Yubo, Telepath & HAGS – Hat eine dieser Apps das Zeug zum nächsten großen Social-Hit?

(von links nach rechts) Yubo, HAGS und Telepath: Drei junge Social Apps (Montage: OMR)

Welche Plattformen gerade in der Tech-Szene "Talk of Town" sind und VC-Geld eingesammelt haben

Gibt es im „Social Space“ noch Platz für weitere Plattformen neben Instagram, Tiktok und Snapchat? Renommierte Venture-Capital-Firmen scheinen dies zumindest für möglich zu halten, investieren sie doch immer noch in neue Social Apps. Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie neue Chancen eröffnet und bei manchen Apps das Nutzerwachstum angetrieben. OMR stellt mit Yubo, Telepath und HAGS drei Plattformen vor, die zuletzt von sich reden machen konnten.

Yubo – eine Mischung aus Houseparty und Tinder für die Gen Z

Ein Blick ins User Interface von Yubo, mit den vier Reitern „Live“, „Chat“, „Adde“ und „Swipe“ (Screenshot: Yubo)

„Finde neue Freunde“ lautet das Versprechen, mit dem die App Yubo (iOS | Android) Nutzende gewinnen will. Yubo richtet sich offenbar vor allen Dingen an Teenager und junge Erwachsene zwischen 13 und 25 Jahren. Die sollen mit Yubo neue Bekanntschaften schließen können. „Der Social Graph von Yubo Usern ist mit denen, die man typischerweise auf Facebook oder Snapchat finden würde, überhaupt nicht vergleichbar,” so Yubo-Mitgründer Sacha Lazimi vor Kurzem gegenüber Sifted. „Wir befriedigen ganz andere Bedürfnisse.“

Um die Nutzung anzukurbeln, mischt die App bekannte Formate aus bereits etablierten Apps bunt durcheinander. So gibt es Gruppen-Livestreams mit mehreren Personen à la Houseparty, bei denen andere User zuschauen, mitchatten und eingeladen werden können. Als Eisbrecher können die Nutzenden gemeinsam ein Spiel spielen. Es gibt aber auch Einzel-Chats und Einzel-Livestreams. Hinzu kommt eine an Tinder erinnernde Swipe-Funktion, mit der die Nutzer sich durch neue potenzielle Freunde „wischen“ können.

Monetarisierung durch In-App-Käufe

Die Swipe-Funktion ist wohl mit ein Grund dafür, dass Yubo vor allem als Flirt- und Dating-App für Teenies wahrgenommen wird. Zwar dementiert das französische Betreiberunternehmen ausdrücklich, dass Yubo eine Dating-App ist. Doch wer Tweets zu Yubo durchliest und schaut, worum sich viele der abrufstärksten Youtube-Videos zu Yubo drehen, muss den Eindruck erhalten, dass viele der Nutzenden das anders sehen – kein ganz unproblematischer Umstand angesichts der Minderjährigkeit vieler User. Eltern-Organisationen raten dazu, Teenager die App nicht unkontrolliert nutzen zu lassen. Die Yubo-Macher wollen u.a. durch eine Partnerschaft mit einer Kindesschutzorganisation die Sicherheit der User gewährleisten.

Um manche Funktionen nutzen zu können, müssen die Nutzenden ihre Freunde in die App einladen (und damit zu deren Verbreitung beitragen) oder bezahlen. Wenn die User massenhaft Freunde einladen wollen, wenn sie wissen wollen, wer bei ihnen „nach links geswipet hat“, oder wenn sie ein „Spotlight“ auf ihr Profil richten (und damit mehr Sichtbarkeit erhalten) wollen, müssen sie diese Funktionen erst freischalten. Einige der Funktionen können die Nutzenden in Mikrotransaktionen zu geringen Preisen freikaufen; für andere ist der Abschluss eine Abonnements notwendig.

40 Millionen Nutzer und 8,6 Millionen Euro Umsatz

Für bestimmte Funktionen müssen die Yubo-Nutzenden bezahlen oder ein Abo abschließen

8,6 Millionen Euro hat das Yubo-Betreiberunternehmen Twelve App nach eigenen Angaben im Jahr 2019 auf diese Weise eingenommen. „Wir sind das einzige Social Network mit diesem Gaming-artigen Modell“, so Mitgründer Lazimi. Wie Gaming-App-Firmen investieren die Yubo-Macher offenbar auch relevant in Marketing und Nutzergewinnung. Wie sich aus Tweets ableiten lässt, schaltet die Firma offenbar innerhalb der Zielgruppe in hoher Frequenz Anzeigen auf Snapchat, Instagram und Youtube. Ein Youtube-Video, das offenbar als Werbe-Spot geschaltet wurde, verzeichnet mehr als 13 Millionen Views. Auch Influencer-Kooperationen lassen sich auf Instagram finden.

40 Millionen Nutzende hat Yubo laut der jüngsten Pressemeldung des Unternehmens vom 9. September auf diese Weise bereits angesammelt. Nur fünf Prozent stammten aus dem französischen Heimatmarkt, mehr als die Hälfte der User komme aus Nordamerika, so Lazimi gegenüber Sifted. Die App gibt es schon seit 2015 (vormals unter dem Namen Yellow); offenbar sind die User-Zahlen zuletzt explodiert. In einer Pressemeldung aus dem Dezember 2019 hatte Yubo die Zahl der Nutzer noch auf „nur“ 25 Millionen Nutzer beziffert. Laut Google Trends soll das Interesse an Yubo seit August jedoch wieder langsam abgenommen haben.

12,3 Millionen US-Dollar für die Expansion

In drei Funding-Runden haben die Yubo-Betreiber laut Crunchbase insgesamt fast 20 Millionen US-Dollar eingesammelt. Alleine die jüngste Series-B-Runde im Dezember 2019 soll Yubo nach eigenen Angaben 12,3 Millionen US-Dollar Kapital eingebracht haben. Lead-Investoren waren Iris Capital (zu deren Partnern u.a. der französische Mobilfunkkonzern Orange und das Agenturnetzwerk Publicis gehören) sowie Idinvest Partners, der ehemalige Private-Equity- und Venture-Capital-Zweig der Allianz Versicherung.

Das Geld soll vor allen Dingen in weitere Mitarbeiter und die internationale Expansion gesteckt werden (vor allem in Japan und Brasilien), so das Unternehmen im vergangenen Dezember. Im September 2020 hat Yubo außerdem zunächst ein Büro in den USA und dann eines in London eröffnet.

Telepath – eine hassfreie Mischung aus Twitter und Reddit

„Einfach ausgedrückt ist Telepath (bislang nur für iOS verfügbar, Anm. von OMR) ein neues soziales Netzwerk mit Fokus auf Konversation – ein Raum, in dem sich Menschen miteinander befreunden können, die dieselben Interessen teilen“, schreibt Telepath-CEO Richard Henry auf der eigenen Plattform. Sein Co-Gründer Marc Bodnick hat vier Screenshots von Henrys ausführlichen „Mission Statement“ auf Twitter geteilt.

Telepath erinnert an einen Zwitter aus Twitter und Reddit. Die Nutzenden können anderen Usern folgen (so wie bei Twitter) und sich „Networks“ rund um bestimmten Interessen anschließen (so wie in den Subreddits in der Social Community Reddit). Zu den nutzerstärksten Networks gehören aktuell vor allen Dingen solche rund um Tech- und VC-Themen. Jeder neue Post (der aus Text und/oder einem Bild bestehen kann – Telepath legt aber einen deutlichen Fokus auf Text) muss innerhalb eines solchen Networks erstellt werden. Hinzu kommt dann noch eine kleine Portion Snapchat: Während dort die Snaps und Stories nach 24 Stunden verschwinden, werden Posts und Diskussionen auf Telepath nach 30 Tagen automatisch gelöscht.

Zurück in die „gute alte Zeit“

Ein Post bei Telepath – die Nutzer können den Post liken und darunter kommentieren (Screenshot: Telepath)

Anders als Yubo wendet sich Telepath offenbar an eine deutlich ältere Zielgruppe, ab Mitte 20 oder vielleicht sogar 30 aufwärts. „Das frühe Internet war ein wirklich guter Ort, um Freunde rund um die eigenen Interessen zu finden“, schreibt Richard Henry und lässt wenig Zweifel daran, dass er sich in diese Zeit zurücksehnt. Die etablierten Social Networks würden nicht mehr diesem Zweck dienen.

In diese Lücke will Telepath stoßen und hat dafür – wie Henrys Ausführungen zu entnehmen ist – sechs Leitlinien definiert: ein „obsessiver Fokus“ auf gute Konversationen, die Priorisierung von Moderation gegenüber reinem Wachstum, das Nichttolerieren von Hatespeech, gezieltes Vorgehen gegen Desinformation, nicht nur auf Klicks zu optimieren und Räume zu schaffen, für Menschen, die die gleichen Interessen teilen. Insbesondere mit dem Fokus auf Moderation und einem harten Vorgehen gegenüber Hatespeech will sich Telepath von großen Plattformen, aber auch „Rising Stars“ wie Clubhouse (hier im OMR-Porträt) abgrenzen.

Ex-Quora-Manager locken Promi-Gründer auf die Plattform

Ein Einblick in die innerhalb der Telepath aktiven „Networks“ (Screenshot: Telepath)

Die Gründer von Telepath haben zuvor alle in führenden Positionen an der Frage-und-Antwort-Plattform Quora mitgearbeitet. Die hatte in der Vergangenheit ebenfalls mit politischen Grabenkämpfen und Desinformationskampagnen zu kämpfen (wir hatten am Rande unseres Quora-Autoren-Rankings darüber geschrieben). Telepath-CEO Richard Henry war „Product Lead“ bei Quora, Mitgründer und „Executive Chairman“ Marc Bodnick war Leiter der „Business & Community“-Abteilung. Mit im Team sind ebenfalls Tatiana Estévez, davor Quora Global Writer Relations Lead, nun Head of Community and Safety bei Telepath, sowie Rodericka Applewhaite, die zuvor an der Kampagne von US-Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg mitgearbeitet hatte und nun „Head of Outreach“ von Telepath ist.

Das gute Netzwerk der Gründer dürfte zum einen dazu beigetragen haben, zum Closed-Beta-Launch von Telepath entsprechende Presseberichterstattung zu bekommen. So haben Techcrunch, Casey Newton bei The Verge, MIT Technology Review und Protocol über den Telepath-Start berichtet. Zum anderen haben sich augenscheinlich führende Figuren aus der US-Tech-Szene einen Account bei Telepath eingerichtet: Promi-Gründer wie Reid Hoffmann (Linkedin), Daniel Ek (Spotify) und Stuart Butterfield (Slack) sind dort ebenso angemeldet wie die VCs Andrew Chen, MG Siegler und Josh Elman sowie Journalistinnen und Journalisten wie Kara Swisher, Casey Newton und Robert Scoble.

Seed-Funding von bekannten VCs aus dem Valley

„Ein paar Millionen US-Dollar“ Funding haben die Telepath-Macher laut Techcrunch bislang eingesammelt. Lead Investor ist Josh Kopelmann mit First Round Capital. Die VC-Firma gehörte unter anderem zu den Seed-Investoren von Uber und Warby Parker und war am Series-A-Funding von Square beteiligt. Zu den weiteren Investoren sollen Andy Johns und Unusual Ventures (der Facebook, Twitter und Quora in frühen Phasen beim Wachstum geholfen hat) sowie Sam Lessin und Slow Ventures (der von 2010 bis 2014 im Produkt Management bei Facebook tätig war) gehören.

4.000 Nutzende verzeichnet Telepath laut Techcrunch aktuell im geschlossenen Beta-Test. Bislang ist die Nutzung der Plattform nur auf Einladung möglich. „Ich glaube in dieser Welt, in der wir jetzt leben, wird wohl nicht jeder, aber werden viele Menschen in der Geschäfts- und Finanz-Investment-Welt an Qualität und das Potenzial eines tollen ‚Social Produkts‘ glauben“, so Marc Bodnick gegenüber Procotol. Deswegen sehe er weder die Notwendigkeit, schnell die Nutzerzahlen hochzuschrauben, noch auf billige Art Geld zu verdienen.

HAGS – Vom digitalen Yearbook-Ersatz zum neuen „Social Space“

Über Snapchat können die HAGS-User Klassenkameradinnen und -kameraden darum bitten, ihr virtuelles Jahrbuch zu unterzeichnen (Screenshot: HAGS)

„HAGS“ kritzeln sich Teenager in den USA häufig am Ende des High-School-Jahres gegenseitig in ihre „Yearbooks“ – eine Abkürzung für „Have a great summer!“. Doch die von der Pandemie geplagte „Class of 2020“ musste auf dieses traditionelle Ritual verzichten. Einige Klassen haben aus der Not heraus in digitalen Yearbooks auf Instagram Erinnerungen festgehalten und Erreichtes gefeiert. Ein Schüler aus Los Angeles entwickelte lieber gleich selbst eine App dafür – und nannte sie HAGS.

HAGS setzt auf Snapchats Entwicklerplattform „Snap Kit“ auf. Die ermöglicht Entwicklern, eigene Apps an Snapchat anzubinden und darüber virale Effekte zu generieren. Das „Snap Kit“ hatte zuvor schon anderen Apps wie Yolo und Hoop an die Spitze der App Stores verholfen. Schließlich soll Snapchat einer Umfrage der US-Investment-Bank Piper Sandler zufolge immer noch die beliebteste App unter US-Teens sein – noch vor Tiktok und Instagram.

Google Ventures führt das Seed-Funding an

Auch der Signier-Prozess läuft direkt über Snapchat (Screenshot: HAGS)

Über HAGS konnten die Schülerinnen und Schüler also ein digitales Yearbook einrichten und über Snapchat dann Klassenkameradinnen und -kameraden bitten, dieses zu signieren. Ein Netzwerk von „Ambassadors“ an High Schools in den USA habe zusätzlich zur Verbreitung der App beigetragen. Mehrere Zehntausend Schulkinder hätten HAGS genutzt, schreiben die Macher Seite selbst auf ihrer Website. Die User konnten sich das fertige Yearbook ebenfalls als gedruckte Kopie bestellen; die Einnahmen wurden für einen guten Zweck gespendet.

Das Team hinter HAGS ist sehr jung: Gründer Jameel Shivji ist 18 Jahre alt, mit an Bord sind ebenfalls seine ältere Schwester als CEO sowie der 19-jährige James Dale. Trotzdem ist es dem Unternehmern gelungen, Google als Investor zu gewinnen: Auf eine Million US-Dollar belief sich die Seed-Funding-Runde. Google Ventures habe vor allem in das Team investiert, schreibt der Venture-Zweig des Tech-Konzerns – weil die Gründer verstanden hätten, wie man Plattform für die Gen Z entwickelt.

„Ein neuer Ort für High Schooler“

So sieht dann ein Eintrag im Yearbook aus (Screenshot: HAGS)

Die wollen nun offenbar den bislang akquirierten Nutzerstamm mit neuen Ideen und Services versorgen. Bald werde HAGS ein komplett neuer Ort für High-School-Schüler und ihre Klassen sein, heißt es auf der Website. Dort sucht das HAGS-Team ebenfalls neue Mitarbeiter, die darin interessiert sind, „über die Grenzen von 2D und 3D nachzudenken“. Bis dahin hat das Google-Investment immerhin schon dabei geholfen, dass HAGS bei Techcrunch gefeatured wurde.

Jetzt diese Artikel lesen