Nico Rosberg wird mit Facebook Live selbst zum Sender – und emanzipiert sich von klassischen Medien

Georg Nolte mit Nico Rosberg

Georg Nolte (links) mit seinem Schützling Nico Rosberg

Online Marketing Rockstars im exklusiven Interview mit dem Mann im Hintergrund

Er führt gerade nicht nur die WM-Wertung der Formel 1 an, sondern setzt in Sachen Social-Media-Marketing neue Maßstäbe: Nico Rosberg erreicht über 21 Millionen Menschen über Plattformen wie Facebook und Instagram. Wir haben mit dem Mann gesprochen der im Hintergrund die Strippen zieht, wenn Rosberg mit Fürst Albert von Monaco durch die Stadt rast und mit Live-Videos fette Reichweiten erzielt.

Georg Nolte war lange Jahre Sportreporter bei der Bild-Zeitung. Mittlerweile ist er noch näher dran – vor allem an einem Sportler: Mit seiner Agentur Ruhmservice kümmert er sich um Nico Rosbergs Social-Strategie. „Im Februar 2011 bin ich als Mediendirektor bei der Insolventen Universum Box-Promotion GmbH ausgeschieden und wollte nach der Geburt unserer Tochter eigentlich zehn Monate nur Vater sein. Daraus wurde allerdings nichts. Nicos Vater, Keke Rosberg, trat an mich mit der Frage heran, ob ich mir vorstellen könne, die Medienberatung für seinen Sohn zu übernehmen“, sagt Nolte gegenüber Online Marketing Rockstars. Er ist mit Rosberg schon in der siebten gemeinsamen Saison. Daneben berät Nolte zwei weitere Rennfahrer, den deutschen Helmhersteller Schuberth und hat auch mit der Lukas Podolski Stiftung bereits einige Projekte realisiert. Vor allem durch neue Möglichkeiten beim Thema Video habe sich seine Arbeit seit dem Start aber sehr verändert.

Derzeit hoffen alle großen Digitalkonzerne auf Livestreams als neues wichtiges Format. Erst Meerkat und Periscope, jetzt Facebook Live und Livestreams bei Youtube – Branding-Werbegelder sollen aus dem Fernsehen abgezogen werden. Klassische Medienkonzerne könnten das Nachsehen haben.

Besonders Promis profitieren von Facebook Live

In einem neuen Bericht zeigt das US-Portal „The Information“ (Artikel hinter Bezahlschranke) gerade, dass besonders Prominente vom Facebook-Live-Trend profitieren. Demnach seien 63 Prozent der 200 erfolgreichsten Facebook-Live-Videos in den letzten zwei Monaten von Prominenten. Vor etwa acht Wochen hatte Facebook die Live-Video-Funktion für jeden freigeschaltet. Nur etwa 15 Prozent der erfolgreichsten Live-Videos in dieser Zeit stammen von Publishern. Diesen Trend machen sich Nico Rosberg und Georg Nolte zu Nutze.

„Ein Live-Video nach einem Rennen bringt schon mal an die 500.000 Views. Das ist mittlerweile eine echte Währung.“ Während eines Rennwochenendes schnappt sich Rosberg oft mehrfach das Smartphone und beantwortet live die Fragen der Fans aus den Kommentaren. Viele dieser Videos kommen auf über 300.000 Views und an die 20.000 Likes. Rosberg selbst sagt dazu gegenüber Online Marketing Rockstars: „Die sozialen Netzwerke bieten mir die perfekte Möglichkeit, um sehr direkt und nah mit meinen Fans zu interagieren. Nach meinen Rennen nutze ich Facebook Live für Video Q+As. Die Resonanz der Fans ist großartig, es werden richtig gute Fragen gestellt.“ Klar ist aber auch, dass ein Großteil der Views erst im Nachhinein dazu kommt, Facebook-Live-Videos werden schließlich nach der Aufnahme ganz normal im Facebook-Feed gespeichert.

Durch Facebook Live habe sich die Reichweite von Rosberg in den letzten Monaten noch einmal erhöht, so Nolte. Mittlerweile kommt er auf 1,9 Millionen Fans bei Facebook. Aber hat das soziale Netzwerk nachgeholfen? In der letzten Woche kam heraus, dass Facebook 140 Publisher (darunter Bild und Welt) und Prominente bezahlt, damit sie Facebook Live einsetzen. Von einem Budget von insgesamt 50 Millionen Dollar berichtet das Wall Street Journal. Laut der Liste, die dem Journal vorliegt, war Nico Rosberg einer der ersten deutschen Sportler, der auch mit der Partnerschaft Geld verdient.

Teuer produzierter Content

Die Vision hinter der Facebook-Strategie wird auch bei anderen Inhalten deutlich: „Ich bin bei jedem Rennen an Nicos Seite und dabei entsteht wirklich toller Content. Begonnen haben wir einst mit einfachen Fotos, mittlerweile können wir 360-Grad-Videos, Drohnen-Flüge und Live-Videos mit beispielsweise Niki Lauda einstellen“, erzählt Georg Nolte. Und das macht er mittlerweile mit bekannten Partnern. Seit Anfang der Saison reist WM-Fotograf und Rockstars-Buddy Paul Ripke zu jedem Rennen und macht jede Menge Fotos und Videos von Rosberg rund um die Rennen. Vielleicht plant er ein ähnliches Buch, wie nach der Weltmeisterschaft der Fußballer. „Er und Nico mögen sich, die Bilder und Videos bekommen dadurch eine besondere, sehr persönliche Note“, sagt Georg Nolte. Viele der Ripke-Bilder und -Videos landen sofort im Facebook- und Instagram-Channel von Rosberg.

Das bisherige Highlight in Sachen Produktion ist aber wohl ein Interview zwischen Nico Rosberg und Fürst Albert von Monaco kurz vor dem Rennen im Fürstentum. Die beiden fahren in einem klassischen Mercedes 300SL durch die Straßen Monacos und sprechen über Alberts Kühe, Autos und Deutschkenntnisse.

Der Clip hat auf Facebook knapp 200.000 Nutzer erreicht und wurde über 800 Mal geteilt. Produziert hat ihn Creative Cosmos 15, ein Joint Venture aus den Unternehmen von Matthias Schweighöfer und Joko Winterscheidt. Das Ergebnis: ein Foto aus dem Video auf der Seite 1 der Bild, Sendezeiten bei RTL und anderen Formel-1-Sendern und Abdrucke in internationalen Zeitungen. „Wenn ich das exklusiv mit einem Sender gemacht hätte, wäre diese Reichweite nicht möglich gewesen. Da ist schon ein kleiner Trend zu erkennen“, sagt Georg Nolte. Nach wie vor seien diese Inhalte aus seiner Sicht zwar Ergänzung zu klassischen Medien, es entstehe aber ein Paralleluniversum auf den Plattformen. Das klassische Fernsehen müsse mit kreativen Formaten antworten.

Sponsoren erkennen den Trend

Nico Rosberg muss in die Offensive gehen. Die Zuschauerzahlen der Formel 1 bei RTL fallen seit Jahren. Ständige Regeländerungen, Reifenprobleme, Teampleiten und Streitigkeiten unter Funktionären vergraulen Zuschauer. Besonders die Stars des Sports versuchen daher, sich so gut wie möglich selbst zu vermarkten.

Denn nicht nur Produktionsbudgets und Aufmerksamkeit wandern zu den Plattformen ab. Brands dürften sich auch die Frage stellen: Wenn ein Beitrag vom Sportler und seiner Agentur produziert und in den sozialen Netzwerken gesehen wird, wieso dann nicht genau da werben? Laut Nolte ließen sich Sponsoren erstmals vor drei Jahren Platzierungen in den sozialen Netzwerken garantieren: „Es gibt einen deutlichen Shift in Richtung Social Media. Einige Sponsoren wollen nur noch dort Reichweite erzielen“, sagt Nolte.

Bei Nico Rosberg spiele Mercedes als sein Rennstall natürlich eine große Rolle. Aber auch mit Kopfhörern von Sponsor Bose lasse sich vor dem Rennen eine gute Geschichte erzählen. Also dreht Paul Ripke einen konzentrierten Rosberg, der sich mit seinen Kopfhörern vom Trubel abschottet – Native Advertising für Facebook.

Und die anderen Netzwerke?

Rosberg ist auch bei Instagram und Twitter sehr aktiv. Dabei spiele jede Plattform eine eigene Rolle: Bei Twitter finde die Interaktion mit anderen Sportlern und Multiplikatoren statt. Instagram sei die ideale Plattform für Inhalte, die über den Sport hinausgehen. Hier ist Rosberg auch privat unterwegs: „Wenn ich etwas Zeit habe, bewege ich mich sehr gerne auf Instagram – ich bin süchtig nach Oldtimer-Fotos“, sagt er. Bei Instagram erreicht Rosberg über 650.000 Abonnenten, bei Twitter hat er 1,36 Millionen Follower.

Für Snapchat habe Rosberg derzeit einfach keine Zeit: „Die Balance zwischen Erholung, Marketing, Engineering, Medien-Arbeit und Social Media ist sehr fein justiert. Snapchat on top ist momentan einfach zu viel“, sagt Georg Nolte. Außerdem sei die Formel 1 ein schwieriges Terrain, wenn es um die Trend-Plattform gehe. Vieles aus den Garagen und dem Fahrerlager darf nicht gezeigt werden. Im Mittelpunkt steht insgesamt eben der Sport, auch wenn die Plattformen ganz neue Möglichkeiten bieten. „Ich liebe die sozialen Netzwerke, finde es aber wichtig, sich nicht komplett abhängig davon zu machen. Ab und an eine Pause ist wichtig, um den Kopf wieder frei zu bekommen“, sagt Nico Rosberg und erzählt auch, dass er im Winter immer einen Monat Social-Media-Ferien einlegt.

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