Abschied vom Yellow-Press-Business, Reitsport-Experimente und Co.: So radikal baut Julia Becker die Funke-Gruppe um

Florian Rinke21.6.2026

Sie glaubt an eine Zukunft des Journalismus und an dessen Werte – dafür geht sie hohe Risiken ein.

Treffen sich zwei Essener in Hessen... OMR-Gründer Philipp Westermeyer und Funke-Aufsichtsratschefin Julia Becker nach der Aufnahme am Rande einer Veranstaltung. Foto: OMR
Treffen sich zwei Essener in Hessen... OMR-Gründer Philipp Westermeyer und Funke-Aufsichtsratschefin Julia Becker nach der Aufnahme am Rande einer Veranstaltung. Foto: OMR
Siechende Regionalzeitungen, skandalgeplagte Yellow-Press-Titel und ein riesiger Schuldenberg: Julia Becker hat bei der Funke-Mediengruppe aus Essen ein schweres Erbe angetreten. Im OMR Podcast gewährt die Aufsichtsratsvorsitzende schonungslose Einblicke. Es geht um nichts weniger als die Zukunft des Traditionsverlags – und die Frage, wie man ein Medien-Imperium saniert, dessen Kerngeschäft immer stärker wegbricht. 
Julia Becker erklärt, wieso zwar immer weniger Menschen lineares Fernsehen schauen, TV-Zeitschriften aber immer noch ein extrem lukratives Business sind. Und dann geht es noch um den Verkauf eines Segments, das weiterhin Millionen abwirft (und die Frage, warum die Verlegerin ausgerechnet große Hoffnungen in ein Medien-Experiment bei einem Pferdeturnier im Sauerland setzt...).
Im OMR Podcast gibt es Klartext von der Funke-Aufsichtsratsvorsitzenden. Julia Becker spricht über... 
... das Selbstverständnis der heutigen Eigentümer-Familie und Fehler der Vergangenheit: "Ich sehe dieses Unternehmen nicht als etwas an, an dem meine Geschwister und ich uns maximal bereichern sollten. Und genau das ist der Punkt: Ich glaube, dass die Generation vor mir sich in den Zeiten, als die Erlöse aus Vermarktung und Vertrieb nur so sprudelten, irgendwann ausschließlich darauf konzentriert hat, das zu optimieren. Da ist so vieles an Zukunftsvision und technologischer Weiterentwicklung nicht passiert, weil man irgendwie in diesem sehr satten Selbstverständnis war: Läuft doch, die Kunden und Leser kommen von ganz allein und wir müssen uns nur noch um die Frage kümmern, was wir jetzt mit dem ganzen Geld machen."
... über den Verkauf der Yellow-Press-Titel: "Wir haben mit diesen Titeln wunderbar Geld verdient. Verlegerisch hatte ich aber zunehmend Probleme, weil man in Zeiten von Desinformation, Fake News und KI zunehmend in einen inneren Konflikt gerät. Ich kann schwerlich auf der Bühne dafür werben, dass wir uns darauf fokussieren müssen, den Menschen verlässlichen Journalismus zu verkaufen, wenn wir auf der anderen Seite mit diesem Segment natürlich das Mutmaßen und Spekulieren zum Geschäftsmodell erheben. Du brauchst natürlich die maximal triggernde Überschrift, um diese Schlacht am Edeka-Regal zu gewinnen – aber wir mussten uns da strategisch Gedanken machen und irgendwann einfach sagen: Stopp."
... über die Gefahren durch Social Media: "Wir sind gut beraten, uns auf die Verbesserung unserer Produkte zu konzentrieren – und zwar auf allen Kanälen. Der frühere Berater von Donald Trump, Steve Bannon, hat in dessen erster Amtszeit schon die Parole ausgerufen 'flood the zone with shit'. Und da ist Social Media natürlich für gemacht. Wir können uns nicht damit abfinden, dass diese Plattformen nicht reguliert werden in Deutschland, weil man Sorge hat, dass wir dann aus den USA die Keule bei Autozöllen zurückbekommen. Am Ende geht es daher immer darum, wie viel Platz wir Medien diesen Kanälen lassen bzw. wie wir dafür sorgen, dass diese Kanäle nicht nur mit Shit, sondern auch mit verlässlichen Informationen bespielt werden."
... über den Erfolg von Fernsehzeitungen im Streaming-Zeitalter: "Wir haben mit diesen Programmzeitschriften eine sichere, zuverlässige Maschinerie quasi im Keller stehen, die nach wie vor dafür sorgt, dass die Ertragskraft des Konzerns stark bleibt. Es ist ein Phänomen, dass Menschen immer noch Fernsehzeitschriften mit großer Begeisterung kaufen und lesen – und dabei oft gar kein Fernsehen mehr gucken. Diese Fernsehzeitschriften sind anders als die regionale Tageszeitung irgendwie in den Haushalten geblieben. Und klar, die Hörzu ist mittlerweile auch viel mehr als eine reine Programmzeitsschrift."
... über einen ungewöhnlichen Ort für ein journalistisches Experiment: "Ich bin maximal zuversichtlich, was die Zukunft unserer Branche angeht, weil wir so viele Dinge nicht gut genug gemacht haben. Ein Beispiel: Kürzlich haben die deutschen Meisterschaften im Reiten, aber vor allen Dingen auch im Parasport im kleinen Dörfchen Balve im Sauerland stattgefunden. Da waren Menschen mit einer Behinderung, die hatten ihre Qualifikation für die Weltreiterspiele im August – trotzdem hat sich der WDR dort nach 30 Jahren aus Kostengründen von der Veranstaltung zurückgezogen mit der Begründung, das schauen nicht genug Leute an. Dabei ist doch genau das der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das sind Menschen, die wählen, die Gebühren zahlen, die unter dem Stichwort Diversität auch solche Inhalte geliefert bekommen sollten. Also haben wir uns entschlossen, als regionales Medienhaus zu zeigen, was wir im Lokalen können. An diesem Wochenende sind unfassbare Geschichten entstanden."
Im OMR Podcast verrät sie außerdem, wie ein Digital-Experiment scheiterte, weil Menschen statt eines iPads lieber weiterhin eine gedruckte Tageszeitung haben wollten. Hier geht es zur Folge:
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Florian Rinke
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Florian Rinke

Florian Rinke ist Head of Content bei Podstars und Host des Podcast "OMR Rabbit Hole". In seiner Rolle kümmert er sich um alle redaktionellen Formate von Podstars – insbesondere natürlich um den OMR Podcast. Vor seinem Wechsel Anfang 2022 zu OMR berichtete er mehr als sieben Jahre lang für die Rheinische Post über Start-ups und Digitalpolitik. 2020 erschien sein Buch „Silicon Rheinland".

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