#gemeinsamstark: Diese Social-Ads-Experten schalten gratis Werbung fĂŒr lokale LĂ€den
Roland Eisenbrand24.3.2020
Wie eine Gruppe von Digital-Marketing-Machern Restaurants und HĂ€ndlern durch die Corona-Krise helfen will
Da es aktuell schwer ist, Gruppenfotos zu schieĂen, hier zumindest ein Teil der #gemeinsamstark-Experten: (von links) Jan Stranghöner (von den Social Marketing Nerds), Lena Gmeiner (von Online Marketing Vogg), Carolin Pfeiffer und Florian Litterst (beide von adsventure)
Inhalt
- âDas hat mir die Laune verhageltâ
- Das Whoâs Who der Social-Ads-Szene schlieĂt sich an
- âOrdentlich Wummsâ mit 15 Euro pro Tag
- Nicht mehr nur Restaurants, sondern liefernde EinzelhÀndler generell
- Ein Blumenladen nimmt Bestellungen per Whatsapp an
- âWir konnten den ausgefallenen Tagesumsatz kompensierenâ
- Aktuell werden 20 lokale Businesses unterstĂŒtzt
- Eine Facebook-Gruppe fĂŒr den Austausch
- âWir arbeiten mit Hochdruck an einem Matchmakingâ
Wie kann man als Unternehmer mit einem stationĂ€ren Ladenlokal in einer Zeit, in der alle GeschĂ€fte geschlossen sein mĂŒssen, wirtschaftlich ĂŒberleben? Diese Frage stellt sich aktuell Zehntausenden Gastronomen, HĂ€ndlern und Dienstleistern in Deutschland. Manche lokale Unternehmen haben nun im Hau-Ruck-Verfahren einen Lieferdienst eingerichtet â aber wie bekommt man den auf die Schnelle beworben? Eine Gruppe von Online-Marketing-Experten will helfen â und schaltet fĂŒr die LĂ€den kostenlos Werbung auf Facebook und Instagram. OMR hat mit dem Initiator gesprochen.
Eigentlich könnte Florian Litterst trotz der Corona-Krise guter Laune sein. Der 31-JĂ€hrige ist GrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer der kleinen Agentur Adsventure, die fĂŒr ihre Kunden Werbung auf Plattformen wie Facebook, Instagram und Pinterest bucht (Litterst ist auĂerdem Autor mehrerer OMR Reports). Im vergangenen Jahr hat der Social-Advertising-Experte nach eigenen Angaben im Auftrag seiner Kunden 3,5 Millionen Euro Budget verwaltet. Auch jetzt leide das GeschĂ€ft kaum unter Covid19: âUnser Fokus liegt auf E-Commerce, das kommt uns zugute. Es gibt zwar bei ein paar Kunden Budget-KĂŒrzungen, aber im GroĂen und Ganzen haben wir eine stabile Auftragslage. Und noch dazu profitieren unsere Kunden von den aktuell gĂŒnstigen Preisen auf den Plattformenâ, so Litterst gegenĂŒber OMR.
âDas hat mir die Laune verhageltâ
Trotzdem geht die aktuelle Situation auch an dem Agenturinhaber nicht spurlos vorĂŒber. Litterst fĂŒhlt besonders mit Inhabern von Restaurants und stationĂ€ren LĂ€den mit: âIch sitze zu Hause am Rechner und kann, indem ich ein paar Knöpfe drĂŒcke, jederzeit etwas fĂŒr mein Business tun. StationĂ€re LĂ€den können das aber nicht ohne Weiteres. Das hat mir zuletzt wirklich die Laune verhagelt.â Zwar sind manche EinzelhĂ€ndler so digitalaffin, dass sie innerhalb kurzer Zeit clevere, unkomplizierte Digitalmodelle entwickeln, beispielsweise ĂŒber Instagram. Aber nicht jeder hat das Know-how und die KreativitĂ€t dafĂŒr.
Am vergangenen Mittwoch ruft Litterst deswegen in einer spontanen Aktion ĂŒber Facebook lokale Restaurants an seinem Wohnsitz in Offenburg dazu auf, sich bei ihm zu melden â wenn diese denn einen Lieferdienst anbieten. Litterst will fĂŒr sie Anzeigen auf Facebook schalten kann â kostenlos â und den Gastronomen damit helfen, UmsatzeinbrĂŒche abzufedern oder sogar den Umsatz zu stabilisieren.
Das Whoâs Who der Social-Ads-Szene schlieĂt sich an
Die ersten, die auf sein Posting reagieren, sind jedoch keine Restaurant-Inhaber â sondern Kollegen aus der Digital-Branche. Innerhalb von nicht einmal einer Stunde schlieĂen sich mehrere Social-Ads-Macher aus der ganzen Republik der Aktion an und kopieren Littersts Idee fĂŒr ihre Region: Jakob Strehlow in Kiel, Jan Stranghöner (Social Marketing Nerds) in Köln/Eschweiler, Mike Wattrodt (Socialised) in Leverkusen, Christian Neubauer (Digital Wings) in Koblenz, Paul MĂŒller (@ttention) in Berlin, Sebastian Vogg (Online Marketing Vogg) in Ulm und Artur Derr (Die Mehr-Akademie) im Schwarzwald.
Alle von ihnen haben in der deutschen Online-Marketing- und Social-Ads-Szene einen Namen, sprechen hÀufig auf Branchen-Events oder veranstalten selbst welche oder betreiben Blogs und Podcasts zum Thema. Weil noch mehrere Helfer dazu kommen, richten alle Beteiligten eine Gruppe im Chat-Tool Slack ein, die mittlerweile 17 Mitglieder umfasst.
âOrdentlich Wummsâ mit 15 Euro pro Tag
FĂŒr interessierte Gastronomen ist das Prozedere recht einfach: Sie melden sich per Facebook Messenger oder unter dem Facebook Post bei dem jeweiligen Experten und erhalten, wenn das Angebot fĂŒr die Aktion passt, ein PDF mit Infos darĂŒber, wie sie den Experten fĂŒr ihr Facebook Ads Konto freischalten können. So bald das geschehen ist, ĂŒbernimmt der jeweilige Experte das Ruder ĂŒber die Anzeigen. Florian Litterst beispielsweise stellt noch am selben Tag, an dem er auch sein Aufruf-Posting veröffentlicht hat, die ersten Ads online: fĂŒr das mexikanische Restaurant Sanchoâs, den Italiener âGuglhupfâ und die Brasserie Engel.
Der Vorteil, den EinzelhĂ€ndler nach Darstellung von Litterst gegenĂŒber âgroĂen Facebook-Advertisernâ haben: Offenbar lĂ€sst sich mit regional ausgespielten Kampagnen auf Facebook und Instagram mit wenig Budget viel bewegen. âMit 10 oder 15 Euro pro Tag kann man da ordentlich Wumms erzielenâ, so Litterst. Ziel sei es, mit Anzeigen den Schneeball ins Rollen zu bringen, damit die Lieferangebote dann durch organische Sichtbarkeit wachsen.
Nicht mehr nur Restaurants, sondern liefernde EinzelhÀndler generell
Das scheint zu funktionieren: Wer die Anzeigen durchklickt, stellt fest, dass die Posts der Restaurants auch vielfach geteilt werden â vermutlich auch von StammgĂ€sten, die die Gastronomen unterstĂŒtzen wollen. Manche Posts generieren mit wenig finanziellem Einsatz fĂŒnfstellige Kontakte. Aber auch die Konvertierung zu Kunden scheint recht gut zu funktionieren: âEiner der Gastronomen hat mir geschrieben, dass er an einem der ersten Tage zwischen 20 und 30 Essen verkauft und schon Vorbestellungen fĂŒr den nĂ€chsten Tag bekommen hatâ, so Litterst.
Recht schnell erweitert die Expertengruppe den Fokus ihres Angebots. Sie unterstĂŒtzen nun nicht nur Gastronomen, sondern allgemein Unternehmen mit stationĂ€rem Ladenlokal, die aktuell geschlossen sind, aber ihre Produkte ausliefern. âDen Döner-Laden an der Ecke, der schon vor der Krise ausgeliefert hat, mĂŒssen wir vermutlich nicht unterstĂŒtzen. DafĂŒr aber vielleicht einen Spielzeugladen, der aktuell auch ausliefertâ, so der Adsventure-GrĂŒnder.
Ein Blumenladen nimmt Bestellungen per Whatsapp an
Jan Stranghöner hilft beispielsweise im Rahmen der Aktion auch seiner Tante, die einen Blumenladen in Eschweiler betreibt.
âDas Ordnungsamt hat vergangene Woche die SchlieĂung des Ladens angeordnet. Wir haben das GeschĂ€ft dann innerhalb von drei Stunden auf Lieferservice umgestellt, mit Bestellung per Telefon oder Whatsapp und Bezahlung via Paypal, und dafĂŒr Ads auf Facebook und Instagram geschaltet. Jetzt wird vormittags wird produziert und nachmittags geliefertâ, so Stranghöner.
âDas Ordnungsamt hat vergangene Woche die SchlieĂung des Ladens angeordnet. Wir haben das GeschĂ€ft dann innerhalb von drei Stunden auf Lieferservice umgestellt, mit Bestellung per Telefon oder Whatsapp und Bezahlung via Paypal, und dafĂŒr Ads auf Facebook und Instagram geschaltet. Jetzt wird vormittags wird produziert und nachmittags geliefertâ, so Stranghöner.
In den Anzeigentexten versuche der Social-Ads-Experte mit drei âValue Propositionsâ Bestellungen zu generieren: âWir bieten Pflanzen und Erde fĂŒr die Bepflanzung im Garten oder auf dem Balkon an. Oder die Kunden können einen StrauĂ zu sich bestellen und es sich, wo sie schon daheim bleiben mĂŒssen, zu Hause schön machen. Oder ihren Liebsten, die sie gerade nicht sehen können, Blumen schicken.â Gerade das Versenden der StrĂ€uĂe funktioniere mit Ostern und Muttertag vor der TĂŒr extrem gut.
âWir konnten den ausgefallenen Tagesumsatz kompensierenâ
Mit einem Tagesbudget von zehn Euro schalte Stranghöner aktuell Engagement-Kampagnen. âBei einem Ad Set setzen wir lokales Targeting ein, ansonsten âBroadâ, sprich keine weiteren EinschrĂ€nkungen. Da hat der Algorithmus volle Freiheit.â Mit den auf diese Weise generierten Zahlen ist der 30-JĂ€hrige sehr zufrieden: âWir generieren tĂ€glich 3.500 bis 4.000 Impressions zu einem Tausender-Kontakt-Preis von etwa 2,70 Euro. Und das aktuell nur ĂŒber Facebook, Instagram kommt noch.â
Zwar finde aktuell einiges an GeschĂ€ft des Blumenladens nicht statt, etwa durch abgesagte Hochzeiten oder Kommunionsfeiern. Aber der reine Tagesumsatz im Laden sei alleine ĂŒber den Lieferdienst aufgefangen worden: âDie Zahl der Kunden pro Tag ist stabil, der Umsatz pro Kunde sogar gestiegen, weil das Wetter gut ist und durch die Ausnahmesituation aktuell der emotionale Trigger gröĂer ist.â
Aktuell werden 20 lokale Businesses unterstĂŒtzt
Die Anzeigen fĂŒr âBlumen Zimmermannâ sind eines von aktuell 20 Projekten, die die Expertengruppe gemeinsam verwalten, und fĂŒr diese zwischen zehn und 15 Euro Budget pro Tag und Kunde einsetzen. âWir haben erst einmal einen Aktionszeitraum von vier Wochen veranschlagt. Dann hĂ€tten wir KapazitĂ€ten und Ressourcen fĂŒr 40 bis 41 Projekteâ, so Florian Litterst.
âWas mir wichtig ist: Das Ganze ist keine PR-Aktion von mir und allen Beteiligtenâ, so der Initiator. âViele von uns haben gar keine lokale oder regionale Kunden. Ich beispielsweise betreue ja gröĂtenteils Online-HĂ€ndler.â
Eine Facebook-Gruppe fĂŒr den Austausch
Mittlerweile hat die Aktion sogar noch weitere Wellen geschlagen: Zum einen unterstĂŒtzt Facebook selbst die 17 Experten mit Materalien und Ressourcen. Zum anderen hat die Aktion fĂŒnf weitere Branchenvertreter*innen (Ann-Cathrin Edelhoff, Moritz Fritzen, Heike Bitterle, Rieke Rave und Lena Sonnen) dazu inspiriert, privat und in ihrer Freizeit eine weitere Initiative ins Leben zu rufen: âGemeinsam stark. Gemeinsam digital. (COVID19)â.
âWir haben uns zusammengeschlossen, um kleinen Unternehmen und GeschĂ€ften dabei zu helfen, wĂ€hrend dieser Zeit ihre Produkte oder Services online weiter zu verkaufen, und dafĂŒr eine Facebook-Gruppe gegrĂŒndetâ, so Ann-Cathrin Edelhoff. âWir bieten den Unternehmen und GeschĂ€ften EinzelgesprĂ€che an und beraten, wie sie ihr GeschĂ€ft online bringen können.â
âWir arbeiten mit Hochdruck an einem Matchmakingâ
Aktuell bauen die Initiatoren nach eigenen Angaben auĂerdem einen Prozess auf, in dem sie Berater und kleine Unternehmen automatisiert miteinander verknĂŒpfen wollen. Eine Website sei auch in Arbeit. âWir schĂ€tzen wir sind gegen Ende der Woche startklar. FĂŒr die Einzelberatungen haben wir begrenzte KapazitĂ€ten, versuchen aber mit jedem zu sprechen.â
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