Wer mit offenen Augen durch deutsche Städte geht, kann sie an Mülleimern, Straßenschildern oder Toilettentüren von Bars und Kneipen entdecken. Man findet sie aber auch in Uganda, auf italienischen Gebirgspässen oder abgelegenen Dörfern in Nepal. Die Rede ist von kleinen Aufklebern mit einem Durchmesser von meist gerade einmal fünf Zentimetern. Das Motiv: ein Anus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammen all diese… Arschlöcher aus Ludwigsburg, dem Sitz von anusticker.de. Was es mit dem fast zehn Jahre alten Projekt auf sich hat und wie dieses Jahr quasi ohne Marketing eine Million Aufkleber verkauft werden könnten, lest Ihr hier.

Es ist so eine Sache mit den ganz großen Ideen, die in einer Bierlaune nach (zu) vielen Getränken entstehen. Im Rausch sind sich meistens alle einig: Dass da noch niemand vorher drauf gekommen ist! Lasst uns direkt morgen früh loslegen! Leider ist erstens der besagte nächste Morgen dann in der Regel nicht früh. Und zweitens entpuppt sich die One-Million-Dollar-Idea dann in 99,9 Prozent aller Fälle als mittlerer bis großer Mumpitz.

Ob der Morgen danach vor neun bis zehn Jahren, genauer kann David Rieck den Zeitpunkt nicht mehr eingrenzen, früh war? Da will (oder kann) er sich nicht so richtig festlegen. Nur an die Idee erinnert er sich noch sehr gut. Denn obwohl auch die von den meisten vermutlich erst einmal in die Kategorie Mumpitz einsortiert werden würde, hat er es durchgezogen. Über anusticker.de verkauft er seitdem unter anderem Aufkleber mit After-Fotos.

Die Frage nach dem Warum

„Die Idee ist mit einem Kumpel entstanden. Wir interessieren uns beide für Streetart und Graffiti, können aber selber überhaupt nicht malen“, erzählt Rieck OMR. Um trotzdem irgendwas in diesem Umfeld zu machen, fällt die Wahl auf Aufkleber; nicht irgendwelche, sondern Anus-Sticker. So entsteht auch der Name für das Projekt. „Das war damals als Gag gedacht. Anus und Ticker, also der Typ, der sozusagen die Arschlöcher verteilt“, erklärt David Rieck. „Alles, was bei Anusticker passiert, passiert vor allem aus Spaß. Das ist die Intention.“

Die Startseite des Online-Shops von anusticker.de (Foto: Screenshot).

Sie zögern nicht lange, suchen nach einer Druckerei und bestellen in einer ersten Auflage 500 Sticker. „Wahrscheinlich für viel zu viel Geld“, wie Rieck sagt. In Undenheim bei Mainz, seinem Heimatdorf, kleben sie die ersten Anus-Sticker an Mülleimer, Laternen und Straßenschilder. Auch eine Facebook-Seite wird erstellt. „Aus Spaß“, so David Rieck. Irgendwann erreichen ihn aber ein paar Anfragen, ob man die Sticker nicht irgendwo kaufen könnte. „Das war der Auslöser, eine Seite inklusive Shop zu bauen.“

Von der Schnapsidee zum Online-Shop

Mit der ersten, von David Rieck selber mehr schlecht als recht aufgesetzten Seite, hat der Shop heute nicht mehr allzu viel zu tun. Und auch die Produktpalette hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Aus dem ersten Anus-Sticker sind mindestens zehn Motive geworden, es gibt größere Formate, mehrere Nippel-Motive, Tassen, Kerzen, Beutel. Alles immer im Kontext des ursprünglichen Aufklebers, mit Anspielungen oder provokanten Sprüchen.

„Ich habe mich gefragt, wie man aus der sehr frechen und vielleicht auch provokanten Sticker-Nische mehr machen kann“, erklärt David Rieck. „Um so vielleicht auch ein wenig massentauglicher und als Marke erwachsener zu werden. Das ist die Idee hinter den Taschen, Tassen und Kerzen. Der Anspruch bleibt aber auch da, anzuecken.“ Das wichtigste Produkt seien aber auch heute noch die Aufkleber.

Eine Million Aufkleber in einem Jahr

2021, sagt David Rieck, habe man knapp 600.000 Aufkleber verkauft. Dieses Jahr könnten es bis zu einer Million werden. Den Vorjahresumsatz habe er jedenfalls schon im August knacken können. Wie viel das ist, möchte er zwar nicht sagen, verweist aber auf die Preise der Aufkleber-Pakete. 100 Stück gibt es für 13 Euro, 250 kosten 20 Euro. Beim gerundeten Durchschnittspreis von zehn Cent würden eine Million verkaufte Sticker 100.000 Euro Umsatz bedeuten. Die neueren Produkte, Kerzen & Co., fehlen in dieser Rechnung noch.

Der Großteil aller Bestellungen komme laut Rieck aus Deutschland, dann folgen Österreich, die Schweiz und weitere Nachbarländer. Aber auch auf anderen Kontinenten scheint es Fans der außergewöhnlichen Sticker zu geben. „Die USA wächst stetig, Kanada ist ganz gut“, sagt David Rieck. „Am meisten freuen mich aber Bestellungen aus Japan oder anderen sehr überraschenden Ländern.“ Der eigene Shop sei der wichtigste Kanal, gefolgt von Amazon und mit etwas Abstand Etsy.

Wie funktioniert Marketing für so ein spezielles Produkt?

Dass es anusticker.de überhaupt geschafft hat, ein solches Volumen zu erreichen, ist alles andere als selbstverständlich. Denn Werbung auf den gängigen großen Plattformen ist mit Anus-Motiven eher schwierig. „Instagram und Facebook feiern die Aufkleber nicht so sehr“, bestätigt Rieck. Das Instagram-Profil mit knapp über 1.000 Abos besteht entsprechend auch nur aus Memes, lustigen Sprüchen und Fotos von an kuriosen Orten geklebten Stickern. „Das würde natürlich ganz anders aussehen, wenn man auch das Motiv zeigen könnte“, sagt Rieck.

Von Anfang an sei daher auch die große Frage gewesen, wie man die Marke bekannt machen kann – ohne die klassischen Performance-Kanäle zu nutzen. „Die Bekanntheit ist anfangs über Mund-zu-Mund-Propaganda gewachsen“, erklärt David Rieck. Bis heute sei dieser Effekt ein wichtiger Faktor. Und auch die Aufkleber selber, auf denen immer auch die Domain zu sehen ist, seien Marketing. „Wer bei uns bestellt, kann man angeben, woher man uns kennt. Das ist schon spannend, was da so genannt wird“, erklärt Rieck. „Freunde, Mülleimer, Straßenlaternen, Skilifts, Mallorca. Am Ende ist jede Person, die bestellt, Influencer für das Produkt.“

Hin und wieder sorgen aber auch „echte“ Influencer*innen für einen Peak im Dashboard des Online-Shops. Zum Beispiel, als die Comedian Maria Clara Groppler in Köln die Sticker entdeckt hatte – und in Instagram-Stories darüber spekulierte, welchen Anus man auf den Aufklebern überhaupt sehen würde.

Wer sind die Models?

Genau diese Frage bekäme David Rieck natürlich relativ häufig gestellt. „Nein, ich bin auf keinem Sticker zu sehen“, stellt er klar. Während ganz am Anfang noch mit einem im Internet gefundenen Foto gearbeitet wurde, seien heute längst alle Motive selber produziert. „Ich habe einen befreundeten Fotografen gefragt, der auch Erotikaufnahmen macht. So kamen dann die ersten Shootings zustande“, erzählt Rieck. Heute würden sogar immer wieder Anfragen bei ihm ankommen oder direkt Fotos geschickt. „Einige finden das Projekt einfach witzig, für andere ist es ein erotischer Traum und Kick – da ist wirklich alles dabei.“

Im Frühjahr hat David Rieck die Marke schützen und beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen lassen. Trotz der zunehmenden Professionalität und erweiterten Produktpalette bleibt anusticker.de aber ein Nebenprojekt. „Ich mache das als Einzelunternehmer“, so Rieck, der in einer leitenden Position im Marketing arbeitet. Support bekäme er von seiner Freundin; auch der Kumpel, mit dem er ursprünglich auf die Idee gekommen war, supporte inzwischen wieder.

David Rieck freut sich, dass er mit der Idee aus einer Bierlaune heraus inzwischen auch ein wenig Geld verdient. „Es geht mir aber immer noch vor allem um den Spaß. Besonders, wenn mir Leute Fotos aus Nepal schicken, die gerade einen Aufkleber geklebt haben. Oder wie letzte Woche eine Bestellung aus Hongkong reinkommt.“ Das sei der größte Antrieb. Sein Wunsch sei aber, dem Projekt auch noch einen guten Sinn zu geben – „eine Kampagne zur Prostata-Vorsorge zum Beispiel. Da hätte ich richtig Lust drauf.“