#gemeinsamstark: Diese Social-Ads-Experten schalten gratis Werbung für lokale Läden

Da es aktuell schwer ist, Gruppenfotos zu schießen, hier zumindest ein Teil der #gemeinsamstark-Experten: (von links) Jan Stranghöner (von den Social Marketing Nerds), Lena Gmeiner (von Online Marketing Vogg), Carolin Pfeiffer und Florian Litterst (beide von adsventure)

Wie eine Gruppe von Digital-Marketing-Machern Restaurants und Händlern durch die Corona-Krise helfen will

Wie kann man als Unternehmer mit einem stationären Ladenlokal in einer Zeit, in der alle Geschäfte geschlossen sein müssen, wirtschaftlich überleben? Diese Frage stellt sich aktuell Zehntausenden Gastronomen, Händlern und Dienstleistern in Deutschland. Manche lokale Unternehmen haben nun im Hau-Ruck-Verfahren einen Lieferdienst eingerichtet – aber wie bekommt man den auf die Schnelle beworben? Eine Gruppe von Online-Marketing-Experten will helfen – und schaltet für die Läden kostenlos Werbung auf Facebook und Instagram. OMR hat mit dem Initiator gesprochen.

Eigentlich könnte Florian Litterst trotz der Corona-Krise guter Laune sein. Der 31-Jährige ist Gründer und Geschäftsführer der kleinen Agentur Adsventure, die für ihre Kunden Werbung auf Plattformen wie Facebook, Instagram und Pinterest bucht (Litterst ist außerdem Autor mehrerer OMR Reports). Im vergangenen Jahr hat der Social-Advertising-Experte nach eigenen Angaben im Auftrag seiner Kunden 3,5 Millionen Euro Budget verwaltet. Auch jetzt leide das Geschäft kaum unter Covid19: „Unser Fokus liegt auf E-Commerce, das kommt uns zugute. Es gibt zwar bei ein paar Kunden Budget-Kürzungen, aber im Großen und Ganzen haben wir eine stabile Auftragslage. Und noch dazu profitieren unsere Kunden von den aktuell günstigen Preisen auf den Plattformen„, so Litterst gegenüber OMR.

„Das hat mir die Laune verhagelt“

Trotzdem geht die aktuelle Situation auch an dem Agenturinhaber nicht spurlos vorüber. Litterst fühlt besonders mit Inhabern von Restaurants und stationären Läden mit: „Ich sitze zu Hause am Rechner und kann, indem ich ein paar Knöpfe drücke, jederzeit etwas für mein Business tun. Stationäre Läden können das aber nicht ohne Weiteres. Das hat mir zuletzt wirklich die Laune verhagelt.“ Zwar sind manche Einzelhändler so digitalaffin, dass sie innerhalb kurzer Zeit clevere, unkomplizierte Digitalmodelle entwickeln, beispielsweise über Instagram. Aber nicht jeder hat das Know-how und die Kreativität dafür.

Am vergangenen Mittwoch ruft Litterst deswegen in einer spontanen Aktion über Facebook lokale Restaurants an seinem Wohnsitz in Offenburg dazu auf, sich bei ihm zu melden – wenn diese denn einen Lieferdienst anbieten. Litterst will für sie Anzeigen auf Facebook schalten kann – kostenlos – und den Gastronomen damit helfen, Umsatzeinbrüche abzufedern oder sogar den Umsatz zu stabilisieren.

Das Who’s Who der Social-Ads-Szene schließt sich an

Die ersten, die auf sein Posting reagieren, sind jedoch keine Restaurant-Inhaber – sondern Kollegen aus der Digital-Branche. Innerhalb von nicht einmal einer Stunde schließen sich mehrere Social-Ads-Macher aus der ganzen Republik der Aktion an und kopieren Littersts Idee für ihre Region: Jakob Strehlow in Kiel, Jan Stranghöner (Social Marketing Nerds) in Köln/Eschweiler, Mike Wattrodt (Socialised) in Leverkusen, Christian Neubauer (Digital Wings) in Koblenz, Paul Müller (@ttention) in Berlin, Sebastian Vogg (Online Marketing Vogg) in Ulm und Artur Derr (Die Mehr-Akademie) im Schwarzwald.

Alle von ihnen haben in der deutschen Online-Marketing- und Social-Ads-Szene einen Namen, sprechen häufig auf Branchen-Events oder veranstalten selbst welche oder betreiben Blogs und Podcasts zum Thema. Weil noch mehrere Helfer dazu kommen, richten alle Beteiligten eine Gruppe im Chat-Tool Slack ein, die mittlerweile 17 Mitglieder umfasst.

„Ordentlich Wumms“ mit 15 Euro pro Tag

Für interessierte Gastronomen ist das Prozedere recht einfach: Sie melden sich per Facebook Messenger oder unter dem Facebook Post bei dem jeweiligen Experten und erhalten, wenn das Angebot für die Aktion passt, ein PDF mit Infos darüber, wie sie den Experten für ihr Facebook Ads Konto freischalten können. So bald das geschehen ist, übernimmt der jeweilige Experte das Ruder über die Anzeigen. Florian Litterst beispielsweise stellt noch am selben Tag, an dem er auch sein Aufruf-Posting veröffentlicht hat, die ersten Ads online: für das mexikanische Restaurant Sancho’s, den Italiener „Guglhupf“ und die Brasserie Engel.

Der Vorteil, den Einzelhändler nach Darstellung von Litterst gegenüber „großen Facebook-Advertisern“ haben: Offenbar lässt sich mit regional ausgespielten Kampagnen auf Facebook und Instagram mit wenig Budget viel bewegen. „Mit 10 oder 15 Euro pro Tag kann man da ordentlich Wumms erzielen“, so Litterst. Ziel sei es, mit Anzeigen den Schneeball ins Rollen zu bringen, damit die Lieferangebote dann durch organische Sichtbarkeit wachsen.

Nicht mehr nur Restaurants, sondern liefernde Einzelhändler generell

Das scheint zu funktionieren: Wer die Anzeigen durchklickt, stellt fest, dass die Posts der Restaurants auch vielfach geteilt werden – vermutlich auch von Stammgästen, die die Gastronomen unterstützen wollen. Manche Posts generieren mit wenig finanziellem Einsatz fünfstellige Kontakte. Aber auch die Konvertierung zu Kunden scheint recht gut zu funktionieren: „Einer der Gastronomen hat mir geschrieben, dass er an einem der ersten Tage zwischen 20 und 30 Essen verkauft und schon Vorbestellungen für den nächsten Tag bekommen hat“, so Litterst.

Recht schnell erweitert die Expertengruppe den Fokus ihres Angebots. Sie unterstützen nun nicht nur Gastronomen, sondern allgemein Unternehmen mit stationärem Ladenlokal, die aktuell geschlossen sind, aber ihre Produkte ausliefern. „Den Döner-Laden an der Ecke, der schon vor der Krise ausgeliefert hat, müssen wir vermutlich nicht unterstützen. Dafür aber vielleicht einen Spielzeugladen, der aktuell auch ausliefert“, so der Adsventure-Gründer.

Ein Blumenladen nimmt Bestellungen per Whatsapp an

Jan Stranghöner hilft beispielsweise im Rahmen der Aktion auch seiner Tante, die einen Blumenladen in Eschweiler betreibt.
„Das Ordnungsamt hat vergangene Woche die Schließung des Ladens angeordnet. Wir haben das Geschäft dann innerhalb von drei Stunden auf Lieferservice umgestellt, mit Bestellung per Telefon oder Whatsapp und Bezahlung via Paypal, und dafür Ads auf Facebook und Instagram geschaltet. Jetzt wird vormittags wird produziert und nachmittags geliefert“, so Stranghöner.

In den Anzeigentexten versuche der Social-Ads-Experte mit drei „Value Propositions“ Bestellungen zu generieren: „Wir bieten Pflanzen und Erde für die Bepflanzung im Garten oder auf dem Balkon an. Oder die Kunden können einen Strauß zu sich bestellen und es sich, wo sie schon daheim bleiben müssen, zu Hause schön machen. Oder ihren Liebsten, die sie gerade nicht sehen können, Blumen schicken.“ Gerade das Versenden der Sträuße funktioniere mit Ostern und Muttertag vor der Tür extrem gut.

„Wir konnten den ausgefallenen Tagesumsatz kompensieren“

Mit einem Tagesbudget von zehn Euro schalte Stranghöner aktuell Engagement-Kampagnen. „Bei einem Ad Set setzen wir lokales Targeting ein, ansonsten ‚Broad‘, sprich keine weiteren Einschränkungen. Da hat der Algorithmus volle Freiheit.“ Mit den auf diese Weise generierten Zahlen ist der 30-Jährige sehr zufrieden: „Wir generieren täglich 3.500 bis 4.000 Impressions zu einem Tausender-Kontakt-Preis von etwa 2,70 Euro. Und das aktuell nur über Facebook, Instagram kommt noch.“

Zwar finde aktuell einiges an Geschäft des Blumenladens nicht statt, etwa durch abgesagte Hochzeiten oder Kommunionsfeiern. Aber der reine Tagesumsatz im Laden sei alleine über den Lieferdienst aufgefangen worden: „Die Zahl der Kunden pro Tag ist stabil, der Umsatz pro Kunde sogar gestiegen, weil das Wetter gut ist und durch die Ausnahmesituation aktuell der emotionale Trigger größer ist.“

Aktuell werden 20 lokale Businesses unterstützt

Die Anzeigen für „Blumen Zimmermann“ sind eines von aktuell 20 Projekten, die die Expertengruppe gemeinsam verwalten, und für diese zwischen zehn und 15 Euro Budget pro Tag und Kunde einsetzen. „Wir haben erst einmal einen Aktionszeitraum von vier Wochen veranschlagt. Dann hätten wir Kapazitäten und Ressourcen für 40 bis 41 Projekte“, so Florian Litterst.

„Was mir wichtig ist: Das Ganze ist keine PR-Aktion von mir und allen Beteiligten“, so der Initiator. „Viele von uns haben gar keine lokale oder regionale Kunden. Ich beispielsweise betreue ja größtenteils Online-Händler.“

Eine Facebook-Gruppe für den Austausch

Mittlerweile hat die Aktion sogar noch weitere Wellen geschlagen: Zum einen unterstützt Facebook selbst die 17 Experten mit Materalien und Ressourcen. Zum anderen hat die Aktion fünf weitere Branchenvertreter*innen (Ann-Cathrin Edelhoff, Moritz Fritzen, Heike Bitterle, Rieke Rave und Lena Sonnen) dazu inspiriert, privat und in ihrer Freizeit eine weitere Initiative ins Leben zu rufen: „Gemeinsam stark. Gemeinsam digital. (COVID19)“.

„Wir haben uns zusammengeschlossen, um kleinen Unternehmen und Geschäften dabei zu helfen, während dieser Zeit ihre Produkte oder Services online weiter zu verkaufen, und dafür eine Facebook-Gruppe gegründet“, so Ann-Cathrin Edelhoff. „Wir bieten den Unternehmen und Geschäften Einzelgespräche an und beraten, wie sie ihr Geschäft online bringen können.“

„Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Matchmaking“

Aktuell bauen die Initiatoren nach eigenen Angaben außerdem einen Prozess auf, in dem sie Berater und kleine Unternehmen automatisiert miteinander verknüpfen wollen. Eine Website sei auch in Arbeit. „Wir schätzen wir sind gegen Ende der Woche startklar. Für die Einzelberatungen haben wir begrenzte Kapazitäten, versuchen aber mit jedem zu sprechen.“