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[UPDATE] 886.000 Mitglieder: Das ist das Geheimnis der „größten Facebook-Gruppe Europas“

Wie das „Wohnzimmer“ per Schneeballsystem groß wurde

Der Gründer der Facebook-Gruppe „Wohnzimmer“ Djego Kasento (links), zusammen mit den Admins „Ferdi“, „Cano“ und „Jeff“ bei einem gemeinsamen Treffen in Kroatien (Foto: privat)

886.000 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe „Wohnzimmer“ innerhalb von etwa einem Jahr gewonnen. „Wir sind die größte Facebook-Gruppe Europas“, so einer der Betreiber. Das extreme Wachstum basiere alleine auf natürlicher Mundpropaganda. Doch ein ehemaliger Moderator der Gruppe behauptet, dass hinter den Kulissen mit strengen Hierarchien und einem Schneeballsystem gearbeitet werde. OMR zeigt die Methode und erklärt die Hintergründe.

„Ich habe die Gruppe für mich und ein paar Freunde im Oktober 2016 gegründet. Da waren am Anfang nur 30 oder 40 Leute drin“, so Djego Kasento, nach eigenen Angaben Gründer der „Wohnzimmer“-Gruppe,  am Telefon gegenüber OMR. Viel will er nicht über sich preisgeben – nur, dass er 27 Jahre alt ist, in Nürnberg wohnt und im öffentlichen Dienst tätig ist. Bei der Gründung nennt er seine Gruppe noch „Internationale Ladys und Gentlemen“. „Das Allerwichtigste für mich war und ist, dass hier jeder willkommen ist. Wir wollten alle Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer Community vereinen, unabhängig von Religion und Hautfarbe.“ Weil es viele andere Gruppen gibt, die ähnlich heißen, nennt er seine irgendwann um: „Wir heißen jetzt ‚Wohnzimmer’, weil das der Ort ist, an dem man sich mit seinen Freunden hinsetzt, Fernsehen oder einen guten Film schaut.“

„Wir haben nichts aktiv für das Wachstum getan“

In der „Wohnzimmer“-Facebook-Gruppe treffen sich die Nutzer vor allem virtuell – mittels Facebook Live, dem Video-Streaming-Produkt von Facebook. Die Nutzer filmen sich selbst beim Chatten oder Flirten und gehen dabei direkt auf Textkommentare ein. Über ein im Mai eingeführtes Feature können die Streamer auch Gäste einladen, die dann mit im Bild erscheinen. Manche weiblichen Mitglieder versuchen, mit spärlicher Bekleidung Aufmerksamkeit zu erzielen, andere schminken sich vor der Kamera, rappen („Ich rappe Eure Kommentare“), singen, spielen Klavier oder „bewerten“ die Profile anderer Mitglieder. Viele verzeichnen Zuschauerzahlen im ein- bis zweistelligen Bereich, manche aber auch, wie beispielsweise die Liechtensteinerin Diana Tamara Höfler, im drei- oder vierstelligen Bereich. Manche der beliebteren Gruppenmitglieder könnten aus der Reality-Soap „Berlin Tag und Nacht“ entsprungen sein – entsprechend setzt sich auch das Klientel der Gruppe zusammen.

Anfangs hätten sich in der Gruppe nur sein eigener Freundeskreis untereinander ausgetauscht und Bilder und Videos gepostet, so Kasento. „Dann habe ich andere große Gruppen gesehen und gedacht, das könnten wir ja auch mal versuchen. Meine Freunde haben dann andere Freunde eingeladen, und so wurde das langsam größer.“ Darüber hinaus hätten er und die anderen Gruppenadministratoren nichts aktiv unternommen, um das Mitgliederwachstum zu fördern. Vielmehr hätten die Mechanismen Facebooks auch zum Wachstum beigetragen: „Wenn jemand in einer Gruppe drin ist, bekommt der auch Empfehlungen für andere Gruppen. Und Facebook sagt den Nutzern auch ‚Dein Freund ist in dieser und jener Gruppe’.“

Jeder Moderator muss mindestens 500 Freunde einladen

Doch wie ein anderer ehemaliger Moderator der Gruppe im Gespräch mit OMR aussagt, hätten die „Wohnzimmer“-Betreiber die Mitgliederzahl durchaus sehr aktiv in die Höhe getrieben – indem sie neuen Gruppenmoderatoren (intern auch „Modi“ genannt) Wachstumsziele vorschrieben. „Jeder, der Moderator werden will, muss mindestens 500 seiner Freunde in die Gruppe einladen sowie zwei weitere Moderatoren mitbringen, die ebenfalls mindestens 500 Freunde mitbringen. Das ist ein reines Schneeballsystem“, so der Insider. Screenshots, die OMR vorliegen, belegen seine Behauptungen. Der Anreiz, Moderator zu werden?  – Nach Darstellung des Ex-Moderators alleine soziales Prestige. „Es geht in erster Linie darum, ein bisschen Macht zu haben. Und man lernt natürlich auch neue Menschen kennen. Viele wollen einfach ein Teil des Ganzen sein.“ Die Team-Mitglieder sind in regem Kontakt miteinander, schreiben sich Nachrichten und kümmern sich umeinander.

Im Facebook-Messenger erklären die „Wohnzimmer“-Betreiber den Moderatoren, wie genau sie auf Facebook 500 neue Freunde in die Gruppe einladen können (anonymisierter Screenshot)

Damit nicht genug: Um dauerhaftes Mitgliederwachstum zu sichern, sollen die „Wohnzimmer“-Betreiber eine mehrstufige Hierarchie etabliert haben, so der Ex-Moderator. So würden den Administratoren vom Gründer in einem „Admin-Chat“ täglich Ziele vorgegeben werden, zum Beispiel das Erreichen einer bestimmten Mitgliederzahl. Um diese Ziele zu erfüllen, können die Administratoren auch „Team-Leiter“ ernennen. Diese seien dann dafür verantwortlich, ein Team aus mehreren Moderatoren aufzubauen, die wiederum ebenfalls Mitglieder werben. In der Facebook-Gruppe selbst ist immer wieder von Team-Namen wie „Team Platin“, „Diamant“, „Silber“ oder „Crystal“ zu lesen. Offenbar sorgt diese Struktur auch für einen internen Wettbewerb darum, wer mehr Mitglieder gewinnen kann.

Zuckerbrot und Peitsche

Es werde auch akribisch kontrolliert, ob die Verantwortlichen zumindest versuchen, ihre Ziele zu erreichen. „Die Team-Leiter müssen an die Administratoren Screenshots von Messenger-Verläufen schicken und so zeigen, dass sie wirklich Leute angeschrieben haben. Das ist schlimmer als beim Militär“, so der Insider. Alle Moderatoren seien außerdem dazu angehalten worden, täglich in der Gruppe aktiv zu sein. „Wer nicht aktiv ist, wird gekickt“ – fliegt also aus der Gruppe. Auch wer sich in der Gruppe negativ äußert, werde entfernt.

Neben dem „Wohnzimmer“ existieren weitere Facebook-Gruppen mit vergleichbarem Charakter, die jedoch von anderen Administratoren betrieben werden. Auch bei Gruppen wie „We Love to Entertain People“ (550.000 Mitglieder), „International Beauties“ (411.000 Mitglieder) und „World of Beauty’s Originals“ (381.000 Mitglieder) steht Facebook Live im Mittelpunkt. Die Livestreaming-Gruppen dürften übergreifend damit die mitgliederstärksten auf Facebook sein. Auch bei anderen Gruppen ist häufiger von „Teams“ zu lesen. Zwischen den Gruppen besteht teilweise ein reger Wettbewerb, so der Insider – auch um die Moderatoren. „Wenn manche die Möglichkeit bekommen woanders Admin zu werden, sind die ruckzuck weg.“ Es käme aber auch zu „Mitglieder-Tauschaktionen“, bei denen Administratoren und Moderatoren der einen Gruppe ihre Mitglieder in die jeweils andere einladen und vice versa. So sollen jeweils beide zusätzliche Reichweite gewinnen.

Rätselhafte Differenzen bei Mitgliederzahlen

Den „Wohnzimmer“-Betreibern soll es mit solchen Methoden gelungen sein, die Zahl ihrer Mitglieder auf aktuell (19. Oktober 2017) 886.000 zu steigern. Nicht-Mitgliedern der Gruppe wird erstaunlicherweise eine Zahl von 493.000 Mitgliedern angezeigt. Über die Gründe dafür existieren verschiedene Spekulationen. Manche Facebook-Gruppen-Experten sagen, die niedrige Zahl beziffere die Zahl der wirklichen Mitglieder. Die höhere Zahl umfasse auch jene Facebook-Nutzer, die in die Gruppe eingeladen worden seien, aber noch nicht auf die Einladung reagiert hätten. Diese Theorie konnten wir nicht verifizieren. Zumal uns die Betreiber des „Wohnzimmers“ einen Screenshot aus ihrem internen Analytics-Bereich zur Verfügung gestellt haben, die die Zahl der aktiven Gruppen-Mitglieder 567.000 beziffert (zum Zeitpunkt des Screenshots betrug die Zahl der Gesamtmitglieder rund 860.000). Kasento sieht noch Luft nach oben: „Ich denke mal, dass wir Ende November die Million knacken.“

 

Aktuelle Interaktionszahlen des „Wohnzimmers“ laut Facebook Group Insights

Beachtlich ist ebenfalls das Engagement: 4,3 Millionen Kommentare und 3,1 Millionen Reaktionen innerhalb von 28 Tagen. Von solchen Interaktionsraten können nahezu alle Facebook-Seiten nur träumen. Ein weiterer Screenshot zeigt, dass die erfolgreichsten Posts aus der Gruppe eine niedrige sechsstellige Zahl von Mitgliedern erreichen. Das mag bei einer Gruppe, die 860.000 Mitglieder hat, zunächst nach wenig klingen. Angesichts dessen, dass viele Facebook-Seiten mittlerweile eine organische Reichweite im niedrigen einstelligen Prozentbereich verzeichnen, sind diese Zahlen durchaus beachtlich.

Welche Rolle spielt Jugl?

Wenig verwunderlich also, dass einige Unternehmen wie Pattydoo und der Falkemedia-Verlag Facebook-Gruppen bereits als Marketinginstrument entdeckt haben. „Wir erreichen mit Posts in unserer Facebook-Gruppe bei gleicher Mitglieder- bzw. Follower-Zahl im Durchschnitt doppelt so viele Menschen wie mit unserer Seite“, so Jakob Strehlow von Falkemedia gegenüber OMR (hier sein Vortrag über Facebook-Gruppen bei der New Platform Marketing Conference).

Die Top-Posts aus dem „Wohnzimmer“ innerhalb der vergangenen 28 Tage, inklusive Impression-Angaben (anonymisierter Screenshot)

Was wollen Kasento und die anderen Betreiber mit der Gruppe erreichen? Geld verdienen sie bislang nach eigener Darstellung mit der Gruppe nicht. Aktuell wird auf der „Wohnzimmer“-Startseite über ein spezielles Empfehlungs-Feature eine andere Facebook-Gruppe zu der Mobile-App „Jugl“ empfohlen. Jugl ist offenbar eine Mischung aus Cashback- und Network-Marketing-Plattform. Die Nutzer erhalten nach Darstellung des Betreibers für das Anschauen von Werbung oder andere Tätigkeiten virtuelle Credits („Jugls“).  100 „Jugls“ sollen einem Euro entsprechen. Wenn der Nutzer 5.000 virtuelle Credits angesammelt hat, kann er sich diesen Betrag angeblich auszahlen lassen. Laut Kasento bekommt er für den Hinweis auf Jugl kein Geld. „Bislang haben wir keine bezahlte Werbung. Wenn jemand bei uns werben will, schaue ich mir vorher an, ob das passt. Aber wir sind da offen für Gespräche.“

Angebliche Spenden-Aktion

In einem Facebook-Live-Video aus dem Mai dieses Jahres (nur für Gruppenmitglieder abrufbar) bittet ein weiteres „Wohnzimmer“-Mitglied seine Zuschauer, ebenfalls die Jugl-App herunterzuladen – über einen Referral-Link. Klickt ein Nutzer auf solch einen Link und installiert die App, erhält der Ersteller des Links dafür ebenfalls „Jugls“. Die „Wohnzimmer“-Nutzer sollten die App herunterladen und Werbung anschauen.

Anonymisierter Screenshot des Videos mit dem Aufruf, die Jugl-App zu installieren

Das Geld, das auf diese Weise gesammelt werde, solle für eine Spendenaktion genutzt werden, so das Gruppenmitglied. Den Gruppengründer Djego Kasento schaltet er per Telefon hinzu; auch er ruft die Nutzer dazu auf, die App zu installieren. Weitere Informationen über das Ergebnis der Spendenaktion lassen sich über die Suchfunktion der Gruppe nicht auffinden.

Update 19. Oktober, 16:30 Uhr

Nachdem uns ein Insider im Gespräch mit OMR der bisherigen Darstellung der Gruppengründer widersprochen und uns interne Informationen zugespielt hat, haben wir diesen Artikel umfangreich überarbeitet. 

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5 Kommentare

  1. Jiggi 16.10.2017 um 22:21 Uhr Antworten

    ich sehe nur 482.000 mitglieder?

    1. Roland Eisenbrand Artikelautor17.10.2017 um 14:46 Uhr Antworten

      Hallo Jiggi, merkwürdigerweise wird, wenn man der Gruppe nicht beigetreten ist, eine niedrigere Zahl angezeigt. Mir als Mitglieder der Gruppe werden aktuell 867.000 Mitglieder angezeigt.

  2. Anonymous 9-11 20.10.2017 um 01:56 Uhr Antworten

    Jede Gruppe zeigt von außen falsche Mitgliederanzahlen an. Es gibt sogar Unterschiede zwischen IOS und Android Device.

    Fakt ist: Die richtige Anzahl an Mitglieder sieht man „nur“ in der Gruppe!

    Auch ich bin Gründer (17 Gruppen) und auch wir entfernen User die andere Mitglieder oder die Admin schlecht machen, bzw. Beleidigend oder Intime Bilder versenden. Dafür sind wir Adnin da und dafür gibt es Gruppenregeln für Mitglieder und den Admin, bzw. die ABG von Facebook.

    NIEMAND wird dazu gezwungen Freunde einzuladen. Jeder Admin kann / darf seine Gruppe so führen wie er es möchte! Selbst wenn die Modi 500 Mitglieder hinzufügen müssen, zeigt das doch nur das hinter dem ganzen ein Gründer steht der was auf den Kasten hat und mit Menschen umgehen kann. Sie würden das sonst nicht tun!

    Die Wahrheit ist oft Unglaubwürdiger als die Fiktion!

    Anonymous 9-11

  3. D 20.10.2017 um 14:27 Uhr Antworten

    @Author Es muss „dieses Jahres“ heißen, „diesen Jahres“ gibt es nicht.

    quote: „In einem Facebook-Live-Video aus dem Mai diesen Jahres (nur für Gruppenmitglieder abrufbar)“

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