Das Valley of Death: Warum viele Startups in Deutschland nicht durchstarten können

Martin Gardt16.5.2026

Geld ist am Anfang da, Ideen sowieso – aber zwischen erster Förderung und echtem Scaleup klafft eine Lücke. Das steckt dahinter

Matthias Notz, CEO der Start2 Group, weiß ziemlich genau, was deutsche Startups brauchen (Foto: Lena Ganssmann)
Inhalt
  1. Das Valley of Death: Wenn die Förderung endet und das Kapital ausbleibt
  2. 80 Prozent der großen Exits gehen ins Ausland – und das Kapital gleich mit
  3. Sechs Ansätze, die wirklich helfen könnten
Regulierung, Investorenflucht und das „Valley of Death" – das sind die Feinde von Health-Startups in Deutschland. Wir zeigen, warum Gründen im Gesundheitsbereich hierzulande besonders schwer ist, wo das System versagt – und welche sechs Ansätze wirklich helfen könnten.
Eigentlich sind die Bedingungen perfekt. Das Gesundheitssystem hat offensichtliche Probleme – und die sind ja oft die beste Grundlage für Startups. Es gibt Talent, es gibt Ideen, der Markt ist riesig. Und trotzdem scheitern Health-Startups – und Startups allgemein – in Deutschland auffällig oft. Nicht weil die Ideen schlecht sind. Sondern weil irgendwann das Geld ausgeht.
Genau das war das Thema beim Tagesspiegel Fachforum zur Startup-Förderung in Berlin. Thema: "Von Einhörnern und (geplatzten) Träumen − Wo stehen wir in Deutschland bei der Startup-Förderung 2026?". Mit dabei: Gründer*innen, Investor*innenn, Bundespolitiker*innen und TK-Chef Dr. Jens Baas. Das Ergebnis: eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Fotos: Lena Ganssmann

Das Valley of Death: Wenn die Förderung endet und das Kapital ausbleibt

Auf dem Event in Berlin sind sich an dem Tag alle einig: Das "Valley of Death" ist eines der größten Probleme deutscher Startups. Damit ist die Phase gemeint, in der staatliche Anschubfinanzierung ausläuft, das Startup aber noch nicht profitabel genug ist, um klassische Investor*innen zu überzeugen. Für Health-Startups ist dieses Tal besonders tief – und besonders lang.
Warum? Weil der Gesundheitsmarkt nicht wie andere Märkte funktioniert. Wer hier ein digitales Medizinprodukt entwickeln will, braucht nicht nur eine gute Idee und ein paar Entwickler*innen, sondern muss durch einen regulatorischen Hindernisparcours, der seinesgleichen sucht. Lena Hornecker von der Bitkom beschreibt das Szenario beim Fachforum so: Wer eine Software als Medizinprodukt entwickle, habe nicht nur das übliche Gründungsproblem – also die Steuernummer, die drei Monate auf sich warten lässt –, sondern muss on top die Medical Device Regulation erfüllen. Steckt in der Software auch noch KI, kommt die KI-Verordnung dazu.

80 Prozent der großen Exits gehen ins Ausland – und das Kapital gleich mit

Was passiert, wenn deutsche Health-Startups doch mal skalieren? Sie verlassen Deutschland. Dr. Achim Plum, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds, wirft eine Zahl in den Raum: 80 Prozent der Exits über 20 Millionen Euro gehen ins Ausland – meistens in die USA. Das Dilemma ist simpel: Man hänge am Skalierungsrisiko in Europa fest. Wer aus der Studentenbude gegründet habe und plötzlich zwei, drei Millionen Euro angeboten bekomme, verkaufe. Verständlich. Aber fatal für das Ökosystem.
"Ich wünsche mir eine größere Liebe für diejenigen, die gründen. Die deutsche Debatte spiegelt nicht wider, wie relevant die Startup-Welt ist", sagt Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Grünen. "Was mir allerdings Sorge macht, ist das 'Valley of Death'. Gerade die späteren Phasen werden für Startups oft zum Knackpunkt. Hier muss sich etwas tun."

Sechs Ansätze, die wirklich helfen könnten

Beim Fachforum wird zum Glück nicht nur gejammert. Die Runde hat auch konkrete Ideen, wie es besser gehen könnte. Sechs davon schauen wir uns genauer an:

1. Kapital mobilisieren – nicht nur bereitstellen

"In Deutschland mangelt es nicht an Kapital – es muss nur mobilisiert werden", sagt Dr. Kati Ernst, Gründerin von ooia und Vorstandsmitglied im Deutschen Startup-Verband. Frankreich habe die Förderung von KI-Startups zur Staatssache gemacht. Italien schaffe Steueranreize, damit Pensionskassen in VC-Fonds investieren, Business Angels bekommen dort gezielte steuerliche Entlastungen.

2. Bürokratie abbauen – wirklich

Thomas Jarzombek, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, spricht beim Fachforum das Projekt "Schneller Gründen" an. Das Ziel: Steuernummer, Handelsregistereintrag und Co. endlich digitalisieren und beschleunigen. Darüber hinaus macht er sich stark für die "EU Inc." als einheitliche europäische Gesellschaftsform.

3. Den Staat als Ankerkunden ernst nehmen

Eine weitere Idee: Der Staat soll nicht nur fördern und regulieren – er soll auch kaufen. Jarzombek erzählt, wie das in der Raumfahrt funktioniert hat: Der Bund kauft die ersten beiden Raketenstarts bei deutschen Startups. Aus einem davon wird Isar Aerospace. "Der Staat sollte als Ankerkunde und Türöffner fungieren."

4. Strukturen vereinheitlichen

"Was wir brauchen, sind einheitlichere Strukturen", sagt TK-Chef Baas. Die Forderung: eine standardisierte digitale Identifikation im Gesundheitssystem, harmonisierte Prozesse, einheitliche Schnittstellen. Heute müsse ein Health-Startup sein Produkt faktisch mehrfach entwickeln – je nach Bundesland, Kostenträger oder Systemlandschaft. Vanessa Schmoranzer, Gründerin von Neostability, ergänzte, dass es dafür auch ein übergeordnetes Zielbild braucht – und jemanden, der es durchsetzt: „Wir müssen klären, wer orchestriert, wie die Rollen verteilt sind – und wie aus vielen guten Einzelinitiativen ein funktionierendes Gesamtsystem wird." Ihr Vorschlag: ein "National Scale Office" als operative Einheit, die sich explizit um die Skalierungsphase kümmert.

5. Mehr Frauen zum Gründen bringen

Seit Jahren gibt es in Deutschland eine Gründungslücke: Der Anteil von Frauen an Startup-Gründenden liegt in Deutschland bei nur 19 Prozent. Und das trifft den Health-Bereich besonders hart, weil Frauen überproportional häufig genau dort gründen – im Impact- und Gesundheitsbereich. "Wir als Land lassen die Frauenpower in dem Sektor liegen!", sagte Matthias Notz, CEO der Start2 Group. Julia Neuen, Gründerin und CEO von peaches, kennt die Hürden aus eigener Erfahrung. Ihr Appell: "Wir müssen Hürden abbauen und insbesondere mehr Frauen dazu bringen, ihre unternehmerischen Ideen umzusetzen."

6. Den Reinvest kultivieren – und Zeit lassen

Der wichtigste – und am schwersten erzwingbare – Ansatz. Das Ökosystem muss lernen, sich selbst zu ernähren. Matthias Notz erklärt das Silicon-Valley-Prinzip so: "Viele fragen sich, was das Silicon Valley so erfolgreich macht. Das Geheimnis ist der 'Re-invest': Die Gründerinnen und Gründer, die hier groß werden und einen erfolgreichen Exit machen, bleiben im Ökosystem aktiv: Sie stecken ihre Zeit und ihr Geld wieder ins System, re-investieren, engagieren sich in Boards oder als Mentoren. Das geschieht seit 40 Jahren, der Re-invest steigt Jahr für Jahr!"

Fazit: Das Problem ist lösbar – wenn der Wille da ist

Health-Startups und Startups insgesamt scheitern in Deutschland selten an schlechten Ideen. Sie scheitern an Regulierung. An Investoren, die das Risiko scheuen. An einem Gesundheitssystem, das zu zersplittert ist. Und an einem kulturellen Klima, das Scheitern noch immer als Makel behandelt – statt als das, was es ist: bezahltes Lernen.
Perfekt passend dazu: Jens Baas hat gerade mit Georg Kofler, Unternehmerlegende und Höhle-der-Löwen-Veteran, live auf der OMR-Stage über das Gründen in Deutschland diskutiert. Was läuft falsch? Wer ist schuld? Wie können wir das besser machen. Die komplette Diskussion gibt's jetzt als Episode des TechVisite Podcasts der Techniker Krankenkasse.
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Martin Gardt
Autor*In
Martin Gardt

Martin kümmert sich vor allem um neue Artikel für OMR.com und den Social-Media-Auftritt. Nach dem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft ging er zur Axel Springer Akademie, der Journalistenschule des Axel Springer Verlags. Danach arbeitete er bei der COMPUTER BILD mit Fokus auf News aus der digitalen Welt und Start-ups. Am Wochenende findet Ihr ihn auf der Gegengerade im Millerntor.

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