Im Alter von 9 hat er einen Politik-Newsletter gestartet – mit heute 50.000 Abonnenten

Gabe Fleisher, Gründer von „Wake Up To Politics“ im Oktober 2017 (Quelle: Full Frontal with Samantha Bee)

Der 18-jährige Politik-Nerd Gabe Fleisher ist Herausgeber des täglichen Newsletters "Wake Up To Politics"

Als Gabe Fleisher gemeinsam mit seinem Vater und seiner älteren Schwester zur ersten Amtseinführung zum US-Präsidenten von Barack Obama 2009 fährt, ist es um ihn geschehen: Das Interesse an Politik lässt ihn nicht mehr los. Zwei Jahre später, im Alter von neun Jahren, startet er mit „Wake Up To Politics“ seinen eigenen Newsletter, in dem er seitdem täglich politische Themen aufgreift und kommentiert. Heute kommt er auf 50.000 Abonnenten. OMR zeichnet seinen Werdegang nach und stellt weitere Teenager vor, die es dank politischem Interesse zu reichweitenstarken Online-Publishern gebracht haben.

Im Großteil aller Fälle dürften Kinder mit neun Jahren vermutlich Dinge wie Videospiele, Sport oder einfach nur irgendwelche Flausen im Kopf haben. Nachrichten schauen oder lesen und das auch noch zu politischen Themen? Mal ehrlich: Als ich in dem Alter war, lieferten sich Fußball und Pokémon täglich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um meine Aufmerksamkeit. Bei Gabe Fleisher lief das schon sehr früh alles ein bisschen anders. Seit der Amtseinführung von Barack Obama zum US-Präsidenten ließ ihn die Faszination am politischen Geschehen nicht mehr los – da war er gerade sieben Jahre alt. Zwei Jahre lang redete er quasi von nichts anderem als Politik. Bis seine Mutter ihm vorschlug, er sollte das einfach in einer Mail zusammenfassen und ihr schicken.

Zu dem Zeitpunkt ist Gabe Fleisher gerade in der dritten Klasse und neun Jahre alt. Und seine Mutter wird zur ersten Abonnentin seines Newsletters „Wake Up To Politics“. Von Anfang an verzichtet Fleisher darauf, Dinge künstliche aufzubauschen und Sensationen zu kreieren, schreibt sachlich und vermeidet Emotionen und eigene Meinung. Er habe versucht, Magazinen wie Politico, die er schon damals gelesen hat, nachzueifern.

Das Kinderzimmer als Redaktion

Gabe Fleisher schreibt in der Folge aus den „Wake Up to Politics world headquarters“, wie er sein Kinderzimmer lange im Newsletter nennt. Der Name des Newsletters selber entsteht, weil er genau so die Inhalte produziert: Er steht deutlich früher auf, investiert bis zu zwei Stunden, um zahlreiche Medien zu scannen und die für ihn wichtigsten Nachrichten für jeden verständlich zusammenzufassen – und geht dann zur Schule. So habe zumindest seine tägliche Routine bis zum Start der Corona-Krise Anfangs des Jahres ausgesehen, wie er im Gespräch mit Columbia Journalism Review verrät.

Auf rund 50.000 Abonnenten habe es der heute 18-Jährige mit seinem Newsletter gebracht. Auf Twitter folgen ihm fast 28.000 User, auf Facebook kommt er auf rund 6.600 Likes, der noch recht inaktive Instagram-Account hat noch unter 1.000 Abonnenten. Einen nicht unwesentlichen Anteil für seine steigende Bekanntheit und das Wachstum seines Newsletter-Verteilers dürfte ein Porträt der New York Times 2017 sowie ein Scoop geleistet haben, der Gabe Fleisher im Mai 2019 gelungen war.

Journalist, Podcaster, Student

Auf einem lokalen Blog der Demokratischen Partei in Sioux City, Iowa, wurde der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio als Gast angekündigt – und als kommender Präsidentschaftskandidat. Dass sich de Blasio um eine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten bewerben wollte, war zu dem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht öffentlich. Das änderte der „Wake Up To Politics“-Gründer mit einem Tweet und war in der Folge nationales Gesprächsthema.

Gabe Fleisher würde sehr gerne mal für die Washington Post oder die New York Times arbeiten. Seit Januar 2020 veröffentlich er gemeinsam mit dem St. Louis Public Radio einen „Wake Up To Politics“-Podcast. Und seit Mitte August studiert er an der Georgetown University in Washington D.C. – und kann dem politischen Zentrum des Landes so noch näher kommen. Direkte Umsätze, beispielsweise durch die Einbindung von Werbepartnern oder anderer Kooperationen, generiert Gabe Fleisher mit seinem Newsletter übrigens bisher nicht. Dafür hat der junge Journalist einen Paypal-Spenden-Button auf der Webseite des Newsletters eingebunden, über den ihn seine Leser finanziell unterstützen können.

Nachrichten für die Generation Snapchat

Ein wenig älter als Gabe Fleisher, mit 13 Jahren aber immer noch sehr jung war Olivia Seltzer, als sie mit „The Cramm“ ihre eigene News-Seite startete. Seit 2017 aggregieren sie und ihr Team die wichtigsten Nachrichten des Tages und verschicken diese zielgruppengerechte Zusammenfassung per Newsletter, per SMS oder auf Social Media Plattformen. Der Ansatz, auch komplizierte Themen so einfach verständlich wie möglich zu formulieren, ähnelt dem von Gabe Fleisher. Und auch für sie ist „The Cramm“ kein kleines Hobby-Projekt. Ihr großes Ziel sei, aus der Seite eine Nachrichtenquelle im Stile von BBC, NBC und CNN zu machen – für Teenager.

So wirbt „The Cramm“ auf der eigenen Seite dafür, sich für den Newsletter anzumelden.

Eine dann doch deutlich andere Art, Nachrichten zu konsumieren, zeigt die 17-jährige Sofia Frazer mit ihrem Instagram-Kanal „dailydoseofwokeness“ auf, dem derzeit über 60.000 User folgen. Dort postet sie vor allem Screenshots von Twitter-, Facebook oder Instagram-Posts anderer Kanäle. Diese drehen sich meistens um aktuelle Ereignisse oder kommentieren diese – und Frazer ordnet sie häufig in einem knappen Kommentar ein. Instagram sei ein einfacher und zugänglicher Weg für viele junge Menschen, sich mit aktuellen Entwicklungen in der Welt zu beschäftigen, so Frazer.

Online-Wahlkampf in den USA

Ebenfalls in den USA sorgte zuletzt ein weiterer Instagram-Account für Aufsehen. Ein 15-jähriger Teenager aus Kalifornien hatte Anfang des Jahres das Profil @TeamJoeBiden gestartet und die Sommerferien dafür genutzt, Content zu erstellen. Videoausschnitte prominenter Biden-Supporter, die sich positiv über den Präsidentschaftskandidaten äußern, und allgemeine, informierende Inhalte zu Wahlthemen ließen den Eindruck entstehen, es könnte sich um einen offiziellen Account von Bidens Wahlkampfteam handeln. Das sorgte nicht nur dafür, dass das Profil rund 85.000 Abos generierte, sondern machte vor allem auch das echte Kampagnenteam hellhörig.

Laut The Verge nahmen Biden-Mitarbeiter schnell Kontakt zum 15-Jährigen auf. Das Ergebnis: Der Account wurde für einen nicht genannten Preis übernommen, in @votejoe umbenannt und kommt heute auf über 100.000 Abos. Der Gründer im Teenager-Alter produziert weiter Inhalte und arbeitet neben der Schule als Freiwilliger für die für Social Media und Audience Development verantwortlichen Teams. Die Kampagne wolle mit dem Account vor allem User Generated Content von Biden-Supportern pushen.

Digitaler, demokratischer Wahlkampf

Die Kampagne von Joe Biden war schon vorher mit einigen mutigen digitalen Wahlkampf-Entscheidungen aufgefallen, mit denen offenbar ganz gezielt junge Zielgruppen angesprochen werden sollen. So stellte das Team in Nintendos enorm erfolgreicher Aufbausimulation „Animal Crossing New Horizons“ digitale Wahlkampfschilder auf. Das Spiel für die Konsole Switch hat seit der Markteinführung im März diesen Jahres wohl auch dank der genau zu diesem Zeitpunkt startenden Corona-Krise einen enormen Hype aufgebaut und ist schnell zu einem popkulturellem Phänomen geworden. Dass ACNH, so die Kurzform, deshalb nicht nur Millionen Spieler, sondern schnell auch geschäftstüchtige Marken angezogen hat, haben wir in einem ausführlichen Porträt bereits analysiert.

Schauspieler Adam Goldberg sammelt auf Cameo.com Geld für den Wahlkampf von Joe Biden.

Und auch auf die Videogruß-Plattform Cameo hat Bidens Wahlkampfteam die Kampagne ausgeweitet. Auf der Seite können sich Fans persönliche Clips von über 15.000 (mehr oder weniger) prominenten Menschen aus verschiedensten Branchen kaufen. Über 300 Millionen US-Dollar soll das Unternehmen bereits wert sein; zu Testzwecken hatten wir Ende 2019 Skandal-Schauspieler Charlie Sheen und Rap-Legende Ice-T gebucht. Seit dem Start der Partnerschaft können sich prominente Biden-Supporter auf Cameo entscheiden, Teile ihrer Einnahmen dem Wahlkampf zu spenden. Bisher werden allerdings nur drei Personen in der Kategorie „Celebrities supporting political candidates“ gelistet und haben ein „Biden President Volunteer“-Logo auf ihrer Profilseite eingebunden.

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