Slop sells? Wie KI-Bücher Amazon fluten – und wer kassiert

Marie Traub20.5.2026

Eine Flut an KI-Büchern entwickelt sich für die Buchbranche zum ernstzunehmenden Problem. Auf Youtube versprechen Creator*innen damit schnell verdientes Geld.

Inhalt
  1. Menschgemachte Bücher als Trainingsgrundlage 
  2. "Finger weg von diesem Buch!"
  3. Warnsignale für KI
  4. Das Business der Self-Publisher
  5. "Die Leute wollen sich finanziell besser aufstellen"
  6. Unterschiedliche Pseudonyme für Kinderbücher und Depressionsratgeber
  7. 35 Cent pro Buch für Sebastian Fitzek
  8. Leere Bücher als Protest
  9. “Wenn KI-Bücher als solche gekennzeichnet würden, kauft sie keiner mehr.“
  10. Eine Stunde, drei Programme, ein fertiges Buch 
KI-generierte Bücher kapern gerade den Online-Buchmarkt. Während früher Talent, Ehrgeiz und ein Verlag nötig waren, kann heute jeder mit ein paar Klicks Bücher generieren und veröffentlichen. Und die Slop-Flut hat drastische Folgen: Sie drängt Nicht-KI-generierte Werke teilweise in die zweite Reihe, hinterlässt enttäuschte Leser*innen und lässt Autor*innen um ihre Zukunft bangen. Wie will sich die Branche wehren? Wer steckt hinter den KI-Büchern? Und wie viel Wahrheit steckt in Versprechungen vom schnellen Geld mit KI-Büchern, die Online-Coaches abgeben? OMR gibt Antworten.
Im Jahr 2025 veröffentlicht Jean Remy von Matt, der Mitbegründer der Agentur Jung von Matt, seine Biografie "Am Ende – Erlebnisse und Erkenntnisse aus meinem Leben". Als er seinen Namen testweise bei Amazon eingibt,  ist er perplex – offenbar ist von Matt nicht der Erste, der über das Leben von Jean Remy von Matt geschrieben hat : "Plötzlich tauchten sechs bis sieben andere Biografien auf Amazon auf." Sie heißen "Die wahre Geschichte von Jean-Remy von Matt" oder "Jean-Remy von Matt: Eine Biographie des kreativen Rebellen".  Sein Verlag ist sich sicher: Es handelt sich dabei um Bücher, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt wurden. "Das sind irgendwelche Trittbrettfahrer, die schnell von KI eine Biografie schreiben lassen, die schnell als Buch herausgeben und auf die PR draufspringen", sagt von Matt, als er im OMR Podcast zu Gast ist

Als Jean Remy von Matt seine Autobiographie veröffentlichte, versuchte ein Dutzend von Plagiateuren von der Aufmerksamkeit für das Buch mittels eigener, mutmaßlich mit KI erstellten Biographien, zu profitieren (Screenshot eines Linkedin-Posts von von Matt)

Kein Einzelfall: Schon im Jahr 2020 sorgte kurz vor der Veröffentlichung der offiziellen Autobiographie von Barack Obama ein "barack obama book" auf Amazon für Furore. Bereits damals vermuteten viele, dass das 61 Seiten umfassende Büchlein mit KI generiert worden war. Damals noch ein vereinzeltes Phänomen, gibt es nun auf Amazon eine Flut an KI-generierten Büchern. Wer die bestverkauften Bücher auf der Plattform durchstöbert, stößt in den Top 100 immer wieder auf mutmaßlich KI-generierte Bücher, gerade beispielsweise ein "Anti-Stress-Buch für Frauen".
Wirklich überraschend ist das mittlerweile wohl nicht mehr. Wo menschliche Autor*innen zuvor Monate oder sogar Jahre in ihre Bücher und deren Veröffentlichung investierten, verkürzt KI nun den Prozess enorm. Wer bei ChatGPT, Perplexity oder Gemini ein paar einfache Prompts eingibt, bekommt vom Sachbuch bis zum Krimi in beliebiger Länge und verschiedenen Sprachen fertige Manuskripte ausgespuckt. Um die zu veröffentlichen und gegen Geld anzubieten, braucht es dann auch nur noch wenige Klicks. 
Befeuert wird diese Entwicklung durch selbsternannte Coaches auf Youtube, die das Business mit KI-Büchern als sichere Methode anpreisen, um mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen. Für die Buchbranche wird das zu einem ernstzunehmenden Problem.

Menschgemachte Bücher als Trainingsgrundlage 

"Wir beobachten, dass immer mehr augenscheinlich rein durch KI-generierte Titel online angeboten werden", teilt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf Anfrage von OMR mit. Der Börsenverein ist der Dachverband der deutschen Buchbranche. Er vertritt die Interessen von Buchhandlungen, Verlagen, Zwischenbuchhändlern und anderen Medienunternehmen gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit. Laut dem Börsenverein finden sich in den Kategorien Ratgeber, Reiseführer und Sachbücher, aber auch den Kinderbuchbereich besonders häufig KI-generierte Bücher.
Eine problematische Entwicklung, findet der Börsenverein: Der KI-Output konkurriere auf dem Markt mit den Büchern, die verlegerisch mit Sorgfalt und Qualitätsanspruch erstellt wurden. Und er bedient sich auch noch genau an diesen: Schließlich könne KI nur auf Knopfdruck Bücher generieren, weil sie zuvor unbezahlt und ungefragt mit den menschengemachten Büchern trainiert wurde. Das große Problem: Die meisten Praktiken seien nicht justiziabel, so der Börsenverein. Autor*innen könnten nur dagegen vorgehen, wenn ein juristischer Tatbestand vorliege, etwa Verstöße gegen das Urheber- oder Persönlichkeitsrecht.

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Wie lukrativ der Markt sein kann, in den die KI-Autor*innen eindringen, zeigen die Umsatzzahlen, die der Börsenvereins für den Buchmarkt erhebt: 65.000 Bücher erschienen 2024 in Deutschland als Erst- und Neuauflagen, etwas weniger als im Vorjahr. Der Umsatz wuchs trotzdem auf rund 9,8 Milliarden Euro – rund ein Viertel davon wurde im Internet erzielt. Logisch, dass da viele mitmischen wollen. Offizielle Statistiken dazu, wie viele KI-generierten Bücher inzwischen tatsächlich auf Amazon und anderen Online-Marktpätzen angeboten werden, gibt es noch nicht. Doch wer durch die Verkaufsseiten bei Amazon scrollt, muss nicht lange danach suchen.
Einige findet man sogar in den Bestseller-Kategorien. Prominentes Beispiel: „Weil du ein wunderbarer Junge bist“, angeblich geschrieben von einer Autorin namens Sabine Jahn. Über das mutmaßlich KI-generierte Buch hatte auch schon die Tagesschau berichtet.

"Finger weg von diesem Buch!"

1.500 Bewertungen von Kund*innen weist das Buch bereits auf, mehr als drei Viertel der vermeintlichen Käufer*innen haben fünf von fünf Sternen vergeben. Insgesamt kommt das Buch auf viereinhalb von fünf Sternen – also auf eine sehr gute Bewertung. Auch die Kommentare lesen sich auf den ersten Blick gut: "Sehr schönes Buch, wir lieben es", oder sogar: "Das Buch hat mir Tränen in den Augen verschafft". 
Ein anderes Bild zeichnet sich in den Bewertungen ab, die erscheinen, wenn man weiter runterscrollt. Hier wird das Buch vermehrt mit zwei oder weniger Sternen bewertet. "Dieses Buch ist absoluter Schrott. Die Autorin gibt es nicht. Lasst euch nicht verarschen und bezahlt für ein dünnes Heftchen, geschrieben von einer KI so viel Geld", warnt ein*e enttäuschte*r Kund*in. „Finger weg von diesem Buch!“, ein*e andere*r. Oder: "Dieses ‘Kinderbuch’ wirkt komplett KI-generiert – ohne jeden Hinweis darauf. Der Text ist merkwürdig formuliert, teilweise unverständlich und völlig ungeeignet für Kinder." 

Das sind Kundenrezensionen auf Amazon zum Titel „Weil du ein wunderbarer Junge bist“.

Warnsignale für KI

Wenig überraschend sind offenbar viele Konsument*innen frustriert, wenn sich Bücher nach der Bestellung als lieblos mit KI generiert entpuppen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels warnt nicht nur vor solchen Enttäuschungen, sondern auch vor realen Gefahren, die von solchen Büchern ausgehen können. So sollen Pilzratgeber, die sogar lebensgefährliche Tipps gegeben haben, auf Amazon angeboten worden (aber mittlerweile gesperrt worden) sein. Der Inhalt: offenbar KI-generiert.
Aber wie können Verbraucher*innen überhaupt erkennen, dass es sich um KI handeltAmazon selbst hält sich auf OMR-Anfrage zu den mutmaßlichen KI-Inhalten auf der Plattform vage und verweist hauptsächlich auf die Inhaltsrichtlinien. Darin steht, dass Self-Publisher auf der Amazon-Plattform Kindle Direct Publishing (KDP) das Unternehmen über KI-generierte Inhalte wie Texte, Bilder sowie Übersetzungen informieren müssen. Dabei unterscheidet KDP zwischen "KI-generiert" und "KI-assistiert". Was Amazon damit vorhat, ist nicht bekannt.
Der Blog Futurezone gibt Tipps, wie User*innen die Werke entlarven können. Häufig seien auf Online-Marktplätzen etwa keine Vorschauseiten zu sehen, also Seiten, die das Buch von innen zeigen. Und auch eine kurze Internetsuche nach der Autorin oder des Autoren könne Aufschluss bringen, rät Futurezone. Häufig sind die Titel unter einem Pseudonym veröffentlicht. Zu den Autor*innen finden sich im Internet dementsprechend kaum Informationen. Und tatsächlich: Auch zur Autorin "Sabine Jahn" gibt es im Internet kein Profil oder weitere Informationen, die auf eine reale Person hinter dem Namen schließen lassen. 
Was ebenfalls stutzig machen dürfte: Auf der Amazon-Verkaufsseite, auf der "Weil du ein wunderbarer Junge bist", häufen sich Bücher mit ganz ähnlichen Titeln und Covern, verfasst von anderen Pseudonymen, etwa "Weil du ein großartiger Junge bist", "Weil du ein selbstbewussster & mutiger Junge bist", "Weil du ein wertvoller Junge bist", "Für den wunderbarsten Jungen der Welt". Und natürlich gibt es all diese Variationen auch für Mädchen. Drei Klicks auf Amazon also und schon befindet man sich im KI-Buch-Loop.

Das Business der Self-Publisher

Aber wie leicht ist es tatsächlich, ein eigenes Buch zu veröffentlichen und damit Geld zu verdienen? Auf Youtube finden sich zahlreiche Videos mit Titeln “Wie du kostenlos ein Buch mit ChatGPT und Canva erstellst (und 1000€/MO verdienst)”, “Low Content Bücher erstellen (ANLEITUNG KDP Amazon)” oder “So erstellst du Kinderbücher, die Geld drucken (Neue KI-Methode)”.  Sie versprechen offenbar großes Geld mit wenig Aufwand.
Die Thumbnails und auch die Creator*innen selbst zeigen und locken mit angeblichen Geldbeträgen, die man mit dieser Praxis verdienen können soll. Matthias Kupka vom Youtube-Kanal MK Digital Publishing zeigt in einem Video vom Januar 2026 einen Screenshot seiner geschätzten Tantiemen, also der prozentualen Vergütung, welche Autor*innen für die Werke erhalten. Er selbst will mit selbst publizierten Büchern in den vergangenen viereinhalb Jahren beachtliche 151.013,47 Euro verdient haben. Auf die Frage, warum in einem anderen Video-Thumbnail von ihm von 120 Euro pro Tag die Rede ist, antwortet er, er habe bei einer Youtube-Recherche beobachtet, dass diese Zahl gut in Videos "funktioniere".

Diesen Screenshot zeigt Matthias Kupka in einem seiner Videos.

Die Beschreibung seines YouTube-Kanals verrät: Matthias Kupka möchte seiner Followerschaft zeigen, wie sie mit Amazon KDP passives Einkommen aufbauen kann. KDP, das steht für Kindle Direct Publishing (KDP), und ist eine Amazon-Plattform für Selbstverleger*innen. Der Vorteil von Self-Publishing wird schnell klar. 2022 erzählt ein Verleger dem Börsenblatt, dass nur einer von 5.000 eingeschickten Texten umgesetzt werde; in den anderen Verlagen sei es ähnlich. Das entspricht einer Chance von genau 0,02 Prozent, den Traum vom eigenen Buch im Verlag zu verwirklichen – mit KDP können Autorinnen ihn selbst wahr werden lassen.

"Die Leute wollen sich finanziell besser aufstellen"

Neben seinen Videos auf Youtube bietet Kupka kostenlose Online-Kurse und kostenpflichtige 1:1-Coachings auf seiner Website an, je nach Paket für 120 Euro bis 950 Euro. Dort möchte er vermitteln, "worauf es wirklich ankommt". Seine Kurse seien sehr gefragt, berichtet er im Gespräch mit OMR. Pro Monat würden diese von 50 und 80 neuen Teilnehmer*innen besucht"Die Intention der Leute ist meistens, dass sie sich erstmal finanziell besser aufstellen möchten. Sie möchten einfach probieren, mit KDP Geld zu verdienen", sagt Matthias Kupka. Ob unter den Teilnehmer*innen der Kurse oder auch den Zuschauer*innen der Youtube-Videos Autor*innen sind, die rein KI-generierte Bücher auf Amazon KDP verkaufen wollen, lässt sich nur vermuten. Kupka selbst sagt, er würde KI unterstützend nutzen. Wichtig sei ihm, "dass man immer die Qualität im Auge behalte".
Er selbst habe ursprünglich gar nicht geplant, selbst Bücher zu publizieren. "Ich habe mich aber schon immer für das Thema Online-Business interessiert — konkret dafür, wie man von zu Hause aus mit digitalen Produkten Geld verdienen kann." Früher seien das „Quatschprojekte“ gewesen, Notizbücher, Journale oder Tagebücher, die kaum Umsatz machten. "Das Resultat waren dann so zehn Euro im Monat." Die Strategie, viele Bücher hochzuladen, hatte er selbst von Youtube. Damals sei der Rat gewesen, einfach viel hochzuladen, egal welche Art von Büchern. Heute stehe für ihn der Mehrwert im Mittelpunkt. Eines seiner stärksten Buchprojekte – sein Vorzeigeprojekt – ist ein Pubertätsratgeber für Jungs. "Ich hatte ein Konzept, das es noch nicht gab, ein Cover, das es noch nicht gab – und es kam super an." Was das in Zahlen heißt? "Wir sprechen von sehr hohen fünfstelligen Tantiemen", sagt Kupka.

Unterschiedliche Pseudonyme für Kinderbücher und Depressionsratgeber

Matthias Kupka investiert nach eigenen Angaben rund fünf Stunden pro Woche in sein KDP-Business. Nach der Konzeption von ein bis zwei Stunden pro Buch lässt er die Texte erstellen. Erst wenn die Inhalte online sind, widmet er sich dem Listing und der Werbeschaltung. Sobald die Anzeigen funktionieren, kontrolliert er sie gelegentlich.
Was KDP-Autor*innen darüber hinaus also auch von Verlagsautor*innen unterscheidet: Sie sind Marketer für ihre eigenen Produkte. Und dabei bedienen sie sich einiger Tricks. Die YouTube-Creator*innen sprechen in ihren Videos davon, wie wichtig es sei, eine Nische zu finden – quasi auf Angebot und Nachfrage zu achten. Wonach suchen Kund*innen und welche Themen bieten Mehrwert? Weiter soll es sinnvoll sein, verschiedene Pseudonyme für unterschiedliche Genres zu verwenden. Einer der YouTube-Coaches rät etwa dazu, einen Depressionsratgeber und Kinderbücher nicht unter demselben Pseudonym zu veröffentlichen.
Außerdem gilt: Je weniger Bücher eine Kategorie hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, mit wenigen Verkäufen ein Bestseller-Label in der Nische zu ergattern, und das wiederum rege Kund*innen zum Kauf an. Es ergebe also Sinn, Bücher bei Amazon so genau wie möglich zu kategorisieren, raten die YouTube-Coaches.

35 Cent pro Buch für Sebastian Fitzek

Auch der Youtube-Creator AI Mentors gibt in seinen Videos Tipps zu KDP und KI-generierten Büchern. In einem davon leitet er durch die KDP-Upload-Maske. In der Preisliste gibt er beispielhaft 14,99 Euro an und macht transparent, wie viel Geld ihm übrig bleiben würde: 6,32 Euro Tantieme vor Steuern für sein hauptsächlich von KI erstelltes PDF. 

Screenshot aus einem Video des Youtube-Creators AI Mentors.

Zum Vergleich: Bei klassischen Autor*innen ist es in der Regel deutlich weniger, weiß auch Deutschlands erfolgreichster Autor Sebastian Fitzek, der für seinen ersten Mega-Bestseller "Die Therapie" gerade mal 35 Cent pro verkauftem Exemplar erhielt. "Man bekommt zwischen sieben und maximal zehn Prozent vom Netto-Endverkaufspreis. Mit anderen Worten: Mehrwertsteuer rausrechnen. Und von diesen sieben Prozent musst du dann 15 bis 20 Prozent an deinen Agenten abgeben. Was auch völlig okay ist, denn er oder sie hat eine Masse für  dich geta", hat Fitzek zuletzt im OMR Podcast erzählt."Es ist im Buchbereich wirklich so, dass man erst einmal sagen muss: Kleinvieh macht eben auch Mist."
Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass es für Selbstverleger*innen ohne kompetenten Verlag im Rücken viel schwieriger ist, solch eine große Reichweite zu erlangen. Höhere Tantiemen hören sich erstmal schön an, sind allerdings wertlos, wenn kein Buch verkauft wird. 

Leere Bücher als Protest

Bleibt die Frage, wie sich die Buchbranche gegen die wachsende KI-Konkurrenz wehren kann. International werden Autor*innen laut, um ihre Werke zu schützen und ein Zeichen gegen die Nutzung ihrer Inhalte von KI-Plattformen zu setzen.
Beispielsweise führte die "Society of Authors", eine britische Gewerkschaft für Schriftsteller*innen gemeinsam mit der US-amerikanischen “Authors Guild" eine eigene Kennzeichnung ein. Autor*innen können ihre Werke registrieren lassen und es dann mit dem Logo "Human Authored" versehen.
Außerdem schlossen sich auf der Londoner Buchmesse im März Tausende Autor*innen zusammen und veröffentlichten ein Buch mit dem Titel "Don’t steal this Book". Der Inhalt: eine Auflistung der Autor*innen. Dieser Protest geschah nur wenige Tage, bevor die britische Regierung über Anpassungen im Urheberrecht entschied, mit dem Ergebnis vorerst keine Gesetzesänderung zugunsten von KI-Entwicklern durchzuführen. 

“Wenn KI-Bücher als solche gekennzeichnet würden, kauft sie keiner mehr.“

In Deutschland gilt im Rahmen des EU AI Act ab dem 2. August 2026 eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Texte. Allerdings dürfte die für den größten Teil der Bücher nicht gelten, denn sie soll nur für Texte gelten, die die Öffentlichkeit über "Angelegenheiten im öffentlichen Interesse" informieren. Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels glaubt, eine Kennzeichnung sei komplex: Ein Siegel oder eine Ampel könne nicht die Bandbreite spiegeln, in der KI eingesetzt werden kann. "Wir sind der festen Überzeugung, dass sich jeder Verlag dazu individuell positionieren muss", sagt der Börsenverein. Der Kinder- und Jugendbuchverlag Loewe aus Bindlach macht das seit Kurzem und hat dafür das Label "Ohne KI" eingeführt. Das Versprechen: Was drauf steht, ist auch drin – in den Büchern steckt keine KI.
Aktuell gibt es keine offizielle Kennzeichnungspflicht. "Ein einzelner Self-Publisher, der bislang nicht mal ein Impressum in seinen Veröffentlichungen aufführt, wird wohl den Teufel tun und seine Produkte als KI-Bücher brandmarken", sagt Christoph Gondrom, Geschäftsführer und Verlagsleiter des Loewe Verlags, in einem Interview mit Ippen.Media. Gleichzeitig ist er sich sicher: "Wenn KI-Bücher als solche gekennzeichnet würden, kauft diese keiner mehr." 

Eine Stunde, drei Programme, ein fertiges Buch 

Nach so viel Theorie wollte ich es selbst wissen: Wie einfach ist es wirklich, dank KI zur Autorin zu werden? Keine Stunde, drei Programme und dann soll ein Buch fertig sein, bereit zur Veröffentlichung – so die Versprechen der Youtube-Creator*innen. Und siehe da: Schon flimmert ein 20-seitiges Kinderbuch-PDF mit dem Titel "Als der Mond krank wurde" auf dem Bildschirm. Gebrainstormt, recherchiert, geschrieben und lektoriert von ChatGPT, Titel, Cover und Illustrationen generiert von Gemini. Mit dem Grafik-Tool Canva in ein fertiges Buchlayout gegossen.

Die ersten drei Seiten des Buchs „Als der Mond krank wurde“.

Das Kinderbuch zeige ich der erfahrenen Kinderbuchautorin Susanne Gernhäuser. Sie verfasst schon seit 20 Jahren Kinderbücher. Für eine Doppelseite in einem Sachbuch mit Klappen für vier- bis siebenjährige Kinder benötigt sie im Schnitt eine Woche. Dafür sammelt sie Wissen, das sie dann sorgfältig kuratiert. Der Anspruch: "Wir müssen immer gucken, dass inhaltlich etwas für die Vierjährigen dabei ist, sich die Siebenjährigen aber noch nicht langweilen." Die Bücher sollen den Wortschatz der Kinder aktiv erweitern, gleichzeitig unterliegt der Text stilistischen Vorgaben. Viel Arbeit und ein hoher Qualitätsanspruch also. Von unserem KI-Kinderbuch ist sie schockiert. Nicht etwa, weil das Buch unbrauchbar wäre. Im Gegenteil: "Ich finde es erschreckend, wie gut sich das erst einmal liest", sagt sie. Beim genaueren Hinsehen jedoch wird klar: Die Geschichte ist wirr und unlogisch. Sie simuliert Tiefgründigkeit, ohne wirklich tiefgründig zu sein. 
Susanne Gernhäuser selbst nutzt ChatGPT oder Perplexity manchmal zum Sammeln von Basisinformationen oder um Synonyme zu finden. Sie probiere auch gelegentlich aus, wie KI einen Sachverhalt formulieren würde. "Einfach, weil ich wissen will, was die KI kann", sagt sie. Eingang in ihre Texte finden diese Formulierungen nicht. Denn sie sind oberflächlich, es fehle emotionale und pädagogische Tiefe – das sei nicht kindgerecht, sagt sie.
Eine Gefahr sieht sie vor allem für Illustrator*innen. "Die haben ja auch wahnsinnig Angst um ihre Arbeitsplätze." Sie selbst hoffe, sie kann noch mindestens sieben Jahre lang ihren Job ausüben – bis sie in Rente geht.
Künstliche Intelligenz
Marie Traub
Autor*In
Marie Traub

Marie ist Volontärin bei OMR Education und spezialisiert auf Marketing- und Digitalbusiness-Themen. Sie verfasst die OMR Reports und bereitet komplexe Inhalte verständlich und praxisnah auf.

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