Rheingans: "Die Realität ist schneller als wir"

Lasse Rheingans ist vor allem eines: ein New-Work-Verfechter. Als er 2017 die 25-Stunden-Woche in seiner Firma etablierte, stellte er die Arbeitswelt auf den Kopf.

Porträtfoto Lasse Rheingans
Lasse Rheingans denkt Arbeit neu – und will die deutsche Unternehmenslandschaft mitreißen. Seine Überzeugung: Es geht nicht um investierte Zeit, es geht um Produktivität und Qualität – und das geht auch ohne 40-Stunden-Modell.

Vor acht Jahren war sein Unternehmen eine mediale Berühmtheit. Journalist*innen stürzten sich auf Lasse Rheingans, wollten dem Revoluzzer lauschen, der gerade eine 25-Stunden-Woche in seinem Digital-Beratungsunternehmen eingeführt hat. Zwei Jahre später schrieb er ein Buch darüber: “Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken.” Warum Deutschland “fett und behäbig” ist – und welche Missverständnisse den Fortschritt bremsen.

Wie Unternehmen Menschen werben, mit welchen Vorzügen sie punkten und was Menschen sich heute von ihrem Arbeitsplatz erwarten – das hat eine gewichtige Relevanz erlangt. Wenn Finanzminister Christian Lindner (FDP) mehr “Lust auf die Überstunde” machen will, oder BDI-Chef Siegfried Russwurm eine 42-Stunden-Woche fordert, ringt das Lasse Rheingans nur ein müdes Lächeln ab. Mit seinem damaligen Buch erzählte er der Welt, wie er die 25-Stunden-Woche in seinem Unternehmen etablierte. Seine Philosophie hat sich seitdem nur gefestigt, und das, obwohl der Fachkräftemangel nachhaltig die Stirnfalten von Wirtschaftsexpert*innen und Politiker*innen in Falten legt. Wie kommt es dazu?

Seine gnadenlose Analyse sollte Zeitfresser und falsche Denkweisen entlarven. So wie es ein Satz auf Seite 40 nahelegt: “Am Arbeitsplatz zu sein und seine Arbeit zu tun, sind zwei verschiedene Dinge.” Das umreißt Rheingans Denken über die Arbeit ideal. “Ohne kausalen Zusammenhang erfolgt eine Zuordnung von Ursache (Arbeitszeit) und Wirkung (Arbeitsleistung) willkürlich und birgt die Gefahr einer falschen Schlussfolgerung”, schreibt er. Das brachte die industrielle Revolution aus dem 18. Jahrhundert hervor. Dass das über 100 Jahre her ist, spricht für sich, meint der Unternehmer. 

Der Gegner Zeit

Rheingans ist seit 24 Jahren selbständig, 2007 gründete er mit einem Kumpel eine Agentur für technische Dienstleistungen. Menschen, die diesen Schritt wagen, werden sein Urteil womöglich fühlen: “Es gab in jedem Fall immer mehr zu tun, als Zeit da war.” Jahrelang reifte in dem Medienwissenschaftler der Gedanke, dass das Leben aus mehr als nur Arbeit besteht, dass das Familienleben leidet und ständige Büropräsenz nicht mehr en vogue sein sollte. Sowieso gehe Leistung nicht mit investierter Zeit einher. “Und haben wir nicht eh das Gefühl, alle keine Zeit mehr zu haben?”, fragt er. Dann teilte er genau das seinen Geschäftspartnern mit, die verdutzt reagierten. Ihre Verwirrung war Rheingans Startschuss für eine ambitionierte und revolutionäre Reise durch konservative Sphären.

Alte Rezepte lösen heutige Probleme nicht

Heute kümmert sich seine Firma nicht mehr um IT. Die Rheingans GmbH ist eine New-Work- und Organisationsberatung und beschäftigt zehn Mitarbeitende. Jeder arbeitet so, wie er kann. “Vertragswerk, das eine Anzahl der Urlaubstage beinhaltet", existiert auch hier, “aber das sehe ich mehr als Relikt von gestern”, sagt der Gründer. Er setzt auf Selbstorganisation. 

In einem Podcast, auf einem YouTube-Kanal oder in Workshops will der Visionär außerdem für neue Arbeitsweisen sensibilisieren, kommt dort mit Kund*innen über Impulse, Erfolge und Schwierigkeiten ins Gespräch. Genügend Gelegenheiten, ein berüchtigtes Narrativ zu bedienen: Krisen bieten Chancen. Die ereignisreichen vergangenen Jahre hätten dazu geführt, “dass Menschen viel hinterfragen, was sie nie hinterfragen mussten”. Insbesondere im Gesundheitssystem: “Das ist am Limit und es wird nur noch schlimmer.” Um die Pflege aber wieder attraktiv zu machen, müssen auch hier die Bedingungen verändert werden. Mit dieser Intention hat seine Firma das Klinikum Bielefeld dabei begleitet, aus einem halbjährigen Pilotprojekt einen Ist-Zustand zu machen – mit Erfolg (wir berichteten). Seit Januar 2024 ist die Vier-Tage-Woche für Pflegekräfte fest verankert. Und das in einem 24-Stunden-Betrieb. 

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Gemeinsam vor dem Universitätsklinikum Bielefeld: Lasse Rheingans neben Michael Ackermann (Geschäftsführer), Maik Torremans (Direktor Prozessmanagement) und Pflegedienstleiter Henrik van Gellekom, auf dessen Initiative hin das Pilotprojekt gestartet wurde.

Offene und unbesetzte Stellen sind bereits jetzt eine große Herausforderung, doch in der Zukunft noch viel mehr. 44 Prozent aller Berufsgruppen haben aktuell mit diesem Missstand zu kämpfen. Im Jahr 2030 wird es knapp vier Millionen Menschen weniger geben, die erwerbsfähig sind (20 bis 65 Jahre alt). Die plötzliche Omnipräsenz des Schlagworts “Fachkräftemangel” findet Rheingans bemerkenswert: “Es ist krass, dass das jahrzehntelang nicht gesehen wurde, obwohl es klar war.”

“Deutschland ist fett und behäbig geworden und hängt gemütlich ab.”

Doch gerade hierzulande würden wir mit Transformationsprozessen auf der Stelle treten, argumentiert er mit der sinkenden Wirtschaftsleistung. Das IWF prognostizierte im April 2024 einen Rückgang des Wachstums – damit ist die Bundesrepublik der einzige G7-Staat, dessen Prognose nicht verbessert wurde. “Deutschland ist fett und behäbig geworden und hängt gemütlich ab”, kritisiert er. Russland wird trotz Angriffskrieg ein Wachstum prognostiziert. Rheingans Reaktion: “Wie krass ist das denn?” Deutschlands Tief sei auch dem Umstand geschuldet, wie die verschiedenen Generationen sozialisiert sind. Rheingans spricht dabei von unterschiedlichen Handlungsmustern und Realitäten. Ganz simpel gesagt: “Ich bin 1980 geboren. Damals gab es keine Laptops und kein iPhone. Dinge, die ich in der Uni gelernt habe, spielen heute fast keine Rolle mehr.” Deswegen seien gerade ältere Führungskräfte teils überfordert.

Mit Entwicklungen Schritt halten

“Die Realität ist viel schneller, als dass wir hinterherkommen können”, lautet seine Analyse. Sind wir also machtlos? “Ich hoffe, dass wir schnell genug gegensteuern, durch Hinterfragen von Strukturen und Kultur”, sagt er. Besonders in dem Aufstreben Künstlicher Intelligenz sieht er Potenzial. 

Wenn um Arbeitskräfte gebuhlt werden muss, bietet sich für diese viel eher die Gelegenheit, Ansprüche durchzusetzen. Des Arbeitgebers Risiko ist des Arbeitnehmenden Freiheit. Der Problem-Kosmos aus Rezession, alternden Führungskräften und Personalmangel wird zudem um eine ganz entscheidende Komponente ergänzt: dem Mindset einiger Generationen. “Das Individuum wird immer furchtloser. Es ist kein Problem mehr, einfach den Job hinter sich zu lassen, weil man gerade nicht glücklich damit ist.” Wohl wahr, können sich doch 40 Prozent der Befragten im nächsten halben Jahr vorstellen, ihren Arbeitgeber zu wechseln – obwohl 83 Prozent der Befragten glücklich in ihrem Job sind (Avantgarde Experts, 2024). Und ohnehin sickern in die Köpfe insbesondere junger Menschen Fragen ein, die sie desillusionieren. “Sie fragen sich: ‘Warum soll ich jetzt arbeiten, wenn ich eh keine Perspektive habe? Es passiert so viel Absurdes auf der Welt und niemand packt das an’”, beobachtet Rheingans. 

“Weil die nicht wussten, wofür sie aufstehen.”

Furchtlosigkeit, die für Impulse in den Unternehmen sorgen müsste, findet er. Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass Arbeitnehmende plötzlich mehr Fragen hatten – an sich und ihr Leben. “Jeder Zweite wollte nach der Corona-Krise seinen Job wechseln. Und warum? Weil die nicht wussten, wofür sie aufstehen”, sagt Rheingans. Dass die Situation verzwickt ist, zeige die Debatte um die Vier-Tage-Woche. “Menschen und Unternehmen denken Arbeit neu, weil sie gar nicht anders können und reagieren damit, diese ‘blöde’ Vier-Tage-Woche einzuführen. Die andere Perspektive ist: Wir können damit Potenziale freilegen und für alle einen besseren Zustand erreichen.” Für ihn ist letzteres “die positive, proaktive und menschenzentrierte Handlungsoption”. Ein Instrument, das eben nicht, wie kritische Stimmen argumentieren, die Krise verschärfe, sondern im Sinne des Menschen gleichsam ein Hebel für eine gesunde Wirtschaft sein solle. 13.171 Unternehmen sehen das wohl genauso: Von ihnen kommen 85.703 Stellenanzeigen, die eine Vier-Tage-Woche implizieren – sechsmal so viele wie noch vor der Pandemie 2019.

Doch klar ist auch: Mit verkürzter Arbeitszeit tauchen neue Probleme auf, die antizipiert, kommuniziert und umgehend behandelt werden müssen. Dazu berät Rheingans Team Unternehmen, Kliniken und auch Behörden. Weil gegenwärtig das hinterfragt wird, was nie hinterfragt wurde – damit die Menschen wieder wissen, wofür sie aufstehen. 

Marvin Behrens
Autor*In
Marvin Behrens

Marvin ist Redakteur bei OMR Jobs & HR. Zuerst studierte er erfolgreich Journalistik, dann wagte er einen Blick ins gymnasiale Lehramt. Seinem Abschluss in Sportwissenschaften und Germanistik zum Trotz folgte er weiterhin seiner journalistischen Leidenschaft.