Du bist nicht das Internet – Warum du dich von den neuesten Marketinghypes nicht vereinnahmen lassen solltest

Von der ständigen Suche nach dem nächsten großen Ding und längst vergessenen Erfolgsmodellen

Illustration: Nadia Faichney

Illustration: Nadia Faichney


Brütet Ihr auch schon über Eurer Wearables-Strategie? Kommuniziert Euer Unternehmen über ein Profil im neuen Social Network Ello? Und überlegt Ihr, wie ihr Snapchat in Euer Marketing integrieren könntet? In solchen Momenten kann ein kurzes Innehalten durchaus sinnvoll sein. Denn der trendgeile Marketingkosmos spiegelt selten die Wirklichkeit der Otto-Normal-User wieder. Da draußen gibt es durchaus noch Menschen, die sich darüber freuen, wenn sie Millionster Besucher einer Website sind oder sich über obskure Knuddel-Communitys lustige Emoticons hin- und herschicken können. Wir haben drei Beispiele für Internetfirmen herausgesucht, von denen man nie gedacht hätte, dass sie in der heutigen Zeit noch relevant sein können – die es aber durchaus noch sind. Bitte hier entlang zum Reality-Check.

AOL – Bin ich noch drin?

Sicher hatten hier die meisten vor einigen Jahren auch einen Internetzugang von AOL. CD ins Laufwerk legen, einwählen und surfen. Das war damals tatsächlich revolutionär, immerhin war AOL Anfang der 2000er mit 30 Millionen Kunden der weltweit größte Internetanbieter. Dies und weitere Unternehmensmeilensteine wie die Fusion mit Time Warner oder der Einstieg von Google für eine Milliarde US-Dollar sind allerdings längst Vergangenheit. Es ist ruhiger geworden um den Webpionier, zu dem auch so fast schon legendäre Dienste wie der Messenger ICQ und der Musikplayer Winamp gehörten. Umso erstaunlicher ist der Blick auf die aktuellen Zahlen des Unternehmens.

Nach außen gibt sich AOL gerne als Content-Company. Mit Seiten wie Huffington Post, TechCrunch oder engadget hat man auch einige prominente Namen im redaktionellen Köcher. Allerdings ist das Geschäft mit Inhalten noch nicht so umsatzstark. Dennoch konnte AOL im zweiten Quartal 2014 606,8 Millionen US-Dollar umsetzen. Einen Großteil davon – jetzt kommt es – kommt immer noch vom Geschäft mit Kunden, die für einen AOL-Internetanschluss zahlen, den sie vielleicht nicht einmal mehr nutzen. Unfassbare 2,34 Millionen Abonnenten waren es noch im zweiten Quartal diesen Jahres. In Worten: zwei Komma drei vier Millionen Menschen zahlen für einen AOL-Zugang und sorgen damit für 25 Prozent der gesamten AOL-Einnahme. Es dürfte sich dabei um hochprofitablen Umsatz halten.

Planet49 (eGENTIC GmbH)

Bei Gesprächen auf Parties sind wir immer wieder überrascht, dass selbst viele junge Leute bis heute nicht verstehen, wie das Prinzip von „Sie sind der Millionste Besucher“ überhaupt funktioniert: Firmen wie Planet49 kaufen im großen Stil billige Restplatz-Banner-Anzeigen und versprechen den bekannten Gewinn. Ahnungslose Menschen klicken und werden auf eine Landingpage weitergeleitet. Dort müssen sie sich registrieren und willigen (im Kleingedruckten) ein, dass ihre E-Mail-Adresse für Mailing-Aktionen für dritte Firmen genutzt werden darf. Planet49 und andere Firmen aus dem Segment bauen so Millionen von Adressen auf und bieten „normalen“ Kunden aus dem Automobil-Bereich, Versicherungen oder anderen, an diese Adressen zu „beschicken“. Den Gewinnspiel-Teilnehmern werden dann über Jahre per Mail vollkommen legal immer weitere Angebote gesendet, von Probefahrten bis Versicherung.

Screenshot: planet49-Popunder bei GMX

Screenshot: planet49-Popunder bei GMX


Da die Mail-Empfänger nach wie vor ausreichend häufig und gerne zugreifen, kann Planet49 von seinen Kunden viel Geld verlangen für jedes Mailing. Gezahlt wird auf TKP oder Cost-per-Lead-Basis. Ein Auto gewinnen dabei die wenigsten – wenn sie erstmal Adresse und Einwilligung abgegeben haben, werden sie zu willigen Mail-Empfängern. Man könnte jetzt denken, dass das ja nicht soviel Menschen machen und das Geschäft nicht so groß sein kann. Fehler. In 2012 machte Planet49 das heute eGENTIC heißt einen Bilanzgewinn von fast 17 Millionen Euro und einen Jahresüberschuss von rund 10 Millionen Euro. Das dürfte auch in 2013 und 2014 nur wenig schlechter werden, dank Internationalisierung nach Japan, China, Brasilien und Russland. Jetzt kommt ihr.

Jappy

Jappy kannte man vor Jahren, weil es immer in Artikeln und Strategie-Präsentationen über die größten Social Networks in Deutschland irgendwo hinter StudiVZ auftauchte. 2001 zuerst als Partnerbörse singletreffen.net gestartet wurde der Name vier Jahre später in Jappy geändert. Mit einem spielerischen Ansatz und einem Ranglistensystem wollte man sich von der Konkurrenz abheben. Zeitweise gelang das auch tatsächlich recht gut. 2011 gehörte Jappy gemessen an den Ad Impressions zu den Top 3 Publishern in Deutschland. Heute hat das inhabergeführte Unternehmen allerdings immer noch – und das ist schwer zu verstehen – noch 859.611 Mitglieder und die Jappy GmbH macht damit in 2013 einen entspannten Jahresüberschuss von knapp über 1,5 Millionen Euro.

Und was sagen uns diese drei Geschichte nun? Wir sind nicht das Internet. Wir schreiben ja auch viel darüber, was ganz vorne im Marketing so geht und was das nächste große Ding sein könnte. Manchmal wäre es allerdings vermutlich passender sich anzuschauen, was das vor-vorletzte große Ding gewesen ist.

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