Die Bild-Zeitung hat dank der Affären um Ex-Chefredakteur Julian Reichelt zuletzt vor allem für Schlagzeilen in eigener Sache gesorgt. Nachfolger Johannes Boie will die Kultur von Europas größtem Boulevard-Medium verbessern – und gleichzeitig die digitale Transformation des Kerngeschäfts weiter vorantreiben. Im OMR Podcast erzählt Johannes Boie, warum der Boulevard-Journalismus weiterhin wichtig bleiben muss, welche Rolle der eigene Fernsehsender künftig spielt und warum Bild auf einen eigenen Auftritt bei Tiktok verzichtet.

Man könnte meinen, Johannes Boie hätte für ein Novum in der Geschichte der „Bild“ gesorgt: vom Chefredakteur der seriösen „Welt am Sonntag“ an die Spitze der krawalligen „Bild“ – hat es sowas schon mal gegeben? Hat es. Auch der frühere Chefredakteur Kai Diekmann bekleidete vor seinem Wechsel an die Spitze von Europas größter Boulevard-Zeitung das Amt des Chefredakteurs bei dem Sonntagstitel (und war 2018 zu Gast im OMR Podcast). Vielleicht kann man das als gutes Omen werten. Immerhin war es Diekmann in seinen letzten Jahren als Chefredakteur gelungen, die Marke Bild in vielen Fällen humorvoll-sympathisch erscheinen zu lassen.

Zuletzt war davon wenig übrig – das weiß auch Johannes Boie. Er räumt im Gespräch mit Philipp Westermeyer im OMR Podcast ein: „Natürlich gab es hier und gibt es hier möglicherweise an manchen speziellen, spezifischen Punkten kulturelle Probleme.“ Doch darum kümmere er sich gemeinsam mit seinen beiden Kolleg:innen in der Chefredaktion, mit Alexandra Würzbach und Claus Strunz. Das ist wohl auch nötig. Europas größte Boulevardzeitung befand sich zuletzt praktisch dauerhaft im Krisenmodus. Die Auflage sinkt seit Jahren stark. Der neue TV-Sender „Bild live“ sendet häufig noch unterhalb der für die Werbewirtschaft wichtigen Wahrnehmungsschwelle. Und auch inhaltlich gab es immer wieder Ärger.

Johannes Boie übernimmt Bild in schwieriger Phase

Mal ging es um die Art der Berichterstattung, weil Bild beispielsweise private Whatsapp-Nachrichten eines Elfjährigen aus Solingen druckte, dessen Mutter kurz zuvor seine fünf Geschwister getötet hatte. Oder weil man unsauber über eine Studie des Virologen Christian Drosten berichtete und ihm nur eine Stunde Zeit gab, sich zu einer Presseanfrage zu äußern. Viele andere Male wurde Bild jedoch selbst zum Thema der Berichterstattung. Denn es wurden Vorwürfe öffentlich, Ex-Chefredakteur Julian Reichelt habe seine Macht gegenüber Frauen missbraucht. Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner hielt zunächst am Chefredakteur seiner größten journalistischen Marke fest – zog dann aber doch die Reißleine. Am 18. Oktober 2021 wurde Johannes Boie kurzfristig als Reichelts Nachfolger berufen.

„Ich bin als Chefredakteur der Welt am Sonntag zur Arbeit gegangen und als Bild-Chefredakteur wieder raus“, beschreibt Johannes Boie den entscheidenden Tag in einer bis dato bereits eher ungewöhnlichen Karriere. Er volontierte bei der eher linksliberalen „Süddeutschen Zeitung“ und schrieb dort für das Kulturressort, bevor er Assistent von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner wurde und dann die Leitung der „Welt am Sonntag“ übernahm – mit nicht einmal 40 Jahren. 

Journalismus soll nicht zum Eliten-Projekt werden

Bei Bild will Johannes Boie viele Dinge anders machen als sein Vorgänger. Er sagt, er habe anfangs viele Einzelgespräche geführt. Inzwischen seien es mehr als 100. Man gehe mit Kritik jetzt auch anders um bei Bild – und stelle sich dieser auch, wenn sie berechtigt sei. So habe er beispielsweise mit Virologen diskutiert, nachdem die Bild für ihre Corona-Berichterstattung („Die Lockdown-Macher“) kritisiert worden war.

Komplett verändern will Johannes Boie Bild aber nicht, die grundsätzliche DNA soll bleiben: „Wenn du keinen Boulevard-Journalismus in diesem Land hast, wird Journalismus zu einem Eliten-Projekt.“ Und auch in anderen Punkten geht der neue Chefredakteur inhaltlich auf Distanz zum vermeintlichen journalistischen Mainstream: „Wir erziehen nicht, das überlassen wir den Öffentlich-Rechtlichen, die das ja in ganz vielen Sendungen schon machen.“

Bild verzichtet auf Tiktok-Kanal wegen China

Auch in anderen Punkten verfolgt er einen aus seiner Sicht anderen Kurs als die öffentlich-rechtlichen Sender. Denn diese experimentieren beispielsweise bereits schon mit Formaten bei Tiktok. Für Johannes Boie und Bild ist das soziale Netzwerk hingegen aktuell ein absolutes No-Go. „Das habe ich nicht auf dem Handy, das bespielen wir mit Bild nicht“, sagt Johannes Boie im OMR Podcast. Das Netzwerk komme aus China, begründet Boie die Haltung – und dabei handele es sich um eine knallharte Diktatur. Die deutsche Politik sieht er daher auch kritisch. Johannes Boie fürchtet, dass Fehler wiederholt werden, die es bereits im Verhältnis zu Russland gab. 

Im OMR Podcast verrät Johannes Boie außerdem, wie Bild die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine organisiert, warum er vergleichsweise selten twittert und wie man über die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar berichten wird.

Die Themen des OMR Podcasts mit Johannes Boie im Überblick:

  • Wie Johannes Boie zum Bild-Chef wurde (00:02:30)
  • Was der neue Chefredakteur bei Bild vorgefunden hat (00:08:30)
  • Bild und der Krieg in der Ukraine (00:19:30)
  • Warum Bild nicht bei Tiktok ist (00:30:00)
  • Bild als Business – so entwickelt sich das Geschäft (00:37:00)
  • Hat man Gewissensbisse, wenn man für Bild arbeitet? (00:44:00)
  • Sportveranstaltungen als Conversion-Hebel (00:58:00)