„Dinner Berlin“: Unternehmer und Politiker über die Themen dieser Zeit – beim Abendessen

Dinner Berlin

Die Dinner-Gäste: Philipp Westermeyer, Lea Lange, Cem Özdemir, Annegret Kramp-Karrenbauer, Alex Karp, Sonja Jost und Mathias Döpfner (v.l.) (Fotos: Hannes Holtermann)

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OMR und Axel Springer laden zur Premiere - Thema: Die digitale Zukunft Europas oder Datenschutz als Wettbewerbsvorteil

Axel Springer-Chef Mathias Döpfner und OMR-Gründer Philipp Westermeyer laden zu einem Dinner. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, Palantir-Gründer Alex Karp, Grünen-Politiker Cem Özdemir, Chemie-Startup-Gründerin Sonja Jost und Juniqe-Gründerin Lea Lange haben zugesagt – ein paar Kameras und Mikrofone waren auch erlaubt. Die Idee hinter dem Dinner: „offline“ sprechen und „online“ Zuhörer finden. Es geht um Wettbewerbsvorteile für das deutsche Digital-Business, den Rückstand auf China und die USA oder was Politiker von Gründern lernen müssen.

„Philipp Westermeyer und ich haben uns gedacht, wir wollen Vertreter der Digitalökonomie und Founder ins Gespräch bringen mit Politikern. Und wir wollen das mal bei einem Abendessen versuchen“, sagt Mathias Döpfner zum Start des Dinners in Berlin.

Sind die Deutschen zu satt?

„Der Vorteil, den wir haben, ist ja auch ein Nachteil“, so Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen am Dinner-Tisch. „Uns geht es wirtschaftlich sehr gut. Das verleitet dazu, dass man satt wird.“ Das ist aber wohl nicht der einzige Grund, warum Deutschland bei digitalen Geschäftsmodellen hinter den USA und China hinterherhinkt. „Wenn es ans Wachstum geht und die Frage, wo kriege ich das Kapital her, sind mittlerweile viele der Unternehmen bei uns gezwungen, auf chinesische oder amerikanische Investoren zuzugehen. Wir in Europa und in Deutschland haben zu wenig Wagniskapital zu bieten“, sagt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Umso wichtiger sei es für Politiker wie sie, die keine Digital-Natives seien, auf die Gründergeneration zu hören, was neue Ansätze im digitalen Zeitalter angehe.

Annegret Kramp-Karrenbauer

Annegret Kramp-Karrenbauer beim Dinner Berlin (Foto: Hannes Holtermann)

„Gründen muss gefeiert und zelebriert werden“, sagt Juniqe-Gründerin Lea Lange schon während der Vorspeise. Mittlerweile sollten aus ihrer Sicht auch Konzerne und Familienunternehmen einsehen, dass sie Innovationen vorantreiben müssen – am besten durch Investments in oder strategische Partnerschaften mit Startups. Lange selbst baut derzeit ihren Online-Shop für junge Kunst auf, der laut Medienberichten über zehn Millionen Euro Umsatz macht und im Saisongeschäft knapp 100 Leute beschäftigt.

Alex Karp kann mit einer neutralen Brille auf das Thema schauen – und ist vielleicht genau deshalb der Richtige. Karp ist Co-Gründer von Palantir und CEO des Unternehmens aus Palo Alto im Silicon Valley. Palantir analysiert Daten für FBI, CIA und auch deutsche Behörden, sowie für Unternehmen aus der Privatwirtschaft. 2017 machte Karps Firma 750 Millionen US-Dollar Umsatz, laut Medienberichten ist 2019 ein Börsengang mit einer Bewertung von 41 Milliarden Dollar geplant. „Es kann nicht angehen, dass Deutschland hinter Israel hängt in Sachen Gründung, Aufbau und Bewertung von Unternehmen“, sagt Karp. „Aber Geld ist aus meiner Sicht nicht das Entscheidende. Es ist eher wichtig, dass man sagt: Wir werden da anfangen, wo wir stark sind. Und was ist besonders stark in Deutschland? Die Industrie, die Menschen, die Ausbildung und die Kreativität des Denkens.“

Datenschutz als Geschäftsmodell

Welche Strategien könnten für Deutschland und Europa aber weitere Wachstumstreiber sein? „Immer mehr Firmen erkennen, dass es auch ein Geschäftsmodell ist, die Daten ihrer User zu schützen, auch vor dem übergriffigen Staat“, sagt Cem Özdemir. Annegret Kramp-Karrenbauer sieht vor allem bei der Datensicherheit Chancen für neue Entwicklungen. Die Sicherung der eigenen Daten müsse in Fleisch und Blut übergehen: „Was wir jetzt beim Hack [vieler Politiker und Prominenter, d. Red.] erlebt haben, war doch auch, dass jemand ‚123‘ deshalb benutzt, weil es eigentlich zu schwierig ist, was-weiß-ich-wieviel-stellige, ganz komplizierte Wort-Zahlen-Sonderzeichen-Kombinationen zu behalten, damit seine Daten geschützt sind“, sagt die CDU-Chefin.

Dinner Berlin Runde

Alex Karp (Mitte) neben Annegret Kramp-Karrenbauer (l.) und Sonja Jost (Foto: Hannes Holtermann)

„Ich glaube, das Hauptproblem ist die Transparenz. Die Menschen erfahren im Nachhinein: ‚Moment! Meine Daten sind an irgendjemanden verkauft worden, der eben was gemacht hat?‘ Und zweitens sagen viele: ‚Diese großen Internet-Unternehmen machen einen Haufen Kohle. Die haben meine Daten. Die zahlen keine Steuern, und die meinen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, weil sie an eine private Stiftung spenden. Und das ist für die Menschen nicht mehr nachvollziehbar“, sagt US-Gründer Alex Karp. Deswegen sehe er eine große Chance für Unternehmen, die das Thema ernst nehmen, sich einen echten Vorteil zu verschaffen.

Wo bleiben die deutschen Hightech-Champions?

Während des Dinners entdeckt die Runde aber noch ein viel größeres Wachstumsthema: Nachhaltigkeit. Nicht umsonst sitzt mit Sonja Jost eine Frau am Tisch, die mit ihrem Startup DexLeChem die Chemie-Industrie revolutionieren will. Sie forscht daran, dass bei der Herstellung von Feinchemikalien, die Grundlage zum Beispiel für Kosmetika, Waschmittel oder Arzneimittel sind, Wasser statt Erdöl verwendet werden kann. Jost hat zwar in Berlin gegründet, sieht die Rahmenbedingungen aber trotzdem kritisch: „Es wird immer von einer Hightech-Strategie geredet. Ich kann das nicht nachvollziehen. Und ich finde es extrem peinlich für ein Land von 80 Millionen, wenn wir es gerade mal schaffen, irgendwie 25 bis 30 Hightech-Projekte pro Jahr zu finanzieren. Das ist doch ein Desaster!“

DexLeChem-Gründerin Sonja Jost

DexLeChem-Gründerin Sonja Jost (Foto: Hannes Holtermann)

Annegret Kramp-Karrenbauer will ein Umdenken bei den Universitäten erreichen: Wir müssen aus dem Umfeld der Hochschulen heraus eine echte oder bessere Wertschöpfungskette legen.“ Es müsse Platz und Raum geben, um an den Unis Startups zu gründen – so wie es die USA ja vormacht. Hier liegt auch für Sonja Jost noch die größte Baustelle: „Ich habe schon etliche Chemieprojekte gesehen, die eigentlich gründen wollten, aber keine Labor-Infrastruktur gefunden haben, wo sie ihre Ideen weiterentwickeln konnten. Und das ist genau das, was wir brauchen.“

Am Ende des Dinners stimmt die Runde übrigens ab, ob Deutschland es in den nächsten zehn Jahren schaffen kann, den derzeitigen Rückstand im Digital-Business aufzuholen. Das überraschende Ergebnis hört Ihr im OMR Podcast.

Wer nur nach den großen Highlights sucht, schaut einfach auf der Webseite von Dinner Berlin vorbei. Zudem laufen die besten Szenen auf den Facebook-, Twitter- und Instagram-Profilen von OMR und Axel Springer.

Alle Themen des Dinner Berlin im Überblick:

  • Kennt Annegret Kramp-Karrenbauer eigentlich Palantir? Was macht die geheimnisumwitterte Datenfirma aus dem Silicon Valley? (ab 03:35)
  • Wie sehr beachtet die Politik Dinge, die in der Startup- und Digital-Welt passieren? (ab 04:40)
  • Viele Unternehmer erfahren von der Politik wenig Wertschätzung. Was muss sich ändern? (ab 06:52)
  • In Europa steht jungen Unternehmen weniger Funding zur Verfügung als in den USA oder China. Laufen wir Gefahr, den Anschluss zu verlieren? (ab 12:40)
  • Koalition von CDU und Grünen? Wie würden Annegret Kramp-Karrenbauer und Cem Özdemir die deutsche Digital-Ökonomie stärken? (ab 15:38)
  • Aus der Perspektive des Silicon-Valley-Gründers Alex Karp: Wie kann Deutschland den Rückstand auf andere Nationen aufholen – was digitale Geschäftsmodelle angeht? (ab 23:24)
  • Ist Deutschland für Palantir ein wichtiger Markt? (ab 29:14)
  • Unternehmertum als Schulfach? Wie kann die Gründerkultur verändert werden? (ab 31:24)
  • Warum hinkt auch die Hightech-Industrie so sehr hinterher? (ab 36:05)
  • Wie können Familienunternehmen gemeinsam mit jungen Gründern digitaler werden? (ab 40:37)
  • Steht Geld von Investoren der Entwicklung von langfristig gedachten Projekten im Weg? (ab 46:03)
  • Kann der Umgang mit Daten und künstlicher Intelligenz ein Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA und China sein? Gerade weil die Sensibilität bei den Verbrauchern steigt (ab 47:24)
  • Wie können gemeinsame Regeln über Datenschutzregeln in der digitalen Welt gefunden werden? (ab 55:13)
  • Wem sollten Daten gehören? (ab 1:00:14)
  • Ist es überhaupt realistisch, dass die Bürger die Hoheit über ihre Daten zurückgewinnen? (ab 1:01:53)
  • Können sich Startups und Unternehmen wie DexLeChem mit dem Ziel, Nachhaltigkeit zu erzeugen, von Wettbewerbern absetzen? (ab 1:10:08)
  • Wären nachhaltige Startups nicht die perfekten Partner für die Grünen? (ab 1:14:47)
  • Der Klimawandel ist ein riesiges Thema und wird in Zukunft noch wichtiger. Kann Deutschland überhaupt als gutes Beispiel vorangehen? (ab 1:18:55)
  • Was ist aus Annegret Kramp-Karrenbauers Sicht eines der größten Versäumnisse der CDU? (ab 1:21:47)
  • Gibt es einen Interessenkonflikt zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Stärke? (ab 1:24:20)
  • Die Schlussfrage: Datenschutz und Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteile. Kann Europa so in zehn Jahren in der Digitalwirtschaft aufholen? (ab 1:28:45)

Wie immer könnt Ihr den aktuellen OMR Podcast bei SoundcloudiTunes (falls die aktuelle Episode noch nicht sichtbar ist, einfach abonnieren) oder per RSS-Feed anhören. Auch auf SpotifyStitcher und Deezer findet Ihr uns. Und es gibt jetzt auch einen Alexa Skill! Viel Spaß beim Anhören – und vielen Dank für jede positive Bewertung.

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