Dieser Deutsche hat eine Firma aufgebaut, die mehr wert ist als VW und Daimler in Summe

Gründer Tobias Lütke spricht im OMR Podcast darüber, wie Shopify einen Gegenpol zu Amazon bilden will

Rund 119 Milliarden US-Dollar ist der Shop-System-Anbieter Shopify aktuell wert. Wäre das Unternehmen an der Frankfurter Börse statt an der New York Stock Exchange gelistet, stünde in Sachen Marktkapitalisierung nur Software-Gigant SAP im Ranking vor Shopify. Für Tobias Lütke, den aus Koblenz stammenden und heute in Kanada lebenden Gründer und CEO von Shopify, sind solche Summen „Papiergeld“, das nicht wirklich real ist. Im OMR Podcast spricht der 39-Jährige exklusiv über seine Unternehmerkarriere und seine Vision mit Shopify.

Tobias Lütkes Lebenslauf ist eine dieser Self-Made-Geschichten, wie man sie eigentlich eher aus Filmen kennt. Die ganz frühen Stationen einmal im Zeitraffer: in den 80er Jahren in Koblenz aufgewachsen („ein Schängelkind“, wie er selbst sagt), früh angefangen, zu programmieren, die Schule nach der 10. Klasse verlassen und eine Informatiker-Ausbildung bei einer Tochterfirma von Siemens-Nixdorf absolviert.

Snowboard-Kunden für 20 US-Cent

Anfang der Nuller-Jahre lernt Lütke eine kanadische Studentin kennen, mit der er 2002 nach Kanada auswandert (und heute verheiratet ist und drei Kinder hat). In seiner neuen Heimat gründet er gemeinsam mit seinem Freund Scott Lake die Snowboard-Firma Snowdevil. Um Snowboards über das Netz zu verkaufen, programmiert Lütke kurzerhand ein eigenes Shopsystem.

Snowdevil ist durchaus erfolgreich, auch, weil Lütke in dieser Frühzeit des Online Marketings offenbar ein gutes Verständnis dafür entwickelt, wie er Traffic über Google generieren kann, etwa indem er in Adwords auf die Namen populärer US-amerikanischer Skigebiete bietet: „Ich habe Kunden für 500-US-Dollar-Snowboards, bei denen die Marge 50 Prozent betrug, teilweise zu einem Klickpreis von 20 Cent eingekauft.“

„Ich kann mich an meinen ersten Sale genau erinnern“

Der allererste Verkauf eines Snowboards stellt für ihn nach seiner Darstellung ein einschneidendes Erlebnis dar: „Ich kann mich noch genau erinnern, in welchem Coffeeshop ich saß, wo ich da mein Laptop aufgeklappt habe und was ich an dem Tag getragen habe“, erzählt Lütke im OMR Podcast. Ihm sei klar geworden, dass man einen solchen Moment nur einmal im Leben erlebe.

Weil ihn sowieso schon andere gefragt hatten, ob er ihnen die Snowdevil-Software lizensieren wolle, beschließt er, zu versuchen, anderen zu helfen, einen vergleichbaren Moment zu erleben. Er und sein Mitgründer fahren das Snowboard-Geschäft langsam zurück. Lütke überredet seinen ebenfalls aus Koblenz stammenden Freund Daniel Weinand auch nach Kanada umzusiedeln und fortan an dem zu programmieren, was später Shopify werden sollte.

Wie Kylie Jenner sich für ihren Shopify-Store angemeldet hat

2004 wird Shopify gegründet, 2006 bringen die Gründer ihr Produkt auf den Markt. Über die Jahre hinweg wächst Shopify langsam und stetig; in den 10er-Jahren des neuen Jahrtausends ist Shopify vermutlich einer der Hauptprofiteure von gleich mehreren Booms: dem des Dropshippings (hier ein OMR-Artikel über das Phänomen), dem der Direct-to-Consumer-Startups sowie dem der Influencer.

Letztere wiederum profitieren selbst von der rasanten Verbreitung von Social-Media-Plattformen; Facebook und Instagram erweisen sich für sie als gut funktionierende Traffic-Quellen, die auch Besucher in potenzielle Shopify-Shops spülen. Von den größten Influencern der Welt verkaufen gleich zwei über Shopify-Shops: Kim Kardashian und Kylie Jenner. „Kylie hat sich für einen Basic-Account von Shopify zum Preis von 29 US-Dollar pro Monat selber angemeldet. Das ist passiert aufgrund von Produktqualität.“ Danach habe das Unternehmen der Influencerin natürlich den roten Teppich ausgerollt; aber der erste Kontakt sei organisch zustande gekommen.

Shopify als Gegenpol zu Amazon

Seit 2015 ist Shopify an der Börse; der Aktienkurs hat zuletzt von dem Digitalisierungsschub durch Corona noch einmal deutlich profitiert. Aktuell Shopify ist 119 Miliarden US-Dollar wert, und Lütke selbst laut Forbes 8,1 Milliarden US-Dollar schwer. Mehr als eine Million Shops laufen auf Shopify und generieren insgesamt ungefähr eine Milliarde US-Dollar Umsatz pro Woche. „Es ist uns nicht wichtig, die größte Firma der Welt zu werden“, so Lütke. „Wir wollen einfach ein gutes Produkt haben, und wenn die Leute das wertvoll finden, ist die Firma wertvoll, und das ist okay.“

„Unsere Idee ist, dass Händler viel wichtiger sind, selbst den Kunden, als es die Original-Idee vom Internet berücksichtigt.“ Wobei Lütke den Händler Begriff recht weit fasst und dabei auch Marken, die direkt verkaufen, mit einbezieht. Das Unternehmen stellt mit diesem Grundkonzept fast eine Art „Anti-Amazon“ dar, auch wenn Lütke diese Bezeichnung selbst nicht verwendet.

„Wir wollen eine Art Gewerkschaft für die Händler sein“

Amazon agiere nur auf dem jeweiligen Produkt, der Händler oder Macher des Produkts dahinter sei egal, so Lütke. Für Produkte, die man wirklich braucht, sei dieser Ansatz wahrscheinlich besser. „Aber die Sachen, die man richtig haben will, die kommen viel eher von einem Händler“, sagt der Shopify-Gründer. „Die Händler sind die, die die Produkte erfinden und auf verschiedene Weisen zusammenstellen.“

Für den Mittelstand und die kleinen Händler wolle Shopify „eine Art Gewerkschaft sein“, so Lütke. Dabei will das Unternehmen auch mit seinen Kunden wachsen. „Wir wollen, dass die Händler bei Shopify bleiben, und nicht dass sie irgendwann eine andere Software benutzen“. Nicht wenige seien einmal zu anderen Shop-Anbietern wie Demandware oder Magentor gewechselt. „Aber in fast allen Fällen kommen sie zu uns zurück.“ Ein Indiz dafür, in welchem Maße Wachstum mit Shopify möglich ist, ist folgende von Lütke zitierte Statistik: „Von den Top 10 Shopify Stores, von denen viele über eine Milliarde Umsatz haben, haben nur drei nicht auf Shopify angefangen.“

Wird Shopify jetzt selbst zum Marktplatz?

Zuletzt hat Shopify die eigene App „Shop“ so umgebaut, dass die Endkunden über diese nicht nur ihre Bestellungen und Lieferstatus einsehen können, sondern auch neue Produkte entdecken. Ein erster Schritt hin zu einem B2C-Modell? „Mal sehen. Wenn es funktioniert, dann ja, aber wir sind da natürlich noch ganz neu dabei“, so Lütke. Grundsätzlich diene jeder Schritt des Unternehmens dazu, den Store-Betreibern zu helfen, mehr zu verkaufen. „Das kann auch bedeuten, eine App zu bauen, die viel heruntergeladen wird, damit diese ihre Bestandskunden mehr verkaufen können.“

Wenn Ihr wissen wollt, wie Tobi Lütkes Verhältnis zu Mark Zuckerberg und Jeff Bezos ist, warum er die jüngste Kooperation mit Walmart als „eine der wichtigeren“ einschätzt und welche drei Kennzahlen er in Bezug auf Shopify immer im Blick behält – hört Euch die neueste Folge des OMR Podcasts an!

Unsere Podcast-Partner im Überblick:

Wo könnte man besser auf einen Podcast hinweisen, als in einem Podcast? „Digitale Vorreiter powered by Vodafone“ ist, wie der Name schon sagt, ein Format unserer Freunde aus Düsseldorf. Gastgeber ist OMR-Buddy Christoph Burseg und er hatte im Juni das Thema Startups als Schwerpunkt. Zu den Gästen gehörten deswegen Andy Bruckschlögl, Gründer des Startup-Festivals Bits & Pretzels, Hendrik Gottschalk, Gründer des AR-Startups getbaff sowie Christian Byza, Mitinitiator von OMR und Host des Podcasts Silicon Valley Update. Alle Folgen gibt es bei Podigee und bei Spotify!

Und noch ein Podcast-Hinweis: Wir möchten Euch das „Facebook Update“ ans Herz legen, einen deutschsprachigen Podcast, der direkt von Facebook kommt und neue, wertvolle Insights zum Thema Marketing auf der Plattform liefert. In dem Kanal erscheinen verschiedene Formate wie der „Facebook Marketing Talk mit Jin Choi“ mit Gästen (auch Philipp war schon mehrmals zu Gast) sowie „Facebook Marketing Experten“, wo wechselnde Spezialisten von Facebook selbst berichten, was gerade rund um das Unternehmen und seine Plattformen interessant ist. Näher dran an allen wichtigen News zum Thema Marketing und Facebook als hier geht nicht.

Rund zwei Monate nach ihrem ersten Gespräch hat sich Philipp außerdem wieder bei Carsten Schwecke vom Vermarkter Axel Springer Media Impact erkundigt, ob das Unternehmen nach wie vor gut durch die Corona-Krise kommt. „Auf jeden Fall“, sagt Schwecke. Die Brand, die am meisten zöge, sei nicht wie vor die zuletzt ja in einigen Teilen der Öffentlichkeit durchaus diskutierte BILD. Der Content von klassischen Medien sei ein Werbewirkungsverstärker. In Social Media gebe es demgegenüber ein Aufmerksamkeitsdefizit in Sachen Detailtiefe und Werbewirkung. Wer mehr Infos oder ein Angebot aus erster Hand haben möchte, erreicht Schwenke hier direkt per Mail.

Zum ersten mit dabei sind die selbst ernannten „Geldverbesserer“ der Deutschen Kreditbank (DKB). Wenn ihr bei der ein Konto eröffnet, investiert diese das Geld nicht weiter in Atom- oder Kohlekraft, Rüstungsgüter oder wilde Börsenspekulationen, sondern gezielt in nachhaltige Projekte. Mehr als 50 Milliarden Euro und damit mehr als 80 Prozent ihrer Einlagen hat die DKB bezahlbare und saubere Energie, Gesundheit und Wohlergehen, Bildung oder Gerechtigkeit investiert. Das findet Ihr gut? Dann schaut Euch mal auf geldverbesserer.dkb.de um!

Am Ende noch ein Hinweis auf unser Schwesterportal Finance Forward! Während wir bei OMR uns mit Marketing beschäftigen, schauen sich die Kollegen Fintechs und das Finanz-Business genauer an. Klar, dass sie in den vergangenen Wochen viele unterschiedliche Blickwinkel auf das Thema Wirecard geworfen haben – das Spektrum reicht von Berichten darüber, wie Wirecard-Mitarbeiter die letzten Tage erlebt haben zu Überlegungen darüber, wer die Reste von Wirecard kaufen könnte. Eure Neugier ist geweckt? Dann rüber zu Financefwd.com!

 

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