Echtzeit-Abstimmungen über Facebook Live: Cleverer Growth Hack oder nur nervig?

Wir erklären und testen den neuesten Facebook-Hype

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Über den Newsfeed der Facebook-Nutzer ist in den vergangenen Wochen eine wahre Flut an Live-Videos hereingebrochen. Vor allen Dingen bauernschlaue Betreiber von Viralseiten versuchen mit Facebook Live offenbar, schnell und einfach Reichweite aufzubauen. Der neueste Trend: Abstimmungen in Echtzeit per Klick auf „Facebook Reactions“. Wir erklären, woher der plötzliche Hype kommt, wie das Ganze funktioniert – und probieren es selbst aus.

„Was ist dein Lieblingshaustier – Hund oder Katze?“ „Bier oder Wein, was trinkst Du lieber?“ „Was ist die beste Fernsehserie aller Zeiten“ Aber auch: „Brauchen wir eine neue Bundeskanzlerin?“ Oder: „Härtere Strafen für Kinderschänder?“ – Das ist nur eine Auswahl von Fragen, über die die Betreiber von Facebook-Seiten in der vergangenen Woche ihre Leser haben abstimmen lassen. Sie mussten dafür nur eine der „Facebook Reactions“ anklicken.

Abrufe im Millionen-Bereich

Häufig sind es Viralseiten (nicht selten ohne Impressum), die das Prinzip einsetzen – aber auch etablierte Publisher wie Chip oder Kino.de haben zuletzt Abstimmungen über Facebook Live durchgeführt. Bei reichweitenstarken Seiten wie Buzzfeed oder Unilad liegt die Zahl der Zuschauer, die solche Videos gleichzeitig schauen, teilweise im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Häufig generieren die Videos dann laut den von Facebook ausgewiesenen Zahlen Abrufe im Millionen-Bereich.

Einer der Streams von "Viral USA" zur US-Präsidentschaftswahl. Nach dem Stream löschen die Betreiber die Videos in der Regel wieder.

Einer der Streams von „Viral USA“ zur US-Präsidentschaftswahl. Nach dem Stream löschen die Betreiber die Videos in der Regel wieder.

Unter den frühesten Anwendern der Facebook-Live-Abstimmungen war erneut die ominöse Facebook-Seite „Viral USA“. Stunden vor Schließung der Wahllokale fragte die Seite bei Facebook bereits „Who will win the US Election 2016“ – mit entsprechenden Reaktionszahlen. Die Viral-USA-Betreiber gehören zu den ersten, die auf Facebook beeindruckende und häufig von anderen Urhebern geklaute Videos im Stream abgespielt haben, dadurch den Eindruck einer Live-Übertragung vermittelten, so beachtliche Reichweiten aufbauten und damit das Format „Facebook Live“ zu ihren Gunsten ausnutzten. So hatte Viral USA beispielsweise bereits im Oktober durch ein angebliches Live-Streaming von der Raumstation ISS enorme Reichweite generiert – und rief damit diverse Nachahmer auf den Plan. Viral USA verzeichnet mittlerweile knapp 960.000 Fans; der Seite „Share it“, die augenscheinlich ebenfalls zum Netzwerk der Betreiber gehört, folgen 130.000 Menschen.

Facebook spielt Komplize

Ein Großteil dieser Reichweite dürfte auf das clevere Vor-den-Karren-Spannen von Facebook Live zurückzuführen sein. Facebook will das Thema Live-Video stark pushen und investiert offenbar massiv in das eigene Streaming-Produkt. So bezahlt das soziale Netzwerk Medienunternehmen dafür, dass sie Facebook-Live-Inhalte erstellen. Im Oktober startete Facebook in den USA eine klassische Werbekampagne mit TV-Spots und Außenwerbung, um auch mehr Otto-Normal-User davon zu überzeugen, selbst mit Facebook Live zu streamen.

Publisher, die Facebook Live einsetzen, dürften mit den Streams deutlich bessere Chance haben als mit anderen Beitragsarten, im (von Facebook ja algorithmisch gefilterten) Newsfeed der Nutzer aufzutauchen. Teilweise verschickt Facebook sogar Benachrichtungen oder Push Messages an Nutzer, wenn Seiten, denen diese folgen, einen Live-Stream starten. Das alles steigert die potenzielle Reichweite des Formats und erhöht den Reiz für die Publisher, das System mit cleveren Tricks herauszufordern und für die eigenen Zwecke zu nutzen.

Erste Dienstleister ploppen auf

Die Live-Abstimmungen sind die jüngste Ausprägung dieser Entwicklung. Die ersten Abstimmungen, etwa bei Viral USA, waren zudem augenscheinlich Fakes: Die Videos wurden geloopt; die Klicks der Nutzer auf die „Facebook Reactions“ hatten in Wahrheit gar keine Auswirkung auf die Zahlen auf den Bildschirm. Mittlerweile haben findige Online Marketer Wege gefunden, um die Rückkopplung an Facebook Reactions zu ermöglichen und so die Nutzer wirklich abstimmen können zu lassen. Die Publisher müssen dafür ein Streaming über eine Drittsoftware wie „Open Broadcaster Software“ (OBS) oder Wirecast durchführen und dies mit Facebook Live verbinden. Die Kopplung an Reactions erfolgt über ein Javascript.

Der Boom um die Abstimmungen hat bereits clevere Online Marketer angelockt, die entsprechende Scripte zum Kauf oder die Abwicklung einer Live-Abstimmung als Dienstleistung anbieten, darunter die Berliner Agentur Sumago. Der Leverkusener Social-Media-Dienstleister Socialised.de stellt eine kostenlose Lösung inklusive Erklärvideo zur Verfügung:

Marketing-Chance für Advertiser?

Ob es für Marken, die nachhaltiges Marketing betreiben wollen, sinnvoll sein kann, selbst Abstimmungen über Facebook Live durchzuführen, um von den potenziell hohen Reichweiten zu profitieren, bleibt fraglich. Sie begeben sich damit in teilweise zweifelhafte Gesellschaft. „In ein paar Wochen werden sich hoffentlich alle schämen, die das eingesetzt haben“, kommentiert in einer Facebook-Gruppe, in der sich Fanpage-Admins austauschen, ein Mitglied die jüngste Flut an Facebook-Live-Abstimmungen.

Um selbst zu erfahren, welche Reichweiten Live-Abstimmungen bei Facebook erzielen können, und um herauszufinden, wie nachhaltig die Auswirkungen sein können, haben wir uns dazu entschlossen, das Ganze selbst auszuprobieren: mit einer Abstimmung über Abstimmungen. Wir werden Euch in den nächsten Tagen von unseren Erfahrungen berichten.

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Diskussion auf OMR
  • Birthe

    Ich finde die Facebook Live Pop Ups vor allem nervig.Wäre ganz angenehm wenn man die abstellen könnte.

  • voxs

    nur zum Newsletter-Betreff: „Werbung=Armensteuer?“
    Klar – aber gucken die nicht freiwillig den Trash drumrum?
    Ok, bin „alt“ und „ÖR-konservativ“ 🙂

    @Birthe: hier seh’ ich keine Popups: „uBlock origin“

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