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Fake Features: Wie Nachwuchs-Rapper mit falschen Meta-Angaben Spotify manipulieren

Hat OMR-Gründer Philipp Westermeyer Rap-Legende 2pac wirklich für ein posthumes Feature gewinnen können? Natürlich nicht – das Ganze ist (obwohl natürlich sehr gut gemacht) eine Fotomontage…

Das ist die neueste dubiose Masche im Musikmarketing

Auf Spotify überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit und damit dann Plays zu generieren, ist für unbekannte Musiker heute wohl eine der größten Herausforderungen. Einige scheuen in dieser Situation vor Tricks nicht zurück. Die neueste Masche: Wenig bekannte Rapper geben, wenn sie ihre Musik ins Netz speisen, in den Meta-Daten fälschlicherweise an, dass bei den Songs Stars des Genres als Gast mit dabei sind – um so eine bessere Sichtbarkeit und mehr Abrufe auf der Plattform zu generieren. OMR erklärt das Prinzip und zeigt Beispiele.

Wer sich mit dem Oeuvre des aufstrebender Rappers Lil Loaded vertraut machen möchte, nachdem eines von dessen Videos vor Kurzem auf Youtube viral gegangen ist, hört sich vielleicht auf Spotify die „This is Lil Loaded“-Playlist an (Spotify legt für jeden Künstler ab einer gewissen Größe automatisch eine solche „This is…“-Playlist an). Bis vor Kurzem umfasste diese Playlist auch drei Titel eines Rappers namens „Wali da great“, die den Anschein erweckten, dass Lil Loaded bei diesen als „Feature“ auftritt. Das Problem: Lil Loaded war auf den Tracks gar nicht zu hören (mittlerweile sind die drei Tracks aus der Playlist gelöscht).

Ziel: Die „Release Radar“-Playlist der Fans

„Features“ oder „Collabos“ sind ein Instrument, das im Hip Hop schon seit Jahrzehnten gang und gäbe ist: Rapper*innen sind in Tracks von jeweils anderen Rapper*innen zu Gast; im Idealfall profitieren beide Seiten von diesem Feature, weil die Fans des jeweils anderen einen Musiker neu kennenlernen. Manchmal bauen Musik-Labels oder Künstler-Manager*innen auf diese Weise auch neue Artists auf: Bereits etablierte Künstler*innen featuren neue Acts. Das Instrument hat sich im Musikmarketing so erfolgreich bewährt, dass es auch im Fashion- und Lifestyle-Bereich genutzt wird (wir haben „Collabos“ bei unserer letztjährigen Keynote thematisiert).

Im Musikbereich wird die gelernte Strategie mittlerweile jedoch auch gezielt missbraucht: Wie der US-Tech-Blog Onezero zuerst entdeckt hat, machen manche Nachwuchs-Rapper aktuell in den Meta-Daten ihrer Tracks falsche Angaben und führen dort bekanntere Rapper als Gäste oder Miturheber des Songs auf, um mehr Sichtbarkeit auf Spotify zu generieren. Werden sie von Spotifys Kontrollmechanismen nicht entdeckt, kann es ihnen auf diese Weise gelingen, auf der Streaming-Plattform mit ihrem Track prominent auf der Künstlerprofilseite des bekannteren Künstlers aufzutauchen. Oder sie landen auf diese Weise in der für jeden Spotify-Nutzer personalisiert erstellten und dementsprechend aufmerksamkeitsstarken Playlist „Release Radar“, in dem die User über Neuerscheinungen ihrer Lieblingskünstler informiert werden.

Wer im Knast ist, kümmert sich vielleicht nicht um sein Spotify-Profil

Der mit fast 67.000 Abrufen meist gestreamte Track von „Wali Da Great“ auf Spotify ist „On Our Cocc“ – einer von acht Tracks, die Wali gemeinsam mit dem Rapper Tay-K aufgenommen haben will. Bei vielen seiner Kollaborationen seien jedoch lediglich einige Zeilen aus anderen Tracks der jeweiligen Gäste zu hören, die Wali offenbar aus diesen „ausgeschnitten“ und in seinen Track eingefügt habe, schreibt Peter Slattery von Onezero.

Tay-K sei der perfekte Rapper für ein „Fake Feature“, so Slattery: Mit seinem Hit „The Race“ ging er 2017 viral, geriet danach aber immer wieder in rechtliche Schwierigkeiten. Aktuell ist er des zweifachen Mordes angeklagt und deswegen hinter Gittern. Sein Song-Katalog ist deswegen klein (und es ist leicht, mit einem Track auf seine Künstler-Seite zu gelangen) und sein Management hat vermutlich weniger Zeit, seine Spotify-Präsenz zu pflegen, als dies bei anderen Künstlern der Fall ist.

Ein neuer Track eines 2018 erschossenen Rappers?

Gegenüber Onezero leugnete Wali Da Great, dass die Features in seinen Tracks gefakt sein. Der Manager von Tay-K wollte sich gegenüber dem US-Blog nicht direkt zu Wali Da Great äußern, räumt aber ein, dass Fake Features für ihn und seinen Künstler ein Problem seien, das schwer zu bekämpfen sei.

Wie OMR recherchiert hat, ist Wali Da Great mit seinen zweifelhaften „Features“ kein Einzelfall auf Spotify: Als die Fans von XXXTentacion im März 2020 auf Spotify darüber informiert werden, dass der im Juni 2018 erschossene Rapper eine neue Single namens „Nine’n“ veröffentlicht hat, beschwert sich ein User in der Social Community Reddit: „Spotify muss wirklich etwas gegen all die Fake Features auf der Plattform unternehmen, es gerät außer Kontrolle.“ Denn der „neue XXXTentaction-Track“ stammt nicht von dem Künstler selbst.

Auf der Artist-Seite von XXXTentacion auf Spotify ist kurzzeitig der Track „Nine’n“ als neue Single angezeigt worden (Screenshot-Quelle: User Mc_blyatBoi auf Reddit, Hervorhebung von OMR)

220.000 Streams mit einem falsch gekennzeichneten „Feature“

Wenig später gibt sich der bis dahin unbekannte Rapper Luminous Ace als Urheber des Tracks zu erkennen und erklärt sich selbst auf Reddit: Der Track beinhalte ein Sample aus einem Interview mit XXXTentacion; er habe damit dem Rapper seinen Respekt zollen wollen und vor der Veröffentlichung das Management des verstorbenen Rappers kontaktiert. Es sei überhaupt nicht seine Absicht gewesen, damit auf der Künstlerseite von XXXTentacion auf Spotify aufzutauchen.

Mittlerweile wird auf Spotify nur noch Luminous Ace als Urheber des Tracks aufgeführt. Die Play-Zahlen zeigen, dass sich der Move für Luminous Ace mehr oder minder gelohnt hat – egal, ob gezielter Trick oder nicht. „Nine’n“ verzeichnet aktuell mehr als 220.000 Streams auf Spotify. Wirklich viele neue Fans scheint Luminous Ace jedoch nicht gewonnen zu haben – alle anderen seiner Tracks kommen aktuell nur auf niedrige vierstellige Abrufe.

30.000 Streams für einen Nobody-Rapper

Ein weiterer Fall: Iann Dior ist aktuell ein „Rising Star“ im Hip Hop; zwei seiner Tracks (darunter „Gone Girl“ mit dem noch bekannteren Trippie Redd als Gast) verzeichnen auf Spotify bereits mehr als 100 Millionen Streams. Im März schreibt ein User im Iann-Dior-Subreddit auf Reddit, dass er immer mehr „Fake Features“ von Iann Dior auf Spotify sehe. In den Kommentaren zum Thread wird der Track „Love is a drug“ von YSG Sadboy (der Song ist mittlerweile offenbar auf Spotify gesperrt) als Beispiel genannt.

Die Stücke von YSG Sadboy verzeichnen bis auf eine Ausnahme bei Spotify alle weniger als 1.000 Abrufe. Ein Post des Rappers auf Instagram mit einem Screenshot zeigt, dass der Track „Love is a drug“, bevor er gesperrt wurde, mindestens 30.000 mal abgerufen worden ist.

Ein von YSG Sadboy auf Instagram geposteter Screenshot zeigt die Streaming-Zahlen des angeblich gemeinsam mit Iann Dior veröffentlichten Tracks „Love is a drug“

Ein Hip-Hop-Track mit R.E.M. als Mitkomponisten?

Jorin Zschiesche

Offenbar geht der Trend zu Fake Features sogar über den Hip Hop hinaus: In einem Thread im Spotify-Subreddit fragt ein Nutzer: „Die Zahl der Fake Songs auf Spotify wird zum Problem, und jetzt gelangen diese Songs sogar in die kuratierten Playlists. Warum hat Spotify noch nichts dagegen getan?“ Ein weiterer Nutzer kommentiert: „Rund 25 Prozent meiner Release-Radar-Playlist besteht aus dummen Mumble-Rap-Songs von einem Künstler jeweils gemeinsam mit einer 70er-80er-Rock-Band.“ Ein Beispiel: Der Track „Get Away“, an dem neben „Amen Khill“ und „Benny Ford$“ auch die US-Alternative-Superstars R.E.M. mitgewirkt haben sollen…

„Es ist tatsächlich so, dass es immer wieder User gibt, die so etwas versuchen“, sagt Jorin Zschiesche, Mitgründer und Geschäftsführer von Recordjet, gegenüber OMR. Das Berliner Unternehmen ist Vertriebsdienstleister für die Musikbranche und hilft Musikern u.a. dabei, ihre Musik auf die großen Streaming- und Download-Plattformen zu bringen. Nach eigenen Angaben gehört Recordjet in Europa nach Umsatz zu den Top 10 Distributoren auf Spotify und Amazon Music.

Deklarierung als „Zweiter Main-Artist“ sorgt für mehr Sichtbarkeit

Weitere Künstler als „Miturheber“ eines Tracks anzugeben sei als Feature oder als „zweiter Main-Künstler“ möglich, erklärt Zschiesche. „Als Feature erscheint der Release jedoch nicht oben gelistet auf der Artist Page, sondern unten in der Kategorie ‚erscheint auf‘.“ Das sei nicht besonders auffällig. Wenn ein bekannter Künstler als zweiter Main-Artist angegeben werde, werde dieser ganz oben auf der Artist Page als neuer Release gelistet. „Das fällt viel eher auf“, so der Musikvertriebsexperte.

Ob ein Künstler oder Manager hier „erfolgreich“ Falschangaben machen könne, hänge von vielen Parametern ab: „Zum einen natürlich die Qualitätssicherung eines Distributors. Wir selbst überprüfen hier jeden Release manuell; da fliegt sowas eigentlich immer auf. So können wir das vor der Auslieferung verhindern.“ Zum anderen bekomme Recordjet von einigen der Streaming-Plattformen Sperrlisten mit großen Künstlern zur Verfügung gestellt. „Damit können wir zusätzlich auf Plausibilität filtern.“

Die Streaming-Plattformen versuchen vorab zu filtern

Distributoren, die einen solchen Mechanismus nicht hätten, können leicht Opfer dieser Masche werden, so Zschiesche. „Aber das sind die wenigsten.“ Zumal das auch für Distributoren negative Konsequenzen haben kann: „Manche Stores haben ein Ranking und wenn zu oft Fehler passieren, werden die Releases des jeweiligen Distributors häufiger von den Stores direkt auf Qualität geprüft. Das dauert und die Auslieferungszeit bis zur Veröffentlichung eines Releases auf der Plattform verlängert sich.“ Außerdem gebe es in Deutschland ja das Instrument der Abmahnung, so dass jede Verletzung eines Copyrights Geld koste.

Zuletzt gebe es zudem Mechanismen in den Stores, die solchen Fraud vorbeugen und direkt diese Releases ausfiltern sollen, sagt der Recordjet-Gründer. „So werden die jeweiligen Tracks entweder gar nicht erst sichtbar, oder sie werden auf parallelen Artist-Pages veröffentlicht, die nicht dem bekannten Künstler zugeordnet sind.“

„Zum Glück nur selten von Erfolg gekrönt“

Schwieriger zu filtern seien demgegenüber Künstlernamen, die ähnlich klingen wie ein Originalkünstler, da hier die Sperrlisten nicht unmittelbar oder nur teilweise greifen. „Auch das ist rechtlich natürlich schwierig und man erscheint natürlich nicht auf der Artist Page des Originalkünstlers“, sagt Zschiesche. „All diese Mechanismen sorgen dafür, dass solche Fraud-Versuche glücklicherweise vergleichsweise selten von Erfolg gekrönt sind.“

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