Wie russische Entwickler mit Autoreparatur-Apps in ganz Europa Geld verdienen

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Über 70 kostenpflichtige Apps mit Infos zu Auto-Ersatzteilen tummeln sich in den Charts

In den Charts der Kategorie „Shopping“ in Apples Appstore tauchen die Anwendungen auf, mit denen man halt so rechnet: Amazon, Ebay, Otto & Co. Das ist zumindest der Fall, wenn man nach Gratis-Apps sucht. Ganz anders sieht es jedoch bei den kostenpflichtigen Anwendungen aus. „TechApp for Audi“, „Mercedes-Benz Car Parts“ oder „Ersatzteile für Volkswagen VW“ heißen hier die umsatzstärksten Apps. Über 70 aus den Top 200 entsprechen diesem Schema – und stammen allesamt von nur einer Handvoll russischer Entwickler. OMR hat mit einem über sein Geschäft gesprochen.

„Die Anwendung enthält technische Information, die Ihnen bei der Reparatur und Wartung Ihres Autos hilft“, heißt es in der Beschreibung der App „TechApp für Volkswagen“. Es folgen eine Auflistung der Kategorien, in die die App unterteilt ist, unter anderem Fahrwerk, Bremssystem und Lampen, ein Hinweis, dass alle Daten den Empfehlungen der Autohersteller entsprechen und eine Liste dutzender Modelle, für die die App Infos parat hat.

Das 3,49 Euro teure Nachschlagewerk für Autobastler steht neben Deutsch in fünf weiteren Sprachen zur Verfügung: Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Spanisch – und rankt zur Zeit auf dem zweiten Platz aller gekauften Apps in der Kategorie „Shopping“ in Apples deutschem App Store. Nur die Anwendungen „Supbot – Supreme Bot“ (hier der Gründer im OMR-Interview) ist aktuell augenscheinlich erfolgreicher. Obwohl die Apps in der Kategorie gelistet sind, sind sie natürlich keine klassischen Shopping-Apps: Es gibt keine In-App-Käufe oder Shopping-Funktionen; und wer auf In-App-Shopping setzt, würde den Download der App auch nicht kostenpflichtig machen.

Glückstreffer oder gezielte App Store Optimierung?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich bei dem hohen Ranking der Auto-App um einen eher zufälligen Erfolg handelt. Die Anwendung hat gerade mal eine Bewertung (fünf Sterne) und ist dem Versionsverlauf zufolge schon seit vier Jahren im App Store verfügbar. Das letzte und einzige Update gab es vor drei Jahren – mit einem Beschreibungstext, der darauf schließen lässt, dass er mit einer Übersetzungs-Software ins Deutsche übersetzt wurde. Ein Beispiel: „Lassen Sie mich alles erklären: Speichern Hunderte von Megabytes an Informationen auf Ihrem Gerät, von denen 95% Sie oft nicht brauchen – ein unzulässiger Luxus.“

TechApp.org Auto Apps Screenshots

Screenshots aus einer der 16 Auto-Apps von Vladimir Susoykin (Quelle: techapp.org)

Dass es sich bei dem hohen Ranking der App aber ganz und gar nicht um einen Glückstreffer handelt, wird deutlich, wenn man sich das Profil des Entwicklers der Anwendung anschaut. Vladimir Susoykin hat nämlich nicht nur die App „TechApp für Volkswagen“ erstellt. Noch insgesamt 15 weitere sind in den Top 200 vertreten: in den Top 10 beispielsweise „TechApp for BMW“ und „TechApp for Audi“, es folgen entsprechende Apps für Marken wie Honda, Ford, Skoda und viele andere. Nahezu immer kosten die Apps 3,49 Euro, nie haben sie mehr als zehn Bewertungen erhalten.

Der Ursprung der Auto-Apps, die eine komplette Kategorie dominieren

Die guten Platzierungen und die Tatsache, dass die Apps überhaupt angeboten werden, sei mehr oder weniger Zufall, so Vladimir Susoykin im Gespräch mit OMR. Die Idee sei 2014 entstanden, während er versucht hätte, seinen Audi A4 zu reparieren. „Ich bin immer wieder zwischen Garage und Computer im Haus hin und her gelaufen, um im Internet technische Details nachzuschauen. Da dachte ich: Alle Infos für ein Modell gebündelt in einer App wäre eine gute Idee.“

Susoykin, der trotz eines Masters im Transportbereich vor allem in der IT-Branche gearbeitet hatte, ließ sich von einem Freund die Grundlagen von App-Entwicklung beibringen und legte direkt los. Abends nach der Arbeit entwarf er die ersten Versionen seiner Anwendungen. Weshalb seine Apps in der Kategorie „Shopping“ so gut platziert sind, könne er sich selber nur schwer erklären. Zwar habe er auch mal testweise ein wenig Budget für App-Promotion-Kampagnen investiert, das nach ernüchternden Resultaten aber schnell wieder eingestellt. „Ich glaube, es kommt vor allem auf eine klare Beschreibung der App an. Potenzielle Nutzer müssen verstehen, was sie kann, da helfen auch Screenshots sehr“, so Vladimir Susoykin. „Dass es die Apps in verschiedenen Sprachen gibt und sie außerdem zu wichtigen Keywords gefunden wird, hilft natürlich auch enorm.“

Rund 40 Prozent der Shopping-Kategorie besteht aus solchen Auto-Apps

Zwar erreichen einige von Vladimir Susoykins Apps die höchsten Rankings in Apples App Store, er ist aber nicht der einzige Entwickler, der sich offenbar auf diesen Typ von Anwendungen spezialisiert hat. Insgesamt tauchen in den Top 200 der Kategorie „Shopping“ über 70 solcher kostenpflichtiger Apps auf – sie machen fast 40 Prozent der gesamten Kategorie aus.

Mit insgesamt 29 Apps am häufigsten vertreten ist Andrey Ivanchenko. Seine Anwendungen erfüllen genau den Zweck, wie die von Vladimir Susoykin, sind für verschiedenste Automarken verfügbar, kosten 3,49 Euro und haben meistens, wenn überhaupt, nur eine Bewertung. Die beliebteste ist „Ersatzteile für Volkswagen VW“ auf Platz 31, gefolgt von „Ersatzteile für Audi“ und „Ersatzteile für Mercedes-Benz“ auf 37 und 38.

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Eine Auswahl von Andrey Ivanchenkos Auto-Apps in Apples App Store.

Auch Inna Chornaya hat eindeutig Gefallen an Auto-Apps gefunden; von ihr tauchen insgesamt zwölf Anwendung ab Platz 72 („Autoteile VW Golf V-IIV“) in den Top 200 auf. Während auch hier der Großteil 3,49 Euro kostet, verlangt sie für einige auch 2,29 Euro und 4,49 Euro. Von Ruslan Balkarov haben es elf Anwendungen in die Top 200 geschafft. Für 3,49 Euro bietet er Apps wie „Mercedes-Benz Car Parts“ und „Car parts for Audi-ETK, OEM“ an.

Keine Konkurrenz untereinander

Da sich die vielen anderen Auto-Apps vor allem auf Ersatzteile spezialisieren würden, während Vladimir Susoykin seinen Fokus auf technische Details lege, gebe es in seinen Augen keinen echten Wettbewerb. Und dass nahezu alle Anbieter der Anwendungen aus Osteuropa stammen, habe auch einen einfach Grund: „Das liegt leider nicht einfach an der Leidenschaft für Autos. Die Lebensumstände sind hier teilweise anders, so dass sich jeder viel stärker mit seinem Auto beschäftigt, um es im Zweifelsfall selber reparieren zu können.“

12.500 Downloads habe Vladimir Susoykin bis heute mit seinen Auto-Apps generieren können. Bei einem angenommenen Durchschnittspreis von drei Euro wären das 37.500 Euro, abzüglich Apples Provision von 30 Prozent immerhin noch rund 26.000 Euro. Nicht viel, aber für ein Hobby neben der eigentlichen Arbeit und Informationen aus Betriebsanleitungen, die öffentlich sein dürften, auch nicht schlecht. 23 Prozent aller Downloads stammen demnach aus Deutschland, 18 Prozent aus den USA. „Dass es bei den eigentlich nicht sehr hohen Downloadzahlen für die guten Rankinks reicht, zeigt, wie klein die Nische für diese Art von Apps ist“, sagt Susoykin.

Damit dürfte er Recht haben. So kletterte heute beispielsweise in nur einer Stunde „TechApp für Opel“ von Platz 25 auf Platz 2. Die Kategorie „Shopping“, und dann auch noch die Rangliste der kostenpflichtigen Apps, ist eindeutig nicht gerade einer der stark frequentierten Bereiche des App Stores. Und dennoch: Bei der Masse an gut platzierten Apps und einer halbwegs guten Auffindbarkeit, wenn gezielt nach entsprechenden, Auto-relevanten Keywords gesucht wird, dürfte ein nettes Taschengeld rausspringen. Das weiß auch Vladimir Susoykin. Er habe erst kürzlich seinen Job gekündigt – um sich ab jetzt komplett auf seine Auto-Apps zu konzentrieren.

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