A Small World: Von der Schwierigkeit, ein Netzwerk zu vermarkten

Wie der Elite-Club trotz Glamour-Faktor noch zehn Jahre nach dem Start um Profitabilität kämpft

Hier kommt nicht jeder rein: Für Normalmenschen ist auf der Startseite von A Small World Schluss

Hier kommt nicht jeder rein: Für Normalmenschen ist auf der Startseite von A Small World Schluss


Einst sollte A Small World ein Online-Netzwerk sein, in dem sich die Reichen, Schönen und Kreativen untereinander austauschen. Der exklusive Mitgliederstamm werde prominente Luxusmarken als Werbepartner anziehen, so die anfängliche Hoffnung. Heute ist die Plattform nach einem Sanierungsversuch und dem Wechsel des Geschäftsmodells hin zu bezahlten Mitgliedschaften jedoch vom Glanz ihrer Anfangszeit weit entfernt. Wir haben für Euch nachgesehen, was derzeit hinter den verschlossenen Türen des Netzwerks geschieht und die turbulente Geschichte von A Small World nachgezeichnet.

„Ich will 20 Luxussportwagen für ein Event in der Schweiz mieten, als Marken kommen ausschließlich Maserati, Ferrari, Lamborghini und Aston Martin in Frage.“   Oder: „Falls jemand eine Privatinsel kaufen möchte – ich biete eine bei Fiji an“ – solche Anfragen und Angebote prägten laut einem Bericht der New York Times aus dem Jahr 2007 zu Anfang offenbar das Online-Forum von A Small World.

Auch heute suchen dort noch Mitglieder nach einem Apartment in Cairo oder Buenos Aires oder bewerben Events in New York. Doch kaum andere Nutzer antworten darauf. Mit 23 „Likes“ verzeichnet ein anderer Beitrag deutlich mehr Reaktionen: „Bin ich der einzige der sich betrogen fühlt?“, schreibt darin ein Mitglied im Februar dieses Jahres. „Es fühlt sich an, als würde ASW versuchen, einige der alten Mitglieder zu melken, und sich gleichzeitig so wenig Mühe als möglich zu geben.“ Mehrere andere Nutzer stimmen dem Verfasser mit Kommentaren wie „Diese Seite ist tot“ oder „Ich bin traurig, dass der Ethos und Geist des alten ASW nicht mehr vorhanden ist“ zu.

Der Beitrag eines enttäuschten ASW-Mitglieds über das relaunchte Netzwerk

Der Beitrag eines enttäuschten ASW-Mitglieds über das relaunchte Netzwerk


Offenbar ist das Netzwerk derzeit dabei, seinen Namen zu verspielen. Diese Entwicklung ist die jüngste einer insgesamt äußerst schillernden Historie. Gegründet wurde das Netzwerk des schwedischen Adligen Erik Wachtmeister, der zuvor als Investmentbanker Karriere gemacht hatte. Anfang der 2000er Jahre erinnerte sich Wachtmeister an seine Zeit in Washington als Sohn des schwedischen Botschafters: Damals habe er gelernt, wie wichtig Networking und Lobbying in den USA sind, so Wachtmeister. Fasziniert vom Internet, fasste er um die Jahrtausendwende das Ziel, ein Netzwerk für exklusivere Kreise im Web zu etablieren. Der Launch im März 2004 war eigentlich nur als Test gedacht, offenbar jedoch gleich ein Erfolg: „Wir verdoppelten alle sechs Wochen unsere Mitgliederzahlen“, erzählt Wachtmeister in diesem ausführlichen Interview aus dem Jahr 2011.

„Pulp Fiction“-Macher Harvey Weinstein steigt als Investor ein

Der Gründer hatte zuvor eine Million US-Dollar Startkapital von Business Angels eingesammelt. Weil er die Kosten niedrig halten konnte, reichte das Geld zwei Jahre. In dieser Zeit wuchs die Zahl der ASW-Mitglieder auf 130.000 an. Im Mai 2006 nahm A Small World ein Series A Funding der Weinstein Company auf, dessen Höhe nie genauer beziffert wurde. Der bekannte Hollywood-Produzent Harvey Weinstein (u.a. „Pulp Fiction“) erwarb damit einen größeren Minderheitsanteil an dem Unternehmen.

Wenig später gelang es dem Filmmogul, offenbar gegen den Willen von Wachtmeister den CEO Joe Robinson einzusetzen. Der setzte nach Wachtmeisters Darstellung alleine auf das Geschäftsmodell Werbung, andere Monetarisierungsmöglichkeiten wurden nicht weiter entwickelt. Vermutlich auch deswegen baute das Netzwerk seine Mitgliederbasis weiter aus, bis auf 740.000 Mitglieder.

Wachtmeister verlor an Einfluss und zog sich aus dem Alltagsgeschäft des Netzwerks zurück. Weinstein indes bewies offenbar kein glückliches Händchen. Während andere Netzwerke wie Facebook sich darum bemüht hätten, ihre Plattform zu verbessern, habe er sich alleine auf den Verkauf von Werbung konzentriert. „Die anderen sozialen Netzwerke haben mir in den Arsch getreten“, schrieb Weinstein 2011 selbst in einem Artikel über seine größten Fehler. Wenig später wurde er noch deutlicher: „Ich schaffte es, eine brilliante Idee in ein Desaster zu verwandeln. Mann, hab ich das Ding an die Wand gefahren“, soll der Produzent im Jahr 2012 gesagt haben.

Im Jahr 2009 zeigte bei einer Party in Cannes der Schweizer Geschäftsmann Patrick Liotard-Vogt gegenüber Weinstein Interesse an einem Kauf von ASW. „Er wollte mich abwimmeln und meinte, dass ich mir ASW nicht leisten kann. Ich sagte zu ihm, das ich zehnmal mehr Geld habe als er“, sagte Liotard-Vogt in einem Interview im vergangenen Jahr.

Liotard-Vogt kommt aus einer wohlhabenden Familie: Sein Urgrossvater war Generaldirektor beim Lebensmittelkonzern Nestlé, sein Grossvater Pierre CEO und später Chairman. Der Erbe inszeniert sich offensichtlich gerne als Lebemann und erfolgreicher Geschäftsmann, so die Darstellung des Schweizer Wirtschaftsmagazins Bilanz in einem Porträt von „Mister Exit“. Eine Investition in das Elite-Netzwerk war für ihn offensichtlich naheliegend; Weinstein willigte schließlich in das Geschäft ein.

Doch die Übernahme stellte sich bald für Liotard-Vogt als Fehlinvestition heraus: „Das Management: unfähig, die Umsatzprognosen: ein Witz, das Büro: zu teuer, die Liquidität: unterirdisch, das Personal: unterbeschäftigt. Nach nur vier Wochen unter neuer Ägide war Ebbe in der Kasse“, schreibt Bilanz. Gleichzeitig sei ASW durch den Aufstieg von Facebook und anderer neuer Player am Markt unter Druck geraten. „A Small World braucht Cash, um negative Effekte auf den Business-Plan zu kompensieren“, soll es damals in einem Investor-Update geheißen haben.

Nestlé-Erbe versucht den Turnaround

Liotard-Vogt installierte die zuvor unter anderem als für die Entertainment-Website UGO tätige Sabine Heller als CEO, senkte die Kosten und ließ weitere Mitglieder in das Netzwerk hinein. Nachdem ein Verkaufversuch mangels Käufer gescheitert war, entschloss sich der Nestlé-Erbe 2013 zu einem Relaunch und einem des Wechsel des Geschäftsmodells hin zu bezahlten Mitgliedschaften. Gleichzeitig wurde die Zahl der Mitglieder von nun 850.000 auf 250.000 reduziert – angeblich, um verlorene Exklusivität zurückzugewinnen. So hieß es in Medienberichten aufmerksamkeitswirksam, dass Tiger Woods und Lindsay Lohan aufgrund ihres Lebenswandels ausgeschlossen worden seien. Es darf jedoch angezweifelt werden, ob der gesamte vorherige Mitgliederstamm bereit gewesen wäre, die Mitgliedsgebühr zu zahlen, und die Zahl der Mitglieder so nicht von selbst deutlich gesunken wäre.

Knapp 3.500 der ausgeschlossenen Mitglieder haben sich in der Facebook-Gruppe ASW Nostalgia organisiert und spotten dort recht offenherzig über das relaunchte Netzwerk. Die noch verbliebenen ASW-Mitglieder sind vom neuen Angebot bisher offenbar wenig begeistert, wie unsere Recherchen zeigten. Den neuen Gebührenzahlern war im Vorhinein neben anderen Vorzügen auch eine Woche Gratis-Urlaub in der Karibik versprochen worden: im Resort Kittitian Hills auf St. Kitts, in das Liotard-Vogt selbst investiert hat. Offenbar hat die Anlage jedoch bis heute nicht eröffnet. Der Unternehmer rechnet derzeit mit einem Start im Dezember 2014.

Zuletzte machte Liotard-Vogt mit „Betreibungen“ Schlagzeilen, einer schweizerischen Form von Zwangsvollstreckungen. Das Schweizer Magazin Watson veröffentlichte Anfang des Jahres einen Auszug aus dem „Betreibungsregister“ des ASW-Inhabers, das Schulden in Höhe von rund 4,2 Millionen Schweizer Franken (rund 3,4 Millionen Euro) ausweist. Zu seinen damaligen Gläubigern gehörte unter anderen der Kreditkartenbetreiber Diners Club und der Profifußballer David Degen. Nach Darstellung von Watson hat Liotard-Vogt seinen Wohnungssitz nach St. Kitts verlegt, wo er in das bereits erwähnte Resort errichten lässt: „Im Gegenzug für sein Investment hat er einen kittitanischen Pass erhalten“, schreibt Watson. „Damit ist er für die Schweizer Betreibungsbeamten oder die Justiz nur noch sehr eingeschränkt verfügbar.“

Gegenüber dem Schweizer Tagesanzeiger gab der 30-Jährige Anfang Mai jedoch an, sich mit seinen Gläubigern geeinigt zu haben. Beim Thema ASW habe sich Liotard-Vogt jedoch zugeknöpft gezeigt: „Auf die Frage, ob ASW, an der er 80 Prozent besitzt, nun Gewinn schreiben würde, meinte Liotard ausweichend, er sei mit dem Verlauf des Geschäftsganges zufrieden und werde langfristig beteiligt bleiben“, so die Zeitung.

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Diskussion auf OMR
  • Philipp

    Gutes Stück Roland….

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