Jura auf Tiktok? Dieser Fachanwalt für Familienrecht aus Unna sammelt Millionen Views

Herr Anwalt Tim Hendrik Walter Tiktok Interview OMR

Herr Anwalt Tim Hendrik Walter Tiktok Interview OMR

Nach klassischen Publishern entdecken weitere Branchen die Plattform der Stunde für sich

Wenn man an einer Plattform aktuell einfach nicht vorbei kommt, dann ist das Tiktok. Die Social-Video-App lockt mit riesigen Reichweiten und enormen Marketingpotenzial. Was vor allem Influencer und häufig bereits auf anderen Plattformen erfolgreiche Content Creator schon für sich nutzen, erkennen nach und nach weitere Branchen. Tim Hendrik Walter ist Fachanwalt für Familienrecht und erst seit wenigen Wochen auf Tiktok aktiv – und hat mit über 40 Millionen Views trotzdem schon den wohl größten deutschsprachigen Jura-Account aufgebaut. Mit welchen Inhalten „Herr Anwalt“ das geschafft hat und wie sich das auf seinen Job auswirkt, hat er OMR verraten.

„Tiktok? Das ist doch diese unnötig gehypte App, wo Kinder alberne Videos hochladen, in denen sie tanzen und so tun, als ob sie singen“; so oder so ähnlich dürfte eine immer noch weit verbreitete Meinung zur die Social-Video-Plattform aussehen. Und selbst wenn da ein Fünkchen Wahrheit mitschwingt: Wenn es um riesige Reichweiten in der jungen Zielgruppe geht, kommt man an der App der Stunde nich vorbei. Insgesamt 1,5 Milliarden Mal soll die Anwendung bis zum November vergangenen Jahres heruntergeladen worden sein.

Neben Content Creatorn, Marketingverantwortlichen großer Brands und Publishern probieren sich immer mehr Player in diesem Umfeld. Einer von ihnen ist Tim Hendrik Walter. Der 35-jährige Fachanwalt aus Unna mit Schwerpunkt auf Familienrecht lädt Ende November 2019 das erste Video auf Tiktok hoch – nachdem Freunde ihm gesagt hatten, dass sie die App witzig finden. „Das hatten sie mir ein paar Mal gesagt“, erzählt „Herr Anwalt“, wie sich Walter online nennt, im Gespräch mit OMR. „Dazu kam dann noch Gary Vaynerchuk, der immer wieder von dem enormen Potenzial der App spricht.“ Marketing-Guru „GaryVee“ (zuletzt 2017 auf einer Bühne beim OMR Festival) predigt sein Monaten, wie groß die Chancen auf Tiktok seiner Meinung nach sind.

Mit Themen, die Schüler beschäftigen, zur Millionen-Reichweite

Den Tipps von Gary Vaynerchuk hat es Tim Hendrik Walter auch zu verdanken, dass er von Anfang an einen relativ hohen Output fährt. „Ich hätte wahrscheinlich nur zwei bis drei Videos pro Woche hochgeladen. Stattdessen habe ich direkt mit zwei Clips am Tag begonnen; an Wochenenden werden es auch mal drei täglich“, so Walter. „Mehr ist da auf jeden Fall mehr.“ Bis heute finden sich auf dem Profil 157 Videos, 466.600 Nutzer folgen „Herr Anwalt“ bereits. Insgesamt 8,4 Millionen Likes konnte er mit seinen Clips sammeln.

@herranwalt

Dürfen Eltern alle Handynachrichten lesen ?! #Nachrichten #Lesen #Kinderrechte #Elternrechte #Familienrecht #Kinder #Eltern #1minutejura #fürdich

♬ Originalton – herranwalt

In den 60 Sekunden kurzen Videos – das Format heißt entsprechend #1minutejura – beantwortet Tim Hendrik Walter immer eine mehr oder weniger juristische Frage. Häufig drehen sich die Inhalte um Probleme und Sorgen von Schülern, zum Beispiel bei „Bus zu spät! Darf Lehrer mich bestrafen?!“ (261.300 Views, 39.700 Likes), „Wie viele Arbeiten pro Woche sind erlaubt?!“ (446.400 Views, 83.100 Likes) oder „Muss ich die Jacke in der Schule ausziehen?!“ (529.600 Views, 78.700 Likes).

Über 40 Millionen Views nach nicht einmal zwei Monaten

„Um auf Tiktok die Reichweite zu bekommen, musst Du ganz klar Themen für Jugendliche machen“, sagt Tim Hendrik Walter. In rund 50 Prozent seiner Videos gehe es aktuell um entsprechende Inhalte, die ihm seine Community selber vorschlägt. Er ergänzt: „Den Rest setze ich aber selber. Sonst gäbe es einfach zu viele Schulthemen.“ Da geht es dann beispielsweise um Fragen wie „Was ist Demokratie?!“ (68.700 Views, 7.300 Likes) oder „Ab wann darf man bei Amazon einkaufen?!“ (195.400 Views, 32.900 Likes).

Unter dem Hashtag zum Format #1minutejura tauchen fast ausschließlich Walters Videos mit relevanten Abrufzahlen auf; insgesamt 46,2 Millionen Views haben die damit versehenen Clips insgesamt erzielt. Der Großteil davon dürfte auf den Content des Anwalts abfallen. „Ich müsste aktuell bei knapp 43 Millionen Aufrufen liegen“, so „Herr Anwalt“. Auch die Suche nach dem Hashtag #anwalt (insgesamt 25,7 Millionen Aufrufe) liefert in erster Linie Inhalte von Tim Hendrik Walter – die ersten 40 Videos stammen von ihm. Ähnlich sieht es beim Hashtag #jura (insgesamt 22,9 Millionen Aufrufe) aus. Damit dürften die gängisten Begriffe zum Thema von „Herr Anwalt“ besetzt sein.

Geringer Aufwand, maximaler Ertrag auf anderen Plattformen

Die Zeit, die Tim Hendrik Walter in sein Tik-Tok-Projekt investiert, halte sich vor allem in Anbetracht der hohen Reichweite noch in Grenzen. „Ein typischer Tag beginnt für mich um 6 Uhr und dem Dreh von zwei Tiktok-Videos für den Tag“, so der Anwalt. „Das dauert meistens nur 20 Minuten. Die Themen lege ich in der Regel am Vorabend fest.“ Hier dürfte sich auch seine Erfahrung in der Produktion von Content für Social-Media-Plattformen bezahlt machen. Seit Mitte 2016 ist Walter auf Instagram aktiv und liefert in sein Leben als Anwalt; 2017 hatte er zusätzlich begonnen, längere Videos für Youtube zu produzieren.

Obwohl er seit seiner Aktivität auf Tiktok den Output auf Instagram und Youtube etwas heruntergefahren habe, konnte Tim Hendrik Walter einen überraschenden Effekt feststellen: „Obwohl ich weniger Content veröffentliche, hat sich das Wachstum auf den anderen Plattformen teilweise verfünffacht, seit ich bei Tiktok aktiv bin.“ Bei Instagram kam „Herr Anwalt“ Ende November 2019 noch auf rund 9.000 Abonnenten, jetzt sind es 16.600. „Und auch bei Youtube kommen pro Monat 2.500 neue Abos dazu, vorher waren es etwa 500“, sagt Walter. Tiktok sei für ihn aktuell mit Abstand die kreativste Social-Media-App. „Was einige Creator mit Schnitten da in einer Minute machen, ist schon beeindruckend. Außerdem habe ich das Gefühl, dass der Umgang auf der Plattform bisher einfach extrem positiv ist – während es woanders schon etwas toxischer zugeht.“

Tiktok als ernstzunehmender Kanal zur Gewinnung neuer Mandanten?

Der Gedanke liegt nahe, dass Tim Hendrik Walter seine Reichweite – nicht nur auf Tiktok – vor allem dafür nutzt, um sich als Anwalt und Personal Brand zu positionieren und so Mandanten zu gewinnen. „Das war nie meine Motivation“, sagt er. „Ich bin neugierig, schon lange im Internet unterwegs und probiere sehr gerne neue Plattformen aus. Und dazu kommt: Jura ist mein Hobby.“ Er versuche daher auch, seine Online-Auftritte so gut es geht von seinem Beruf und der Tätigkeit in einer Kanzlei in Unna zu trennen. Es gebe daher keine Verlinkungen zur Homepage der Kanzlei oder sogar Telefonnummern und andere Kontaktdaten in seinen Videos. „Mit der Reichweite passiert es natürlich trotzdem gelegentlich, dass potenzielle Mandanten auf mich aufmerksam werden. Dann aber eher durch Empfehlungen meiner Follower oder von Leuten, die meinen Content mal gesehen haben“, so „Herr Anwalt“. Zehn bis 20 Prozent seiner Mandate würden so zustande kommen.

Dass es auch anders geht und Social-Media-Plattformen gezielt als Kundengewinnungstool genutzt werden können, beweist seit Jahren Christian Solmecke. Der Medienanwalt dürfte schon lange der bekannteste Vertreter seiner Zunft im deutschsprachigen Raum sein. Alleine der Youtube-Kanal seiner Kanzlei „Wilde Beuger Solmecke“ kommt auf 528.000 Abonnenten und 94 Millionen Aufrufe. Schon 2017 hatte er OMR verraten, durch die Videos bereits 8.000 Mandanten generiert zu haben. Einen Tiktok-Account scheint Christian Solmecke übrigens auch schon angelegt zu haben – bisher allerdings noch ohne Content.

Dafür stehen bereits andere Juristen in den Startlöchern oder sind schon dabei, eigene Reichweiten auf der Plattform der Stunde aufzubauen. Der Account „Der Jurist“ kommt heute auf knapp über 20.000 Follower und rund 312.000 Likes, das Profil „achtzehngewinnt“ bringt es immerhin auf 1.100 Follower und 1.200 Likes. Tim Hendrik Walter sieht die Entwicklung gelassen. „Ich höre immer mal wieder den Vorwurf, dass ich gar keine Zeit mehr für meine Arbeit als Anwalt haben könnte. Das ist natürlich Quatsch,“ so Walter. „Und das wird sich auch nicht ändern. Ich will Mandate bearbeiten, das ist mein Beruf.“