vadik aus Berlin-Marzahn aktuell dennoch extrem stark. OMR analysiert das Wachstum, die von Zoten geprägte Content-Strategie und zeigt, wie das Duo die Reichweite vermarktet.

„WIR MACHEN YOUTUBE UM REICH BERÜHMT UND ALLE FÖTZCHEN AUF DER WELT ZU KRIEGEN!!!!!11“, lautet ein kleiner Ausschnitt aus der Beschreibung des Youtube-Kanals der Ost Boys. Und weiter: „UNSERE MARZAHNER GESCHICHTEN BEGLEITEN DICH SANFT IN DEN SCHLAF ODER SIND AUCH GUT ZUM KACKEN. KOMM MIT VALERA!!“. Übrigens: Ja, genau so wie in der Beschreibung und noch derber geht es verbal selbstverständlich auch in allen Videos der Ost Boys zu.

Die erste Folge der Ost Boys, die ein wenig wie ein russischer Reboot des Komikerduos Erkan und Stefan erinnern, geht Ende Februar 2016 online. Fast drei Jahre später hat der nur acht Minuten kurze Clip „WELCOME TO MARZAHN 1. FOLGE OST BOYS“ über 810.000 Aufrufe und unter Fans längst Kultstatus erreicht. Slavik und Wadik stellen sich damals mehr oder weniger kurz vor und erklären die Idee hinter ihrem Projekt: den von Plattenbauten geprägten Ortsteil Marzahn im Osten Berlins in einer Webserie zeigen, wie er ist – und damit Geld verdienen.

Die Ost Boys als authentisches Film-Projekt

Knapp über 200 Videos später wissen wir: Der Plan dürfte aufgegangen sein. Über 670.000 Abonnenten und etwa 72 Millionen Aufrufe haben die Ost Boys bei Googles Videoplattform, auf Instagram werden Slavik und Wadik in wenigen Tagen die Millionen-Marke knacken. Bei Facebook kommt das Duo immerhin noch auf fast 460.000 Fans.

Ihrem trashigen Stil sind sie seit dem Start treu geblieben. Zwar wird die Video-Produktion rein technisch gesehen immer professioneller, verwackelte oder unscharfe Aufnahmen, Kameraausfälle und hektische Schnitte gehören als festes Stilelement aber immer noch dazu. Und auch die Sprache ist weiterhin nicht wirklich jugendfrei. Die Ostboys fluchen bei jeder Gelegenheit, mischen immer wieder Deutsch mit russischem Jugendslang und übersetzen auch schon mal absichtlich falsch – alle Witze bekommt also nur mit, wer beide Sprachen beherrscht.

Auch die Presse feiert die Ost Boys

Nur den wenigsten vor allem in einer jungen Zielgruppe angesagten Phänomenen gelingt es, in den Medien eine so große Wertschätzung zu erfahren, wie die Ost Boys. Im Mai 2018 beschreibt beispielsweise Moritz von Uslar die Ost Boys in der Zeit als „brutal lustig“. Slavik und Wadik würden ihren „Alltag zwischen Shisha-Bar, Arbeitsamt und dem russischen Mix Markt“ präsentieren und dabei „sagenhaften, manchmal fast philosophischen, immer charmanten, oft auch brutal unsinnigen und verblödeten Kram“ reden. Resümee seiner Kritik: „In seinen besten Momenten ist das Reality-TV der Ost Boys beides, Sozialreportage und Feuilleton.“

Aber nicht nur die Zeit hat sich bereits Slavik und Wadik gewidmet. Beiträge und Artikel in der Süddeutschen Zeitung, Mit Vergnügen, Vice und Deutschlandfunk Kultur zeigen, dass die Ost Boys sowohl im Mainstream, als auch im Feuilleton angekommen sind. Die Märkische Allgemeine hat das Duo zuletzt sogar als Aufhänger genutzt, um die Märkische Allee in einem Straßenporträt zu beschreiben.

Am meisten Aufmerksamkeit dürften allerdings die Auftritte beim ProSieben-Format „Late Night Berlin“ im Frühjahr 2018 erzeugt haben. Gleich drei mal traf Moderator Klaas Heufer-Umlauf die Ost Boys in Marzahn (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Alleine die Clips auf dem Youtube-Kanal der TV-Show haben insgesamt 4,5 Millionen Views generiert.

Erste große Werbedeals und eigenes Merchandise

Für im direkten Vergleich zwar weniger Reichweite aber ein insgesamt wohl größeres Medienecho hat kurz darauf eine Kooperation mit Edeka gesorgt. Für eine HR-Kampagne veröffentlichten die Ost Boys den nicht einmal drei Minuten langen Clip „SLAVIK JUNGE BESTE WERBEGESICHT“ und machten auf offene Ausbildungs- und Studienangebote der Supermarkt-Kette aufmerksam. Das von Pretty Ugly Motion Pictures (Produktionsfirma der Kreativagentur Dojo, hier geht es zum OMR Podcast mit den Gründern) produzierte Video auf dem eigenen Kanal hat aktuell 600.000 Aufrufe, bei Facebook wurde es fast fünf Millionen Mal angeschaut. Die beiden genutzten Bitly-Links zu Edekas Karriere-Seite kommen bis heute (Stand: 21. Februar 2019) auf fast 30.000 Klicks.

Daneben haben die Ost Boys recht wenige Werbedeals umgesetzt. Während vor allem in früheren Videos immer mal wieder Einspieler vom Mix Markt in Marzahn eingebaut waren, taucht heute regelmäßig ein kurzer nativer Werbeblock von sportspar.de auf (hier beispielsweise ab Minute 5:20). Neben Affiliate-Einnahmen durch Verlinkungen auf Kamera-Equipment dürften auch das eigene Buch „Asozialer Guide für Deutschland“ und Musiktracks, die Slavik unter dem Pseudonym MA4 veröffentlicht, für Umsätze gesorgt haben und immer noch sorgen.

Deutlich relevanter dürfte allerdings das im eigenen Online-Shop angebotene Merchandise sein, für das die Ost Boys in nahezu jedem Video die Werbetrommel rühren. Auf ost-boys.shop verkauft das Duo unter anderem Hoodies, Caps und T-Shirts mit Prints wie „BLYAT“ (Ausruf, der so genutzt wird, wie im Deutschen „Scheiße“), die bei Fans legendäre „Fötzchen-Weste“ und die aktuelle „Blyatberry“-Kollektion inklusive eigener Pfandflaschen-Tasche. Betreiber des Online-Shops ist die eleven:45 GmbH, die sich unter anderem auch für die Shops vom Rapper Bausa und Team Kuku (ehemalige Rap-Crew von Capital Bra) verantwortlich zeichnet. Dem Statistikdienst Similarweb zufolge konnte ost-boys.shop im Januar 2019 rund 55.000 Visits erzielen.

Was macht die Ost Boys so erfolgreich?

Neben Inhalten, die ganz offensichtlich mehrere unterschiedliche Zielgruppen erfolgreich bedienen, nutzen die Ost Boys vor allem eine Mechanik sehr clever, um gezielt Reichweite bei Youtube aufzubauen: Features mit anderen, reichweitenstarken Influencern, Rappern und Promis. Sido, Kontra K, Bodyformus, Jerome Boateng, Palina Rojinski, Lucy Cat und Ali Bumaye waren alle schon teilweise mehrfach bei Q&As oder anderen Formaten zu Gast. Für das erfolgreichste Feature überhaupt sorgte aber zuletzt Youtube-Star Shirin David. Nur fünf Minuten lang saßen sie und Wadik sich gegenüber und haben sich Witze erzählt. „Neben fast 900.000 Views generierte alleine der Clip über 30.000 neue Abos – und das innerhalb einer Woche“, so Christoph Burseg, Gründer des Youtube-Analyse-Tools Veescore.

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Ein fünf Minuten kurzes Video mit Youtube-Star Shirin David hat für 30.000 neue Abonnenten gesorgt (Quelle: Veescore.com).

Und auch sonst ist der Youtube-Experte von der Performance des Kanals begeistert. „Die wachsen aktuell super. Zehn Prozent aller Views und acht Prozent aller Subscriber stammen aus den vergangenen 30 Tagen“, sagt Burseg. Auch die Aktivität der Abonnenten sei sehr hoch. „30 Prozent der Subscriber schauen sich jedes Video innerhalb der ersten sieben Tage an. Etablierte Youtuber liegen da meistens bei einem Wert zwischen zehn und 15 Prozent.“ Allerdings werde auch erst seit Oktober 2018 konsequent und regelmäßig neuer Content hochgeladen. Christoph Burseg stellt fest: „In dem Moment gehen sofort die wichtigen Interaktionen hoch. Das wird direkt vom Empfehlungs-Algorithmus belohnt.“ Sein Fazit: „Eine tolle Leistung. Erst nach rund 100 Videos ging es richtig los. Sie haben also lange ausgehalten und hart gearbeitet.“

Ein Ende des Abo- und Reichweiten-Wachstums der Ost Boys scheint aktuell also noch nicht in Sicht zu sein. Es hängt wohl davon ab, wie lange das Duo noch in ihren Rollen bleiben will. Denn – für einen Teil der Fans sicher wirklich eine Überraschung – Slavik und Wadik heißen in Wirklichkeit ganz anders. Slavik heißt eigentlich Mark Filatov und ist Schauspieler, Wadiks echter Name ist Dimitri Tsvetkov – er ist Regisseur.

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