GoStudent und Knowunity: Diese Startups zeigen, wie digitale Bildung funktionieren kann

GoStudent bekommt in einer Series-B-Runde 70 Millionen Euro – und wird zum bestfinanzierten B2C-Bildungs-Startup in Europa

Was schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht unbedingt ein Geheimnis war, hat sich nach über einem Jahr aus Lockdowns, geschlossenen Schulen und häufig unbeholfenen Homeschooling-Versuchen dann noch einmal schmerzhaft in der öffentlichen Wahrnehmung zementiert: So richtig digital kann das deutsche Bildungssystem offenbar nicht. Dabei machen gleich einige Startups vor, wie es gehen könnte – und werden dafür mit enormen Summen von Investoren belohnt. OMR hat mit dem jungen Gründerteam von Knowunity und dem heute mit frischen 70 Millionen Euro ausgestatteten GoStudent-Machern gesprochen.

„Die Angst, etwas Neues auszuprobieren und damit zu scheitern, ist so riesig, dass man gar nicht bereit ist, es überhaupt zu versuchen“, stellt Felix Ohswald fest. Das sei nur einer der Gründe, dass die Digitalisierung des Bildungssystems hierzulande immer noch in den Kinderschuhen steckt – und an einigen Stellen wirklich Neuland zu sein scheint. Felix Ohswald hatte diese Angst nicht. Oder er hat sie einfach überwunden. Anfang Januar 2016, nach einem Mathe-Studium unter anderem in Cambridge und drei Monaten bei der Boston Consulting Group, gründet er in Wien gemeinsam mit Gregor Müller GoStudent.

Heute, etwas mehr als fünf Jahre später, hat das E-Learning-Startup eine Series-B-Runde verkündet. 70 Millionen Euro kommen von Coatue aus New York (die zuletzt auch die Unicorn-Runde von Gorillas angeführt hatten) und den Bestandsinvestoren Left Lane Capital und DN Capital. Nach einer Aufstockung der Series A im vergangenen November von 8,3 auf 13,3 Millionen Euro wächst das Funding von GoStudent damit auf insgesamt rund 86 Millionen Euro. Eigenen Angaben zufolge ist man so das bestfinanzierte B2C-Bildungs-Startup in Europa.

Vorbild für digitalen Unterricht an Schulen?

GoStudent-Gründer Felix Ohswald

GoStudent ist mit seinem Angebot in einem Markt unterwegs, dessen Strukturen im deutschsprachigen Raum seit fast 50 Jahren vor allem von zwei Unternehmen geprägt wurden. 1974 starten sowohl Schülerhilfe als auch Studienkreis erste Angebote. Schülerhilfe, dessen Betreiber-Unternehmen ZGS Bildungs-GmbH 2017 vom britischen Investor Oakley Capital aufgekauft wurde, bewirbt das eigene Angebot als „Profi-Nachhilfe bei Deutschlands Nr. 1“; über 125.000 Schüler würden es pro Jahr nutzen. Studienkreis, das Unternehmen ging 2017 für 71,7 Millionen Euro an den IK Small Cap I Fund, hat sich den ganz ähnlichen Slogan „Nachhilfe bei Deutschlands Nr. 1“ auf die Fahne geschrieben. Beide setzen auf ein Franchise-System und bieten trotz traditionellem Offline-Fokus eigene Online-Lösungen an.

„Das sind die Dinosaurier am Markt, die auch am meisten Umsatz machen“, sagt Felix Ohswald. Genau diesen Platzhirschen will GoStudent ein Stück vom Kuchen abknöpfen, ruft dafür „Die Nachhilfe Revolution“ aus und verspricht „ein komplett neues Nachhilfe-Erlebnis“. Das Kernprodukt Einzelunterricht sei dabei aber nicht der wichtigste Hebel. „Einzelunterricht an sich ist ja nichts Revolutionäres“, so Ohswald. Vielmehr gehe es darum, Prozesse so zu managen, dass sich Schüler:innen gut aufgehoben fühlen.

Worauf es beim Online-Lernen ankommt

Um dieses Ziel zu erreichen liefert GoStudent die technische Infrastruktur für den Online-Unterricht und Elemente wie Video-Calls (über 81 Prozent des ausgehenden Traffics von gostudent.org gingen laut Similarweb im Februar an Zoom), digitale Tafel, Hausaufgaben-Chat und immer einsehbare Lernpläne, die von Lehrern individuell erstellt werden. „Wir sind dafür verantwortlich, den für die Bedürfnisse eines Schülers perfekt passenden Lehrer auszuwählen“, erklärt Gründer Felix Ohswald. Über 2.500 Lehrer:innen seien derzeit für insgesamt 16 Nachhilfefächer auf GoStudent aktiv, der Großteil davon seien Studierende. Alle müssten im Vorfeld mehrere Tests bestehen, ihr fachliches Wissen für das entsprechende Fach sowie persönliche und pädagogische Kompetenzen nachweisen.

Das Nachhilfe-Angebot von GoStudent.

Die große Herausforderung einer Plattform gilt also auch für GoStudent: Es müssen gleichzeitig Lehrer und Schüler von dem Angebot überzeugt werden. „Wir machen zu diesem Zweck natürlich gezielt Kampagnen an Universitäten“, sagt Felix Ohswald. „In fünf Jahren soll man sagen können: Ich will jetzt digitaler Lehrer sein.“ Schon jetzt würden knapp zehn Prozent der auf GoStudent Nachhilfe gebenden Lehrer das in Vollzeit machen. Im Einzelunterricht verdienten sie 15 bis 18 Euro pro Stunde. Auf der anderen Seite seien nicht die Schüler selber, sondern deren Eltern die Zielgruppe. „Ich glaube nicht daran, dass Schüler selber bereit sind, Geld dafür auszugeben“, so Ohswald. „Und ich habe noch keine Firma gesehen, die Schüler wirklich gut monetarisiert.“ Der Fokus von GoStudent liege bei sechs- bis neunzehnjährigen Schulkindern bis zu Abiturient:innen.

Momentum für Ed-Tech und E-Learning

Um Eltern von den Vorteilen von Online-Unterricht oder -Nachhilfe zu überzeugen, dürfte es kaum bessere Zeitpunkte gegeben haben. Vor der Corona-Pandemie hätten laut Ohswald noch rund 30 Prozent Online-Unterricht für ihre Kinder kategorisch ausgeschlossen. Dieser Wert liege jetzt bei rund drei Prozent. In den Kernmärkten, der DACH-Region und Frankreich, solle deshalb das frische Kapital unter anderem auch in größere Branding-Kampagnen im Fernsehen, Print, Offline und Influencer-Marketing fließen.

Insgesamt dürften die Zeichen bei GoStudent nach der Runde vor allem auf weiteres schnelles Wachstum und Expansion in neue Märkte stehen. Während das Unternehmen im Februar 250.000 gebuchte Nachhilfe-Einheiten verzeichnen konnte, waren es im März bereits 350.000. Der Außenumsatz ist entsprechend von fünf auf 7,5 Millionen Euro gestiegen; 60 Prozent davon stamme aus Deutschland. Im Schnitt wachse GoStudent monatlich um 20 bis 40 Prozent. „Bis Ende 2022 planen wir, fünf Millionen Nachhilfe-Einheiten zu verkaufen“, sagt Felix Ohswald. „Wir sind beim Gewinn vor dem Abzug von Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation profitabel. Auf dieser EBITDA-Basis beträgt unsere Profitabilität über zehn Prozent.“

In zehn Ländern, neben den besagten Kernmärkten der DACH-Region und Frankreich sind das noch Spanien, Belgien, Luxemburg, England, Irland und Italien, sei GoStudent bereits aktiv. Bis zum Ende des Jahres soll diese Zahl mit Starts unter anderem in Griechenland sowie der Türkei auf 15 und die Mitarbeiterzahl von 300 auf 800 anwachsen.

Knowunity: Von Schülern für Schüler

Ganz soweit ist das junge Unternehmen Knowunity aus Sindelfingen bei Stuttgart noch nicht. Ende 2019 als Schülerplattform für Lernmaterialien gegründet, setzt das Gründerteam auf einen vielleicht nicht ganz unwesentlichen Vorteil: Die Idee hatten sie, als sie teilweise selber noch Schüler waren. „Drei von uns haben 2020 das Abitur gemacht. Die anderen zwei waren Studenten – sind jetzt aber fertig und Vollzeit an Bord“, sagt Benedict Kurz, einer der Gründer, gegenüber OMR. Den Anstoß für Knowunity gaben also eigene Probleme und der Bedarf an einer Lösung, die es so offenbar noch nicht gegeben hat. Der Name, eine Mischung aus Knowledge und Community, macht deutlich, was das Startup sein will: ein soziales Netzwerk für Wissen.

Benedict Kurz

Dieses Wissen wird bei Knowunity aber nicht wie im Fall von GoStudent von angehenden Lehrer:innen in klassischer Einzelnachhilfe vermittelt, sondern steckt in von Schülern selber hochgeladenen Lernmaterialien. Das kann von einer Präsentation über Karteikarten bis zu Buchzusammenfassungen so ziemlich alles sein, was beispielsweise bei der Vorbereitung auf eine Klausur so anfällt. „Knowern“heißen bei Knowunity die User, die Inhalte erstellen und hochladen. „Das Bewerten, wie hilfreich Unterlagen für das Lernen der Schüler waren, übernehmen die Schüler langfristig in Form von Reviews selber“, erklärt Kurz.

Wie Knower in der App Geld verdienen

Auch Knowunity steht als Plattform vor der Herausforderung, gleichzeitig User und Knower, die Inhalte online stellen, akquirieren zu müssen. Auf Nutzendenseite habe sich das Wachstum in den Anfangsmonaten vor allem durch starke Word-of-Mouth-Effekte ergeben. „Es gab insgesamt gute Netzwerkeffekte durch Freunde und immer neue Weiterempfehlungen“, erklärt Benedict Kurz. Derzeit würden sich pro Tag etwa 5.000 bis 10.000 User neu registrieren; insgesamt komme Knowunity auf deutlich über eine halbe Million registrierte Nutzende, knapp eine halbe Million seien mindestens einmal im Monat in der App aktiv.

Zusätzlich habe das Startup ein paar Kampagnen mit kleineren Influencern auf Tiktok umgesetzt. „Unsere Ressourcen sind natürlich begrenzt. Und über Print-Medien werden wir eher keine neuen Nutzer akquirieren. Das passt Tiktok schon deutlich besser“, so Kurz. Der eigene Account des Startups konnte bisher immerhin knapp 135.000 Likes erreichen; ein paar der Clips haben fünf- bis sechsstellige Aufrufzahlen.

Auf der Seite der Knower wünschen sich Benedict Kurz und sein Team eine eher begrenzte, dafür umso aktivere Anzahl von Usern. „Aktuell sind das etwa vier bis fünf Prozent“, so der Gründer von nach eigenen Angaben „Deutschlands schnellstwachsender Schulapp“. Knower sollen bald je nach der Performance ihrer Inhalte, also Views, Likes und Einzelkäufe, von Knowunity bezahlt werden.

Die Monetarisierung von Knowunity

„Das Wachstum läuft auf beiden Seiten sehr gut“, sagt Benedict Kurz. Neben den bald monetären Anreizen würde schon jetzt das Ranking der „Top Knower“ für Motivation auf der Angebotsseite sorgen. Auf dem ersten Platz thront derzeit der Account „deinelernzettel“ mit knapp 16.000 Abonnenten. Die Userin Luna nutzt ihr Profil auch dafür, um per Linksammlung von Linktree auf weitere Social-Media-Profile zu leiten. Dem entsprechenden Instagram-Account mit Lerninhalten folgen rund 5.500 User; auf Tiktok kommt sie auf 16.700 Likes.

Innerhalb der App bittet Knowunity um Bewertungen in den App Stores.

Bisher verdient Knowunity vor allem mit ein paar wenigen Werbeplätzen Geld, die nur an zur Zielgruppe passende Partner wie Hochschulen verkauft werden. Noch bis heute läuft beispielsweise „Der größte Abi-Wettbewerb des Jahres“, bei dem die Jahrgangsstufen 10, 11 und 12 gemeinsam als Schule Inhalte hochladen können, um Preise des Partners abihome.de im Wert von 16.000 Euro zu gewinnen. Im April soll dann ein Premium-Abo gelauncht werden und die Haupteinnahme-Quelle bilden.

Die nächsten Schritte von Knowunity

Obwohl die Corona-Pandemie anders als bei GoStudent kein Wachstumsbeschleuniger für Knowunity sei – Homeschooling führe zu weniger Klausuren und weniger Austausch unter den Schülern – kann sich die Performance der App durchaus sehen lassen: Auf rund 3.800 Bewertungen bei einem Schnitt von 4,7 in Apples App Store und knapp 1.900 Bewertungen bei einem Schnitt von 4,3 kommt Knowunity derzeit. Laut dem App-Analytics-Tool Airnow wurde Knowunity seit Start im September 2020 über 330.000 mal für iOS und knapp 400.000 mal für Android heruntergeladen. „Im Februar waren wir zwischenzeitlich auf Platz fünf der übergreifenden Gratis-Charts in Apples App Store“, sagt Benedict Kurz. Aktuell ist Knowunity auf dem neunten Platz der Gratis-Bildungsapps.

„Die Schülerplattform für wirklich relevante Inhalte“, wie sich Knowunity selber nennt, hat zwar noch viel vor, um eine vergleichbare Größe wie GoStudent zu erreichen. Trotzdem haben auch beim jungen Gründerteam schon recht früh Investoren angeklopft und Interesse bekundet. Ende vergangenen Jahres investierte eine Gruppe von Business Angels aus der Region Stuttgart einen sechsstelligen Betrag in das Unternehmen. Beim aktuellen Wachstum der App und dem Momentum für Ed-Tech-Themen dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Knowunity eine erste große Finanzierungsrunde verkündet. „Wir sehen, dass der Markt riesig ist und es viele Chancen gibt. Wir haben da glaube ich was getroffen“, so Gründer Kurz. Das Geld stecke das Team vor allem in die Arbeit am Produkt selber. „Internationalisierung ist auch ein Thema“, so Benedict Kurz. „Aber vermutlich erst im kommenden Jahr.“

Noch mehr Edtech-Startups, die wachsen

Das Marktpotenzial für Apps und Plattformen, die Bildungsthemen digital spielen, scheint so groß zu sein, wie nie zuvor. Entsprechend gibt es noch zahlreiche weitere Player, die sich irgendwo zwischen GoStudent (84 Millionen Euro Funding) und Knowunity (sechsstellige Runde durch Business Angels) bewegen. Simpleclub ist so ein Beispiel, das ähnlich wie die anderen nicht mit Superlativen spart und sich auf der eigenen Seite als „beliebteste Lernplattform im deutschsprachigen Raum“ bezeichnet. Über eine Million Schüler:innen würden bereits mit der App lernen; im Oktober vergangenen Jahres gab es zwei Millionen Euro von Holtzbrinck Ventures. Und schon seit 2008 ist die Berliner E-Learning-Plattform Sofatutor dabei, die vor wenigen Tagen einen Gesellschafterwechsel vollzogen hat. Im Juli 2020 war Gründer Stephan Beyer noch im OMR Podcast zu Gast – und erklärte, wie stark die Corona-Pandemie die Nachfrage nach Edtech-Produkten in die Höhe getrieben hätte.

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