Schulden im neunstelligen Bereich: Das Adtech-Unternehmen Sizmek hat Insolvenz beantragt

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Gelingt die Restrukturierung – oder werden die einzelnen Unternehmensteile verkauft?

Das von dem Deutschen Mark Grether (früher u.a. bei Xaxis beschäftigt) geführte Adtech-Unternehmen Sizmek hat am Freitag in New York Insolvenz beantragt. Wie dem Antrag zu entnehmen ist, soll das Unternehmen zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar Schulden angehäuft haben. Sizmek hofft derzeit nach eigener Darstellung, noch eine Restrukturierung durchführen zu können. Doch die Aussichten sind offenbar nicht gerade rosig. Hinter den Kulissen tobt wohl ein Streit zwischen Management und einem Anteilseigner des Unternehmens.

Sizmek habe nach dem US-Insolvenzrecht ein so genanntes „Chapter 11“-Verfahren beantragt, heißt es in einer Pressemitteilung, die das Unternehmen am Freitagnachmittag veröffentlicht hat. In den zurückliegenden Monaten habe Sizmek mit den Anteilseignern des Unternehmens in Gesprächen nach einer Lösung für eine Überschuldung Sizmeks gesucht. Ungeachtet dieser fortschreitenden Gespräche habe der Hauptgeldgeber des Unternehmens Kontrolle über Sizmeks Bankkonten übernommen und versucht, Außenstände von Kunden abzuführen. Der Sizmek-Unternehmensvorstand habe daraufhin einstimmig die Beantragung eines „Chapter 11“-Verfahrens beschlossen.

Wer ist der Hauptanteilseigner an Sizmek?

Firmen, die an einem Insolvenzverfahren dieser Art teilnehmen, sind bis auf Weiteres vor rechtlichen Schritten der Gläubiger geschützt und gewinnen Zeit, um eine Restrukturierung durchzuführen – zwischen 120 und 180 Tagen. Dies sei „der einzige verantwortungsbewusste Mechanismus, mit dem das Unternehmen Zugang zu Kapital suchen sowie seinen Wert erhalten und gleichzeitig wertsteigernde Alternativen prüfen“ könne, heißt es in der Pressemitteilung.

Wer in der Mitteilung mit Hauptgeldgeber gemeint ist, sagt Sizmek nicht ausdrücklich. Möglicherweise ist dabei gar nicht Vector Capital, das Private-Equity-Unternehmen, das bislang im Besitz von Sizmek war, gemeint. Laut einem Bericht des US-Branchenblogs Adexchanger hat das Private-Equity-Unternehmen Cerberus Capital Sizmek-Anteile von Vector Capital übernommen. Cerberus habe, so die Darstellung von Adexchanger, Vector Capitals Übernahme von Sizmek und der Demand-Side-Plattform Rocket Fuel finanziert. Die Technologien beider Firmen sollten in einen gemeinsamen Adstack integriert werden. Weil Vector es nicht gelungen sei, Sizmek profitabel zu machen, seien die Verbindlichkeiten gegenüber Cerberus mit fortschreitender Dauer in Unternehmensanteile umgewandelt worden.

Mehr als 1.000 Gläubiger

Adexchanger hatte bereits Anfang März berichtet, dass Sizmek die Umsatzziele für das Jahr 2018 verfehlt habe und möglicherweise vor einem Verkauf stehe. Cerberus Capital (der Name geht auf eine Figur aus der griechischen Mythologie zurück: einen Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht) hat sich darauf spezialisiert, Firmen aufzukaufen, zu restrukturieren und dann weiterzuverkaufen. Eine Sprecherin für Sizmek wollte auf Anfrage von OMR weder die Adexchanger-Berichterstattung kommentieren, noch weitere Fragen beantworten. Wie für „Chapter 11“-Verfahren üblich, werde Sizmek bald eine so genannte „First Day Declaration“ abgeben, die detailliertere Informationen über die Gründe für den Antrag beinhalten soll.

Sizmeks Insolvenzantrag ist öffentlich einsehbar. Darin beziffert Sizmek den Wert der eigenen Assets auf zwischen 100 und 500 Millionen US-Dollar, die Höhe der Schulden liege in derselben Spanne. Die Zahl der Gläubiger belaufe sich auf 1.001 bis 5.000. Jene 50 Unternehmen, denen Sizmek das meiste Geld schuldet, sind in dem Dokument in einer Tabelle aufgeführt. Alleine ihre Forderungen belaufen sich auf 64,7 Millionen US-Dollar.

Droht der Branche ein Domino-Effekt?

Die Liste der Gläubiger zeigt, dass eine mögliche Sizmek-Pleite die Online-Marketing-Branche hart treffen könnte. Unter den größten Gläubigern befinden sich viele Werbeinventar-Anbieter („Sell Side Platforms“, SSPs) wie Index Exchange (8,9 Millionen US-Dollar), PubMatic (7,3 Millionen US-Dollar), OpenX (5,9 Millionen US-Dollar) und AppNexus (5,3 Millionen US-Dollar), aber auch Firmen wie Integral Ad Science (1,2 Millionen US-Dollar) und Double Verify (440.000 US-Dollar), die für ihre Kunden überprüfen, dass ihre Werbung wirklich für Menschen sichtbar und im angegebenen Umfeld ausgespielt wird.

Mark Grether

Mit dem Insolvenzantrag landet auch Mark Grether auf dem Boden der Tatsachen, der die Leitung von Sizmek Anfang 2017 mit großen Ambitionen übernommen hatte. Im Gespräch mit OMR hatte er im September 2017 das Ziel ausgegeben, mit Sizmek neben Google und Facebook die „largest independent platform“ im Online-Werbemarkt zu werden. Über Vector Capital habe Sizmek Zugriff auf einen Fonds von 1,4 Milliarden US-Dollar, mit dem das Unternehmen seinen Adtech-Stack weiterentwickeln könne, so Grether damals. Nun von OMR angeschrieben, verwies Grether auf besagte Sprecherin, die für ein offensichtlich von Sizmek eingeschaltetes Consulting-Unternehmen tätig ist, das Unternehmen unter Restrukturierungszwang berät.

Sicherheitslücken werfen ein schlechtes Licht auf Sizmek

Die Übernahme von Sizmek und Rocket Fuel soll Vector Capital Medienberichten zufolge 270 Millionen US-Dollar gekostet haben. Ob bei Vector innerhalb der vergangenen Monate ein Sinneswandel in Sachen Adtech allgemein und Sizmek im Speziellen eingetreten ist, ist von außen nicht nachzuvollziehen. Wie Adexchanger schreibt, habe Alex Beregovsky, jener Geschäftsführer von Vector Capital, der die Sizmek- und Rocket-Fuel-Übernahmen verantwortet habe, das Private-Equity-Unternehmen (wie auch sein Linkedin-Profil zeigt) verlassen. Vector habe bereits ein anderes Adtech-Investment, den Audio-Marktplatz Triton Digital, verkauft.

Von Sizmek war bereits vor dem Insolvenzantrag zuletzt wenig Positives nach außen gedrungen: Mitte März berichtete Adweek von mehreren Sicherheitsvorfällen bei Sizmek. So sei u.a. der Zugriff auf Audience-Segmente, die der Sizmek-Kunde Publicis Media für Targeting verwendet, von außen ungeschützt möglich gewesen. Zudem sollen dem Bericht zufolge russische Hacker in Foren Zugang zu Sizmek-Konten angeboten haben. Gegenüber Adweek gab Sizmek an, die Probleme in kürzester Zeit behoben zu haben. Nach dem Bekanntwerden des Insolvenzantrags enthüllte der Gründer einer texanischen Online-Marketing-Firma auf Twitter, dass Sizmek zum Tracking einen Rocket-Fuel-Pixel verwendet, der nicht https-verschlüsselt und somit nicht sicher ist.

Third Party Tracking wird immer häufiger blockiert

Im November 2018 hatte Sizmek bereits bekannt gegeben, Rocket Fuel als Marke nicht weiterführen und künftig im Mediaeinkaufsbereich für die Kunden alle Gebühren transparent ausweisen zu wollen. Zuvor sei Rocket Fuel in einer Branchenumfrage nur noch von elf Prozent aller Befragten als vertrauenswürdiger Partner eingestuft worden, wie es in einem Adweek-Artikel heißt.

Zu diesen unternehmensinternen Problemen kommt die allgemeine Branchenentwicklung hinzu. Das so genannte Third Party Tracking, das genutzt wird, um Daten für die zielgerichtete Auslieferung von Online-Werbung zu erheben, wird immer schwieriger. Apples Safari blockt bereits Third Party Cookies, Mozilla hat angekündigt, mit dem Firefox-Browser ab Sommer 2019 nachzuziehen.

Welche Perspektiven hat Sizmek noch?

In dieser Marktsituation und in kurzer Zeit unter Druck eine Restrukturierung durchzuführen, dürfte kein leichtes Unterfangen sein. Zumal die Vermutung naheliegt, dass jene SSPs, die Sizmek zuletzt noch beliefert haben, die Verbindung zu der Einkaufsplattform des Unternehmens mit Bekanntwerden des Insolvenzantrags gekappt haben. Sizmek dürfte somit über höchstens noch sehr beschränkten Zugriff auf Inventar verfügen.

Bleibt das Adserving-Business, in dem Sizmeks Wurzeln liegen: Unter dem Namen Mediamind war das Unternehmen einst als Adserver-Anbieter gestartet. Adexchanger prognostiziert, dass Cerberus Capital aus dem aktuellen Konflikt als Gewinner hervortreten könnte, wenn es der Investment-Firma gelingt, Sizmek von Schulden zu befreien und einzelne profitable Geschäftsbereiche zu verkaufen.

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