Selbstversuch: Ich bin die SEO-Sklavin

(Illustration: Nishe)

Wie ich einmal „3 spannende Texte zum Thema Obst“ zusammenstümperte – und wo diese heute im Netz zu finden sind

Das Netz fließt über vor schlechtem Content. Durch den Rummel um Content Marketing versuchen auch noch die kleinsten Seitenbetreiber im hinterletzten Winkel des Webs mit einem entsprechenden „Informationsangebot“ ihr Google-Ranking zu verbessern. „Textbörsen“ schlagen aus dieser Situation Profit: Sie vermitteln die Aufträge der nach Content dürstenden Seitenbetreiber an willige Tippsklaven, die für ein paar Euro Texte im Akkord erstellen. Wer macht so etwas und wo landen solche Texte? Ich habe den Selbsttest gemacht und war für kurze Zeit als Autorin bei Textbroker.de aktiv.

Nachdem ich mich bei Textbroker unter Angabe von Namen, Adresse, Geburtsdatum und Beruf registriert habe, kann ich mein Profil als frisch gebackene SEO-Autorin schärfen, indem ich aus der 86 Themenbereiche umfassenden Maske „Fachwissen“ beliebig viele Kategorien auswähle. Zwischen Fachgebieten wie Wirtschaft und Geschichte, findet man hier auch konkrete Hinweise auf mögliche Aufträge – Inserate, Kostenloses, Pressemeldungen, Gewinnspiele, Produktbeschreibungen, Referate.

Screenshot: Textbroker "Fachwissen"

Screenshot: Textbroker „Fachwissen“

Fett vergütete Fünf-Sterne-Aufträge dienen als Köder, gibt es aber (fast) gar nicht

Die Vergütung erfolgt abhängig von der Qualität eines Autoren und Textes. Anhand zweier selbst verfasster Texte, die der neu angemeldete Nutzer bei Textbroker hochladen muss, bewerten die Betreiber dessen Schreibqualitäten auf einer Skala von einem Stern bis fünf Sternen. In meinem Fall tun zwei alte Uni-Texte ihren Dienst – nach einem Bearbeitungstag stuft mich Textbroker als „Vier-Sterne-Autor“ ein. Da man die Höchstwertung von fünf Sternen erst erhalten kann, nachdem man einige Texte für das Portal geschrieben hat, sollte man sich natürlich erst einmal über eine Vier-Sterne-Bewertung freuen. Ich freue mich.

Um einen Überblick darüber zu erhalten, welche Aufträge insgesamt bei Textbroker erteilt werden, wähle ich in meinem persönlichen Profil erst einmal alle 86 verfügbaren Themenbereiche aus. Spätestens hier soll die anfängliche Freude über die zunächst gut erscheinende Einstufung meines „4-Sterne-Schreibvermögens“ verfliegen. Von insgesamt 936 Aufträgen (Stand heute) sollen 811 von Autoren mit einer Vier-Sterne-Bewertung verfasst werden – also fast alle. Zum Vergleich: Vor zwei Tagen, am 4. November, waren von 1.138 Aufträgen 1.055 in der Vier-Sterne-Kategorie.

Screenshot: Textbroker, Aufträge insgesamt (06.11.2014)

Screenshot: Textbroker, Aufträge insgesamt (06.11.2014)

Screenshot: Textbroker, Aufträge insgesamt (04.11.2014)

Screenshot: Textbroker, Aufträge insgesamt (04.11.2014)

Von Kundenseite besonders gefragt: Produktbeschreibungen und Automobile

Die konkrete Identität der Auftraggeber offenbart Textbroker den Autoren nicht. Klar, welcher Seitenbetreiber möchte schon riskieren, als Publisher von Billigst-Content bloßgestellt zu werden. Die Verteilung der Aufträge auf die Themenbereiche lassen zumindest darauf schließen, aus welchen Branchen die Auftraggeber stammen könnten. Von den aktuell 917 offenen Aufträgen sind 253 der Kategorie „Produktbeschreibungen“ zugeordnet. Vorgestern waren es sogar 598 von 1.138 – und damit mehr als die Hälfte. Offenbar setzen also viele Online-Shops auf günstig erstellte Texte. Auf Platz zwei im Ranking der gefragtesten Kategorien steht an beiden Tagen „Automobile“. Sicherlich sind diese Zahlen nur eine Momentaufnahme, doch lässt sich eine Tendenz ableiten.

Das Preismodell ist clever gestaltet: Während die Preisunterschiede zwischen Zwei-, Drei- und Vier-Sterne-Texte für Auftraggeber relativ gering sind – 1,3 Cent/Wort, 1,7 Cent/Wort und 2,2 Cent/Wort – sind die qualitativ am besten bewerteten Fünf-Sterne-Texte mit 6,5 Cent pro Wort gleich mal 300 Prozent teurer als die Texte aus der nächst niedrigeren Kategorie. Als Auftraggeber würde ich mich auch am ehesten an die Vier-Sterne-Autoren wenden, die immerhin „gehobene Ansprüche“ erfüllen sollen. Die Vier-Sterne-Einstufung soll die Autoren offensichtlich dazu motivieren, regelmäßig Aufträge zu erfüllen, um sich so irgendwann vielleicht einmal den fünften Stern zu verdienen und damit wesentlich besser vergütet zu werden. Doch wird es dazu vermutlich nie kommen – und wenn doch, dann gibt es so gut wie keine Aufträge. Für die Abwicklung behält Textbroker übrigens 35 Prozent des Preises pro Auftrag als Pauschale ein.

Screenshot: Preise bei Textbroker

Screenshot: Preise bei Textbroker

Screenshot: Vergütung bei Textbroker

Screenshot: Vergütung bei Textbroker

3 spannende Texte zum Thema Obst

Bei der Auswahl meines ersten Schreibversuchs entscheide ich mich für „3 spannende Texte zum Thema Obst“. Werde ich bei dieser aufregenden Aufgabe mein Edelfederpotenzial voll ausschöpfen können? Die konkrete Auftragsbeschreibung holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück: Ich soll Wissenswertes über den Pfirsich, die Quitte und die Birne in jeweils etwa 500 Wörter umfassende SEO-optimierte Texte mit mehreren Abschnitten und Zwischenüberschriften verpacken. Die Titel der Texte sind vorgegeben: So soll ich beispielsweise zu „Quitten – fast vergessene Vitaminbomben“ neben dem Haupttext noch klar definierte Teaser, einen Meta-Title und eine Meta-Description verfassen sowie mindestens drei Quellen angeben.

Nach einer kurzen Abwägung von Aufwand und Nutzen, entscheide ich mich dann doch für die Faule-Studenten-Variante: das Wort „Quitte“ googlen, willkürlich drei Seiten von den ersten zehn Suchergebnissen auswählen – SEO-seitig scheinen die immerhin einiges richtig gemacht zu haben –dann copy & paste, ein bisschen umformulieren, Sätze hin- und herschieben, Abschnitte auf irgendeine Art sinnvoll gliedern und fertig waren „3 spannende Texte zum Thema Obst“. Insgesamt investiere ich etwa sechs Arbeitsstunden in mein kleines Experiment.

15,54 Euro für sechs Stunden Arbeitszeit

Nach Abgabe meines Textes vergehen bis zu dessen Annahme durch den Kunden und der anschließenden Auszahlung meines Verdienstes durch die Sario Marketing GmbH, dem Unternehmen hinter Textbroker, zehn Tage. Das Ergebnis ist – wie erwartet – ernüchternd. Für meine geopferten sechs Stunden Arbeitszeit bekomme ich „stolze“ 15,54 Euro ausgezahlt. Wer will auf diese Weise und mit dieser Vergütung sein Dasein fristen? Vor meinem geistigen Auge entstehen Bilder von Amateurschreibern, die im Jogging-Anzug Texte am Uraltrechner tippen. Ich bin kurz versucht, Textbroker einen SEO-optimierten Artikel zum Thema Mindestlohn anzubieten, entscheide mich dann aber doch dafür, mein kurzes Dasein als Tippsklave wieder zu beenden.

Meine Texte sind bei barcoo gelandet

Nachdem einige Monate vergangen sind (und ich die 15,54 Euro schon leichten Herzens verprasst habe – meine Freunde wunderten sich für einige Minuten über meinen offenbar neu erworbenen Reichtum) kommt mir meine Textbroker-Karriere wieder in den Sinn. Ich schmeiße ein paar Zitate aus meinen Obsttexten in die Suchmaschine und lande bei barcoo – der Name dürfte einigen vielleicht von einer kostenlosen Barcode-Scanner-App bekannt sein. Darüber hinaus versucht barcoo als „Verbraucherportal“ mit Content zu Themen wie Essen und Kosmetik Nutzer via Google auf die Website zu locken. Textbroker wird natürlich nicht als eine der 28 Quellen und Partner bei barcoo ausgewiesen. Zu meinem Quittentext wird kein Autor genannt – am Ende des Beitrags erscheinen allerdings die drei Quellen, die ich bei Textbroker angeben musste. Jetzt weiß ich, wie sich die Plagiatsopfer des Freiherrn von und zu Guttenberg gefühlt haben müssen. Da das Urheberrecht nicht übertragbar ist und ich lediglich Verwendungs- und Veröffentlichungsrecht an den Auftraggeber abgegeben habe, könnte ich theoretisch ja wenigstens noch meinen eigenen Blog mit dem wertvollen Content pushen. Aber so funktioniert SEO ja wieder nicht…

Hinter Textbroker steckt übrigens die 2005 gegründete Sario Marketing GmbH aus Mainz, zu der man 26 Mitarbeiter bei Xing finden kann. Seit 2008 baut das Unternehmen seine Auslandsaktivitäten aus; 2010 erhielt Sario eine Millionen-Investition durch ViewPoint Capital Partners. Ein Blick in die Jahresbilanz beim Bundesanzeiger verrät, dass das Unternehmen im Jahr 2012 einen Verlust von einer halben Million Euro verzeichnete, was möglicherweise auf die Internationalisierung zurückzuführen ist. Aus den Forderungen lässt sich für dasselbe Jahr ein geschätzter Jahresumsatz von zwölf Millionen Euro ableiten.

Wir kennen uns im Online Marketing eigentlich ganz solide aus und wissen auch grob, wie SEO nicht erst seit gestern funktioniert. Firmen wie die oben genannten Textbroker oder content.de besetzen in dem Bereich eine Marktlücke mit hilfreichen Angeboten für ihre Kunden. Insbesondere die Kollegen von content.de kennen und schätzen wir nicht zuletzt auch als Sponsoren unserer Aktivitäten. Unabhängig davon ist der Bereich für „normale Menschen“ zu verrückt, um nicht mal drüber zu schreiben.

Jetzt diese Artikel lesen