Wie man mit 160 Videos an einem einzigen Tag den Tiktok-Algorithmus bezwingt und aus dem Nichts eine Millionenreichweite aufbaut, beweist aktuell der Ex-Investmentbanker Alexander Pfahl alias "Unc". In der aktuellen Folge von OMR Takeaway analysiert OMR-Chefredakteur Roland Eisenbrand den Case, der zeigt, wie Social-Media-Erfolg derzeit funktioniert. Flankiert wird der Deep Dive von drei Plattform-Updates: Während Whatsapp Nutzernamen einführt und Linkedin Co-Autoren-Tools ausrollt, stellt Google traditionelle Verlage vor ein KI-Ultimatum.
"Unc" Alexander Pfahl: Mit Content-Gewitter zu 100 Millionen Views
Der kometenhafte Aufstieg von Alexander Pfahl – im Netz besser bekannt unter seinem Pseudonym "Unc" (abgeleitet vom englischen Uncle und aktuell eine Bezeichnung für Boomer) – zeigt, wie eine Content-Flut heute zum Tiktok-Erfolg führen kann. Der ehemalige M&A-Berater wollte gemeinsam mit einem Schulkumpel ein Startup für fermentierte Lebensmittel (u.a. Sauerkraut) namens Culture Food gründen und suchte nach einem Hebel für maximale Aufmerksamkeit.
Statt viel Zeit in perfekt polierte Hochglanz-Produktionen zu stecken, startete Pfahl auf Anraten eines befreundeten Creators ein Content-Experiment auf Tiktok. Er rotzte ultrakurze, ungefilterte Videos in unfassbaren Mengen heraus. Roland Eisenbrand beschreibt das extreme Ausmaß: "Er hat mal in einem Podcast erzählt, dass ein Tag mit 50 Videos quasi ein unproduktiver Tag gewesen wäre und er an einem Tag sogar mehr als 160 Videos hochgeladen hat." Weil Tiktok den Content nach Interessen und nicht nach Follower-Zahlen ausspielt, funktionierte dieser Ansatz für einen komplett neuen Kanal offenbar perfekt.
Neben dem reinen Massen-Output perfektionierte Pfahl eine extrem effektive "Comment-to-Content"-Strategie, bei der er auf Nutzerkommentare ausschließlich in Videoform antwortete. Dadurch kreierte er ganze Rabbit Holes in den Kommentaren, welche die Verweildauer der User in die Höhe trieben und das organische Community-Building aktivierten. Zwar platzte das eigentliche Sauerkraut-Startup einen Tag vor dem Notartermin, weil sein Mitgründer absprang, doch der virale Erfolg blieb: Pfahl verzeichnet heute über 80.000 Follower sowie 100 Millionen Views auf Tiktok und monetarisiert diese Reichweite erfolgreich als hochbezahlter Affiliate-Creator für ESN und More Nutrition. "Ich glaube alle, die sich für das Thema Build in Public interessieren: Schaut euch den Account an. Guckt euch an, was ihr davon mitnehmen könnt und beobachtet es auch in Zukunft, wie er seine Sauerkraut-Marke vielleicht noch aufbaut."
Das sind deine Takeaways:
- Massen-Output bezwingt den Interest Graph: Durch das massenhafte Hochladen von bis zu 160 Videos pro Tag lassen sich moderne Empfehlungs-Algorithmen effektiv triggern.
- Rabbit Holes durch Video-Antworten: Die konsequente "Comment-to-Content"-Taktik fesselt Nutzende in den Kommentarspalten und maximiert die Watchtime.
- Erfolgreiches Build in Public: Der transparente Einblick in den Startup-Aufbau schuf eine loyale Community und ebnete trotz geplatzter Gründung den Weg für profitables Creator-Marketing für ESN und More Nutrition.
- Erfolgsformel für Inhalte: Kürzere Formate, die auf humorvolle Weise Mehrwert in Listenform (z. B. Karrierefehler) oder unzensierte Meinungen transportieren, erzielen die stabilsten Aufrufzahlen.
Whatsapp-Handles: Jetzt Nutzernamen sichern
In der aktuellen Takeaway-Folge schaut Roland außerdem auf drei aktuelle News aus der Marketing-Welt. Derzeit viel diskutiert: Whatsapp führt offiziell Benutzernamen ein. Nutzende müssen in Zukunft keine Telefonnummern mehr austauschen, um sich miteinander zu verknüpfen. Jetzt schon wichtig: Marken und Unternehmen können sich ihre etablierten Handles von Instagram und Facebook direkt sichern und reservieren, um Missbrauch vorzubeugen. "Dahinter steht, dass Meta Whatsapp als Plattform noch weiter stärken will, mehr Creator draufziehen will. Potenziell wird's dann natürlich auch als Abspielstation von Werbung interessanter." Brands sollten nicht zögern und ihre Marken-Handles jetzt präventiv in den Kontoeinstellungen sichern.
Das sind deine Takeaways:
- Abschied von der Telefonnummer: Whatsapp führt Benutzernamen ein, was die Hürde für die Vernetzung auf der Plattform drastisch senkt.
- Schutz für etablierte Marken: Unternehmen können ihre existierenden Handles von Facebook und Instagram direkt für Whatsapp reservieren.
- Fokus auf die Creator Economy: Durch die leichtere Auffindbarkeit via Handle will Meta mehr Creator und folglich attraktivere Werbeumgebungen auf Whatsapp etablieren.
B2B-Hebel auf Linkedin: Collaborative Posts und Corporate Humor
Linkedin kündigt das offizielle Roll-out von "Collaborative Posts" an. Ähnlich wie bei Instagram können damit in Zukunft mehrere Profile als gleichberechtigte Co-Autoren eines einzigen Beitrags im Feed auftreten. "Vielleicht ist da auch die Hoffnung von Linkedin, dass wenn man so einen Collab Post mit einem Creator macht, das Unternehmen diesen Beitrag mit Werbebuchung pusht." Die Collab-Posts bieten Marken also ein Werkzeug, um Mitarbeiter-Content direkt über die Corporate-Reichweite zu hebeln – oder andersrum.
Wie unterhaltsames und hochgradig erfolgreiches B2B-Marketing auf LinkedIn aussehen kann, zeigt laut Roland das Software-Startup tl;dv rund um Gründer Rafael Allstadt. Das Team parodiert in kurzen, pointierten Videos gängige Corporate-Rollen und generiert damit enormes organisches Engagement. Roland rät B2B-Marken, genau hinzusehen, zumal Linkedin zeitgleich an einem Comeback des Video-Feeds arbeitet: "Von tl;dv kann man da einiges lernen, wie man das clever und unterhaltsam macht und auch so, dass es viel Engagement auf Linkedin bringt."
Das sind deine Takeaways:
- Co-Autoren: Linkedin führt Collaborative Posts ein, bei denen mehrere Profile gemeinschaftlich als Absender im B2B-Feed auftreten können.
- Hebel für Werbebudgets: Unternehmen können Collaborative Posts nutzen, um authentischen Mitarbeiter-Content mit bezahltem Budget reichweitenstark im Feed zu pushen.
- Erfolgsmodell Corporate-Humor: Das Software-Startup tl;dv demonstriert, wie humorvoller Video-Content das B2B-Engagement massiv ankurbelt.
Das KI-Ultimatum: Wie Google die Verlage unter Druck setzt
Zum Abschluss der News-Runde wird deutlich, wie Google aktuell die Daumenschrauben gegenüber traditionellen Verlagen und Medienhäusern anzieht. Um die Vormachtstellung der eigenen KI-Dienste wie Gemini oder den Google News Zusammenfassungen zu sichern, fordert der Tech-Konzern laut The Information weitreichende Rechte: Verlage müssen Google erlauben, die eigenen KI-Modelle bedingungslos mit ihren journalistischen Inhalten zu trainieren. Im Gegenzug wird den Medien die Karotte einer vermeintlich höheren KI-Sichtbarkeit präsentiert. "Das ist für mich so ein weiteres Signal dafür, dass Google-Traffic nicht mehr verlässlich sein wird in Zukunft, sondern dass es nur noch um Sichtbarkeit und Erwähnung gehen kann."
Verlagen, die dieses Angebot ausschlagen, droht finanzieller Schaden. Google hat bereits durchblicken lassen, dass in diesen Fällen das etablierte "Google Showcase"-Programm – über das Medienhäuser bislang direkte Lizenzzahlungen für ihre Inhalte erhielten – für sie ersatzlos gestrichen wird.
Das sind deine Takeaways:
- Erpressung um Trainingsdaten: Google verlangt von Verlagen die Rechte für das KI-Training im Tausch gegen Sichtbarkeit in Gemini und Google News.
- Lizenzstopp für Abweichler: Publisher, die dem Trainings-Deal nicht zustimmen, werden aus dem finanziell lukrativen Google-Showcase-Programm geworfen.
- Der unzuverlässige Traffic: Der Fall zementiert den Trend, dass klassischer Klick-Traffic versiegt und die bloße Erwähnung im KI-Raum zur neuen Überlebenswährung wird.
